Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gleichfalls gewöhnen; bis es dahin komme, sei eine Wehrsteuer gerechtfertigt. Eine Schrift von so „luiislürzlerischem" Charakter konnte nicht ohne Gegenschriften bleiben. Im Allgemeinen füllt Dem, der aus dem Antisemitismus unserer Tage in diese, angeblich so viel weniger vorgeschrittenen Zeiten zurückgeht, der anständige, ruhige, in/ der Regel wohlwollende Ton auch der Gegner lebhaft auf. Von Ritualmord und ähnlichen Verleumdungen wird denn doch nicht , gesprochen. Kräftiger Widerspruch fehlt allerdings nicht. Am energischsten erhebt ihn der große Göttinger Orientalist I. David Michaelis, der Vater der berühmten Caroline, der Gattin A. W. Schlegels und Schellings. Wie sein Nachfolger Paul Le Lagarde, hat Michaelis zu dem Volk und zu der Religion, mit deren Geschichte er sich in verdienstlichster Weise beschäftigte, niemals ein herzliches Verhältniß gewinnen können. Er bleibt ganz im Bann des Vornrtheils. Er zweifelt den Eid der Juden an; er stellt bereits; den „wehrlosen verächtlichen Judenstaat" in Aussicht. Ganz modern > klingt auch seine Besorgniß vor Vermehrung des „gelehrten Proletariats": „Sie zum Studiren zu ermuntern, wird doch wohl Herrn Dohms Vorschlag nicht sein, da gerade die übergroße Menge der Studirenden dem Staat so nachtheilig wird, daß schon Könige daran gedacht haben, die Anzahl zu mindern, wenn es nur ohne zu viel Einschränkung der menschlichen Freiheit möglich wäre. Diese Menge der Studirenden ist wirklich ein großes politisches Uebel, raubt anderen Gewerben so viel Hände und unter dem pedantischen Vorwand, der habe einen guten Kopf, er müsse studiren, die besten Köpfe, auch dem Soldatenstand so viel Hände; überlästigt den Staat mit Leuten, die ernährt werden wollen, macht sie selbst unglücklich, weil sie bei ihrer Menge erst spät befördert werden können, und hindert eben wegen der aus der Menge entstehenden späten Beförderung auf eine fürchterliche Weise die Ehen. Dies Uebel soll doch nicht noch vermehrt werden! Je mehr Studirende, je spätere Beförderung, je weniger oder endlich gar keine Ehen der Studirenden." (Schluß folgt.) EUILLETON Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XII. f oktor Alphons ries ein flachsköpfiges kleines Mädchen an und fragte das den Fremden wie etwas noch nicht Dagewesenes anstarrende Kind nach der Wohnung des Herrn Professor Steinhardt. Es dauerte eine Weile, bis die blonde Schwäbin die scharfeir St-Laute des Norddeutschen verstanden hatte. Endlich, unter Beihilfe einer sich rasch ansammelnden Korona von Altersgenossen, war das große Werk geglückt. „Ach, der Herr Schtainhaardt? Der blinde Herr? Der wohnt halt dort drobe!" Und sie wies mit dem bisher zur Erleichterung des Verständnisses im Munde behaltenen Fingerchen auf ein schräg gegenüberliegendes Haus, das. wenn auch niedrig und mit kleinen Fenstern, in seiner behaglichen Breite einen ganz stattlichen Eindruck machte. Es gehörte offenbar zu den Honoratiorenwohnungen der kleinen Stadt und schaute mit seinem rothen Ziegeldach, den augenscheinlich erst vor Kurzem geweißten Mauern und dem sauber gehaltenen, mit allerhand bunten Herbstblumen prangenden Vorgärtchen gar freundlich drein. „Dort wohnet er, bei der alten Frau Hofrath Himmelleitner, im erschte Schtock!" wiederholte die junge Ermatingeriu und fügte, muthiger geworden, hinzu: „Soll i den Herrn hinsühre? MeiBas, die Bärbel, dient bei der jungen Frau." Alphons setzte voraus, daß mit „der jungen Frau" Regina gemeint war, was ihm auf eine dahinzielende Frage bestätigt wurde. So stand er also vor Jemandem, den seine Schwester vermuthlich öfter sah und sprach! Obwohl er sich zur Noth getraut hätte, den Fahrdamm ohne weiteres Geleit zu überschreiten und das ziemlich vor seiner Nase stehende Haus allein zu finden, zog er es aus diesem Grunde vor, das freundliche Erbieten von Bärbels Base anzunehmen. Auf dem kurzen Wege aber, wie er es eigentlich vorgehabt, seine kleine Führerin weiter nach Regina zu fragen, konnte er nicht über sich gewinnen. Ihm bangte vor dem, was er hören würde. Während der ganzen Fahrt waren seine, durch Professor Lindenbergs Brief geweckten Befürchtungen stetig gewachsen. Und wenn jenes Haus sich auch äußerlich entschieden besser ausnahm, als er es, nach jenem Bericht, von ihrer Wohnstätte zu erwarten gewagt, hätte, wer konnte sagen, wie groß oder wie klein der Winkel darin, den sie augenblicklich ihr Heim nannte, war? Das Kind neben ihm schwatzte, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld, allerhand an ihn heran. Er nickte zuweilen mit dem Kopf, ohne eine Silbe zu verstehen. Erst Regina sehen. Regina! Jetzt hielt seine Gefährtin die Schritte an. „Hier ischt's!" Und um gewissenhaft ihre Führerpflicht bis zum Schluß zu erfüllen, lies sie ihm voran ins Haus, wies nach der im Hintergründe ins Obergeschoß hinaufführenden steilen Treppe und wiederholte nochmals: „Dort drobe ischt's!" Er entließ die Kleine mit einer Entlohnung für ihre Mühe, die ihre kühnsten Erwartungen zu übersteigen schien. Dann stieg er die schmalen, geraden Stufen, die zu der Annahme, die Frau Hofrath entlehne ihren Namen von ihrer Treppe, berechtigten, empor. Das Stiegenhaus lag bereits im Halbdunkel. Die Sonne war schon fort, und das noch durch ein großes Fenster hin einfallende Tageslicht wurde von mächtigen, vor jenem stehenden Bäumen so stark gedämpft, daß er oben vor der durch eine Lattenlhür von den Treppen abgeschloffenen Wohnung kaum die Schelle finden konnte. Schließlich war es ihm gelungen; er zog an, ein Heller, metallener Ton klang durch die Stille. Im nächsten Augenblick öffnete sich im Inneren der Wohnung eine Thür, um, umflossen von den letzten Abendsonnenstrahlen, eine Frauengestalt heraustreten zu laffen, von der er, gegen das Licht, wie er stand, zuerst nichts erkennen konnte als eine große, weiße, fast die ganze Figur einhüllende Schürze. Er vermuthete in ihr die vorhin erwähnte Bärbel und fragte daher, als sie ihm jetzt die Gitterthür öffnete: „Frau Professor Steinhardt zu sprechen, mein Kind?" „Alphons!" Seine Schwester, die Spröde, Undemonstrative, hing an seinem Halse und lachte und weinte in einem Athem. „Wo kommst Du her?" Er hielt sie fest umschlungen. „Regina, ich hätte Dich nicht erkannt in der Dunkelheit. Und Du, Du selbst thust Pförtnerdienste?" „Nun, das ist doch nicht schlimm!" lachte sie, wieder mehr in ihrer gewohnten sicheren Weise. „Aber ich laffe Dich wirklich auf der Treppe stehen! Komm doch, komm herein. Und sag' mir, wieso Du uns überhaupt ge- ■ funden hast." Er folgte in das vom Schein des scheidenden Tagesgestirns erfüllte Gemach, das, wie ihm ein flüchtiger Blick zeigte, sehr einfach ' eingerichtet war und nur hier und dort verstreut einige von Reginas