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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-30 · Heft 26 (30.6.1899) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 26 (30.6.1899)
Date
1899-06-30
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 dann bestätigten. Ein Mehreres als dieses vermag also auch kein Regent in dem verfeinerten Zustand der Bildung der neueren Zeit." Ein Mann, der mit so gesunden Anschauungen den herrschenden Vorurtheilen gegenüber trat, war aber auch zum praktischen Philanthropen geboren. Als .solchen hat ihm sein Buch „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" (I. 1781, II. 1783) unsterblichen Ruhm verschafft der erste eingreifende Versuch, die Emanzipation der Juden praktisch einzuleiten und durchzuführen. Dohm geht, was wohl zu beachten ist, von allgemein-politischen Gesichtspunkten aus, nicht von den spezifisch-aufklärerischen. Aber die Durchführung ist allerdings völlig von dem Gedanken der Toleranz beherrscht. Die Aufmerksamkeit aller Staaten war damals auf die möglichst rasche und dauernde Vermehrung der Bürger gerichtet. Nun wirft Dohm die Frage auf, wie es kommt, daß man trotz dieser vielfachen Bemühungen einer großen Zahl zu Bürgern geeigneter Unterthanen, nämlich den Juden, den Zutritt zu den Bürgerrechten verwehre. Nicht im Jntereffe der Juden also, sondern zunächst in dem des Staates tritt er dem Gedanken der Emanzipation nahe. Aber er führt ihn mit der ganzen Gedankenenergie des konsequenten Aufklärers durch. Religiöse Bedenken kennt er nicht. Als Anhänger der Vernunftreligion steht er — wie Lessing — jeder positiven Religion mit entschiedenen Bedenken gegenüber, der jüdischen nicht mehr als anderen. „Jede Religion flößt also ihren Anhängern eine Art von Abneigung gegen die aller übrigen ein, eine Abneigung, die bald mehr an Haß, bald an Verachtung grenzt, und die nach mannigfachen Stufen gestärkt und geschwächt erscheint, je nachdem die politischen Verhältnisse der verschiedenen religiösen Gesellschaften ihre Empfindungen gegen einander bestimmen, und je nachdem die übrige Kultur, der Einfluß der Philosophie und der Wissenschaften die Eindrücke der geheiligten Meinungen schwächer oder stärker gelassen haben. Wenn also jede Religion mehr oder weniger die natürlichen Bande der Menschheit zerreißt und diese Gefühle und Rechte nicht in gleichem Grade Denen bewilligt, die durch verschiedene Meinungen getrennt sind, wenn dieses eine natürliche Folge des behaupteten Vorzugs jeder Religion ist, so kann es nicht für einen Grund gelten, deshalb den Anhängern irgend eines Glaubens die Rechte der Bürger zu versagen." Andererseits leugnet er auch jede besondere Vorliebe für die Juden. Er giebt zu, daß sie neben Vorzügen, wie der Anhänglichkeit an den uralten Glauben ihrer Väter, gegenseitiger Hilfsbereitschaft, sittlichem Familienleben, Schwächen besitzen, zu denen er ihre „übertrjcbcne Neigung zu jeder Art von Gewinn" in erster Linie rechnet. Aber er sieht diese Mängel nicht als angeborene, unausrottbare Nationalkrankheiten an, sondern als Folgen des schweren Druckes, mit dessen Erleichterung auch sie abnehmen würden, und dann werde auch der Haß aufhören, den die Juden gegen die Christen hegen sollen. „Besonders ist von jeher unter allen Nationen den Juden Mangel an Treue und Ehrlichkeit, die wesentlichste Eigenschaft in dem einzig ihnen verstatteten Nahrungsmittel, dem Handel, Schuld gegeben worden. Jede kleine Betrügerei in demselben wird einer jüdischen Erfindung beigemessen, und die Münze eines Staates ist verdächtig, an welcher die Juden Antheil gehabt, oder die oft durch ihre Hände gegangen. Auch hört man an allen Orten, wo man zu duldend die Zahl der Juden sich zu sehr vermehren hat lassen, die Beschwerde, daß sie die ihnen erlaubten Nahrungszweige fast ganz an sich ziehen, und die Christen neben ihnen nicht aufkommen können. Aus diesem Grunde, fährt man fort, haben die Regierungen fast aller Staaten mit einer Gleichheit der Grundsätze, die schon allein auf ihre Güte schließen läßt, einschränkende Gesetze für diese Nation nöthig gefunden und fich gezwungen gesehen, nur bei ihr von der allgemeinen Regel der immer zu vermehrenden Bevölkerung abzuweichen. Sie haben diese dem Wohlstand der übrigen Bürger schädlichen Menschen nicht in gleiche Rechte mit denselben einsetzen können und sich entschließen müssen, bei den Wenigen, denen sie die Rechte der Menschheit gestatten, ein gewisses Vermögen zur Bedingung zu machen, das schon mehr in der sittlichen Ordnung erhält und von ungeselligen Vergehungen ableitet. Wenn ich nicht sehr irre, so wird bei diesem Raisonnement der Fehler begangen, daß man für die Ursache angiebt, was vielmehr die Wirkung ist, und daß man das Uebel, welches die bisherige fehlerhafte Politik hervorgebracht hat, zur Rechtfertigung derselben anführt. Ich kann es zugeben, daß die Juden sittlich verdorbener sein mögen als die anderen Nationen; daß sie sich einer verhältnißmäßig größeren Zahl von Bergehungen schuldig machen als die Christen, daß ihr Charakter im Ganzen mehr zu Wucher und Hintergehung im Handel gestimmt, ihr Religionsvorurtheil trennender und ungeselliger sei, aber ich muß hinzusetzen, daß diese einmal vorausgesetzte größere Verdorbenheit der Juden eine nothwendige und natürliche Folge der drückenden Verfassung ist, in der sie sich seit so vielen Jahrhunderten befinden. Eine ruhige und unparteiische Erwägung wird an der Richtigkeit dieser Behauptung nicht zweifeln lassen. Der harte und drückende Zustand, in welchem die Juden fast allenthalben leben, würde auch noch eine viel größere Verderbtheit derselben, als die, welcher man sie mit Wahrheit beschuldigen kann, wenn nicht rechtfertigen, doch erklären. Sehr natürlich wird durch denselben der Geist der Juden, der edlen Gefühle entwöhnt, in den niederen Geschäften des täglichen kümmerlichen Erwerbes versinken. Die mannigfachen Arten von Drückung und Verachtung, die er erfährt, müssen natürlich seine Thätigkeit Niederschlagen und jede Empfindung von Ehre in seiner Brust ersticken. Da ihm fast kein ehrliches Mittel, sich zu ernähren, übrig gelassen, so ist es natürlich, daß er zu Betrug und Hintergehung herabsinkt, zu denen ohnedem der Handel mehr als andere Arten des Erwerbes zu verführen pflegt. Wie darf man sich wundern, daß der Jude an Gesetze, die ihm kaum das Dasein verstatten, nur dann sich gebunden glaubt, wenn er sie nicht ungestraft übertreten würde? Wie kann man von ihm willigen Gehorsam und Liebe eines Staates fordern, in dem er sich nur insoweit geduldet sieht, als er im Stande ist, Abgaben zu entrichten? Wie wundert man sich über seinen Haß einer Nation, die ihm so viele und so empfindliche Beweise des ihrigen giebt? Wie kann man Tugend von ihm erwarten, wenn man ihm keine zutraut? Wie ihm Vergehungen vorwerfen, die man ihn zwingt, zu begehen, da man ihm keinen schuldlosen Erwerb gestattet, ihn mit Abgaben unterdrückt und ihm nichts übrig läßt, um für die Erziehung und sittliche Bildung seiner Jugend zu sorgen. Alles, was man den Juden vorwirft, ist durch die politische Verfassung, in der sie jetzt leben, bewirkt, und jede andere Menschengattung, in dieselben Umstände versetzt, würde sich sicher eben derselben Vergehungen schuldig machen." Als Ergebniß dieser Erörterungen macht Dohm nun eine Reihe von positiven Vorschlägen. Er fordert, daß sie „erstlich vollkommen gleiche Rechte mit allen übrigen Unterthaneu erhalten. Sie sind fähig, die Pflichten derselben zu erfüllen, und dürfen also auf gleich unparteiische Liebe und Vorsorge des. Staates gerechten Anspruch machen. Keine beschimpfende Unterscheidung müßte ferner geduldet, kein Weg des Erwerbes ihnen gesperrt, keine anderen als die gemeinen Auflagen von ihnen gefordert werden". Um sie zu allseitiger Thätigleit anzuleiten, solle man sie zweitens etwas vom Handel ab und dem Handwerk, drittens auch dem Ackerbau zuführen. Aber wenn sie Handel treiben, sollten sie viertens ihn ganz wie die übrigen Bürger treiben, unter anderem auch die Handelsbücher in deutscher, nicht mehr in hebräischer Schrift führen. Jede Kunst und Wissenschaft solle ihnen sechstens offen stehen, auch öffentliche Aemter, doch mit Vorsicht. Siebentens habe die Regierung für Bildung und Aufklärung der Juden, achtens für Verbreitung toleranter Anschauung, neuntens für völlige Freiheit des Gottesdienstes zu sorgen. Zehntens aber will Dohm doch noch an dem jüdischen Gesetz für Privatstreitigkeiten unter den Juden festhalten; nur sollen in den höheren Instanzen die ordentlichen christlichen Richter Recht ertheilen. Von Bedenken gegen diese Vorschläge scheinen ihm nur die aus der .Sonntagsruhe genommenen beachtenswerth; doch glaubt er auch hier an Ausgleich. An beii Militärdienst würden die Juden sich

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