Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-30 · Heft 26 (30.6.1899) · p. Seite 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 26 (30.6.1899)
Date
1899-06-30
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228338--55595-3291811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

308 und nahezu das Meiste, was in den inneren Verhältnissen gesund und lebenskräftig ist. ruht auf der ungeheuren Arbeit jener Zeit. - Der Glanzpunkt der Aufklärungsperiode ist die Herrschaft Friedrichs des Großen; ein charakteristischer Vertreter, dem die Juden noch ganz besonderen Dank schulden, wie nur wenigen Auserlesenen Dank geschuldet wird, ist Christian Wilhelm Dohm. Wir besitzen über diesen Staatsmann und Publizisten der Aufklärungszeit eine kurze Lebensbeschreibung von Falkmann in der „Allgemeinen Deutschen Biographie (Band V, Seite 297), über sein Wirken im Sinne der Emanzipation, speziell noch die gute Differtation von Franz Reuß: Christian Wilhelm Dohms Schrift „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden und deren Einwirkung auf die gebildeten Stände Deutschlands" (Kaiserslautern 1891). Er gehört übrigens — wie so Viele in jener verstandesklaren, hellen Zeit — nicht zu den Leuten, deren Leben oder Wirken große Räthsel aufgiebt. Geboren ist er am 11. Dezember 1751 zu Lemgo im Staate Lippe als Sohn eines Predigers. Früh begeisterte er sich für die philanthropische Thätigkeit des berühmten Pädagogen Basedow; der Enthusiasmus wurde bei persönlicher Bekanntschaft stark abgekühlt (es ging allen Bewunderern Basedows so); aber die bestimmende Richtung auf öffentlich erzieherische Wirksamkeit blieb. Er hatte erst Theologie, dann Jura studirt, war Pagenhofmeister in Berlin und Professor in Kassel gewesen; aber es lockte ihn. in amtlicher Stellung weiteren Kreisen seine Ideale zu vermitteln. Der preußische Musterstaat sollte ihm Gelegenheit schaffen, in dem großen Räderwerk dienend thätig zu sein. 1779 ward er als Archivar angestellt und wirkte im Auftrag der Regierung durch Schriften für die preußischen Interessen. 1786 wurde er geadelt, war als Gesandter an verschiedenen Stellen thätig und ward 1804 Kammerpräsident in Heiligenstadt, demselben Städtchen, in dem 60 Jahre später der Dichter Theodor Storni als Richter wirkte. Hier hat unsere herrliche Königin Luise die Nacht nach der Schlacht bei Jena angstvoll in seinem Hause verbracht. Als aber der Staat, mit dem die Aufklärer fast Götzendienst getrieben hatten, zusammenbrach, da zeigte sich wie bei Preußen so auch bei Dohm doch auch die Schwäche des Systems. Der Aufklärer war doch mehr Weltbürger als Patriot; wie der berühmte Geschichtsschreiber Johannes Müller — der immerhin kein Reichsdeutscher von Geburt war —, entschloß er sich, in die Dienste des Landesfeindes zu treten. Er mochte sich mit der Meinung, so seinem Lande am besten zu dienen, selbst überreden; es bleibt dennoch ein Flecken auf seinem Bilde. 1810 zog er sich aus dem Dienst des Königreichs Westfalen zurück und blieb von da im Privatleben, übrigens mit Hardenberg und anderen preußischen Staatsmännern ausgesöhnt und in lebhaftem schriftlichen Verkehr. Am 29. Mai 1820 ist er gestorben. Dohm hat als Staatsmann sicherlich Verdienste; in der Nachwelt wird er nur als Schriftsteller fortleben. Und zwar war er in erster Linie Historiker: sein Hauptwerk sind die „Denkwürdigkeiten meiner Zeit" (1814—1819 in 5 Bänden erschienen). Es ist ein vortrefflich klares und anschaulich geschriebenes Buch über die Verhältniffe des preußischen Staates bis zum Tode des großen Königs, vom Standpunkt des liberalen Politikers geschrieben, aber ohne Einseitigkeit des Fanatismus. Als Probe seines Stils setzen wir seine Schilderung Friedrichs des Großen und die für seine Zeit merkwürdig vorurtheilsfreie Friedrich Wilhelms I. her. „Wir sangen mit Beschreibung des Aeußeren an. Friedrich war ungefähr fünf Fuß fünf Zoll groß. Der Bau seines Körpers war dieser Größe angemessen, weder zu stark noch zu schmächtig; der Wuchs gut proportionirt, die Brust erhaben und breit, der Kopf ein wenig nach der rechten Seite hängend, welches man von der Gewöhnung beim Flötenspiel herleitete. Die Rase war lang, aber gut gebaut, die Augen von mäßiger Größe, blau, feurig und lebhaft, durchdringend und scharf, zu gewiffe» Zeiten von einer eigenthümlichen sanften Lieblichkeit belebt. Diese Augen, sowie die Züge des ganzen Gesichts, drückten das Innere seines Gemüths ungemein stark und mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit die Veränderungen desselben aus, so daß der Ausdruck des Zornes, HohneS und Unmuthes äußerst schnell mit dem der Ruhe, der Zusriedenheit und des Wohlwollens wechselte. Er hatte seine Gemüthsbewegungen in vollkommener Gewalt, so daß er ihren Ausbruch augenblicklich zurückzuerhalten, dagegen auch wohl, wenn er es gut fand, ihn stärker, als er fühlte, zu äußern vermochte. Eine ganz gleichgiltige, gar nichts sagende Miene hatte Friedrich wohl nur in höchst seltenen Augenblicken, vielleicht nie. Immer waren die Gestchtszüge der Rede angemessen. Sprach er geistvolle Worte, oder hörte er diese von Anderen, oder auch eine ihn stark bewegende Musik, so waren seine Gestchtszüge vorzüglich beseelt. Der Mund war höchst angenehm, der ganze Anstand des Körpers, vorzüglich in den jüngeren und männlichen Jahren, ausnehmend edel, der Gang durchaus nicht steif, etwas nachlässig, aber schnell und stolz, doch ohne dieses zu wollen oder im mindesten zu affektiren. Im jüngeren und mittleren Alter saß er vortrefflich zu Pferde, im "höheren Alter aber etwas gekrümmt und nachlässig." Man wird sich in mehreren Punkten — so bei der Steigerung des Zornes. — an Bismarck erinnert fühlen. Ein Gegenbild bietet die Charakteristik des Soldatenkönigs: „Friedrich Wilhelm I. war ein Mann von sehr gesundem Verstände, einem außerordentlichen Gedächtniß und richtige» Urtheil in Sachen, die er hinlänglich kannte. Nicht ausgebildet durch Wissenschaften, die er gering achtete, war er doch sehr begierig nach Kenntnissen, wenn sie ihm nützlich schienen, insofern er dieselben durch eigene Beobachtung und Erforschen von Andern, ohne Bücherlesen, erwerben konnte. In solchem Erforschen war er unermüdlich. Er liebte genaue Wahrheit und strenge Gerechtigkeit und eine fast übertriebene pünktliche Ordnung in seinen Geschäften, bekümmerte stch um alles selbst und war unglaublich thätig. Er fand stch leicht beleidigt und war geneigt zum Jähzorn, doch reute es ihn bald, und er suchte wieder gut zu machen, wenn er Jemandem Unrecht gethan zu haben glaubte. Widerspruch konnte er nicht ertragen, ' und von einmal gefaßten Meinungen war er schwer abzubringen. Jndeß wurde es den Verschlagenen, die stch in seine Laune zu schicken wußten, leicht, ihn einzunehmen und zu täuschen, und so war er oft, ohne es zu ahnen, das Werkzeug der Leidenschaft Anderer; doch wurde er sehr erbittert, sobald er merkte, daß dies der Fall gewesen sei." Wie sich Dohm in politischen, und geschichtlichen Anschauungen über seine Zeit zu erheben wußte, beweisen seine Ausführungen über die Anfänge des Staates. Während die Zeitgenossen noch wie Rousseau mit dem „ersten Menschen" operirten, erkannte und betonte Dohm die uranfängliche Gebundenheit des Menschen in staatlicher Gemeinschaft: „Ueberall, wo die ältesten Jahrbücher oder Reisebeschreiber in den entferntesten Zeiten und Weltgegenden uns Menschen zeigen, find dieselben, schon mehr oder minder vollkommen, mit einander verbunden. In den äußerst seltenen Fällen, wo man ein durch sonderbare Zufälle in früher Kindheit verirrtes menschlich^ Wesm ganz einzeln gefunden, war dasselbe ein Thier, das, wenn es nicht aufgefangen und gepflegt wurde, ohne sich fortzupflanzen als ein solches dahinwelken mußte. Aber wo unter allen Himmelsstrichen mehrere Menschen neben einander gefunden wurden, waren sie auch im Besitz von Eigenthum und Rechten und hatten bereits Einrichtungen getroffen, um diesen Besitz gegen fremden Angriff zu behaupten und ihn auch auf die Nachkommen weiter zu bringen. Wie dieser Besitz und diese Einrichtungen ursprünglich entstanden sein mögen, darüber fehlt überall die Kunde. So wie alles, was den Ursprung der Dinge betrifft, über alle Geschichte hinausreicht, so wiffen wir auch durchaus nichts vom Anfang der Gesetzgebung und gesellschaftlicher Einrichtungen. Wo die älteste schriftlich aufbehaltene Geschichte anhebt, da finden wir nirgends erste Gesetzgeber, die etwas ganz Neues geschaffen hätten, sondern überall nur Reformatoren, die das Bestehende, was schon vor ihnen da war, ausbefserte», ergänzten, näher bestimmten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.