Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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307 : fl* ^WWi u *»W besucht und den Beitrag nicht gezahlt haben, als ausgeschieden betrachtet werden, wenn sie nicht auf eine vorhergegangene Aufforderung durch den Vorstand bis zum 15. Juni er. ihre restirenden Beiträge zahlen. In der folgenden Neuwahl des Vorstandes und zweier Delegieren werden die bisherigen Herren durch Zuruf wiedergewählt. Zur beabsichtigten Gründung einer Vereinszeitschrift verhält sich die Versammlung recht sympathisch. Unter der Voraussetzung, daß der Verbandsvorstand bis zum 1. November er. das Programm hierzu bekannt giebt und dieses zufagt, verpflichten sich 13 Mitglieder durch Namensunterschrist zum Abonnement für die Dauer von 2 Jahren. Als Ort der nächsten Versammlung, welche am Pfingstdienstag stattfinden soll, wurde Lissa gewählt. Ein vom Kollegen Nathan-Rakwitz eingebrachter Antrag zur Wittwen- und Waisenkaffe wird durch ein inzwischen eingelausenes Schreiben des Verbandsvorsitzenden als erledigt betrachtet, und der Vorsitzende schließt die Versammlung um Uhr mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. Kollege Salomon-Kolmar dankte dem Vorstand für dessen Geschäftsführung und fordert die Versammlung zu einem Hoch auf den Vorstand auf, was bereitwilligst geschah. Nach dem gemeinsam eingenommenen Mittagessen unternahm der größte Theil der Kollegen einen Spaziergang nach dem Zoologischen Garten und verbrachte dort einige Stunden in heiterer Geselligkeit. Die Schriftführer Hopp-Kurnik. Becker-Wollstein. Merk s, Iuda! Von Moritz Steinhardt. ch fand auf meinem Schreibtisch ein unscheinbares Büchlein J von dreißig Druckseiten vor, das den Titel „Die Taufe" * trägt. Wie dieses Büchlein zu mir gekommen, weiß ich nicht. Ist es als Drucksache an meine Adresse gelaugt, oder hat es mein Söhnchen, der für Bücher ohne Unterschied der Form und des Inhaltes Interesse zeigt, irgendwo auf der Straße aufgelesen, wohin es ein Empfänger, in Uukeuutniß des Inhaltes und im Unmnth über die täglich so zahlreich einlaufenden Drucksachen, warf? Ich forschte auch gar nicht weiter nach der Herkunft dieses Hestchens, da der Titel mich neugierig machte. Das heißt, derselbe erweckte eher mein Mißtrauen als eine sehnsüchtige Begierde nach Erforschung des Inhaltes. Mein nächster Blick traf den unterhalb des Titels in kleineren Lettern ersichtlichen Namen des Verfassers „Gustav Levinstein". Dieser wirkte schon etwas beruhigender auf mich, trotzdem zögerte ich, als gläubiger Jude, noch immer, das Büchlein des ominösen Titels halber zu lesen. Vielleicht muß ich es zu meiner Schande gestehen, daß ich von dem Autor bisher nichts gehört habe, weil ich noch nicht lange genug in Deutschland lebe, und der Name deffelben noch nicht außerhalb dessen Grenzen gedrungen. Ich faßte mir ein Herz und las das Büchlein. Die Sage von Mohammed, daß dieser jede Nacht in den Himmel flog, um die Sünden seiner Anhänger angesichts des höchsten Gottes auf eine Tafel zu schreiben und nach seiner Rückkehr zur Erde sein Bett noch warm vorfand, wie er es verlassen, scheint doch nicht so ganz jeder Möglichkeit zu entbehren, wenn man dies Büchlein liest. Der Geist hat einen raschen Flug, der an Schnelligkeit den elektrischen Strom so ziemlich übertrumpfen dürfte. Die königliche und andere große Bibliotheken bergen gewiß die auserlesensten Perlen alter und zeitgenössischer Litteratur. Dicke Bände, Folianten, endlose »vissenschaftliche Abhandlungen und Historien altehrwürdiger Herrschergeschlechter. Dies alles hat der menschliche Geist geschaffen, derselbe Geist, der „Die Taufe" schrieb, und dennoch wird in all jenen Sammlungen geistigen Schaffens dieses Büchlein vielleicht fehlen. Dieses Büchlein, dem meine Zeilen gelten, habe ich in einer halben Stunde flüchtig gelesen, dann laS ich es nochmals eingehender eine Stunde; das sind im Ganzen eineinhalb Stunden. - Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, das ich erforschen, vervollkommnen und beendigen will, lese ich oft wochenlang am Urquell deffelben, und hunderle Druckseiten flogen an meinem Auge vorüber und durchwebten meinen Geist, und noch immer bin ich nicht ans Ziel gelangt. Für heute aber habe ich mein Tagewerk rascher vollbracht. Das Büchlein von Gustav Levinstein bestätigt die Sage von Mohammed nicht nur, sondern sie wird durch selbes zur That gemacht. Was zog da alles in dem kurzen Zeiträume von eineinhalb Stunden an meinem geistigen Auge vorüber! .Die moralisch-göttliche Lehre des einig-einzigen Systems des Wetzenbeherrschers, die geistige Geburt des Judenthums; die ganze Geschichte meines schwergeprüfte» und gelästerten Stammes lebte in mächtigen Gestalten in meinem Geiste auf und zog an meinem Auge vorüber. Der Abstrahl prägnanter Herrlichkeit der jüdischen Königreiche mit ihren erhabenen Tempeln und stolzen Burgen leuchtet aus diesem Büchlein, dieser göttlichen Sendung. Gepaart mit formvollendeter Sprache, strömt der poetische Geist eines Mannes aus dem Volke, das einen König Salomo als Dichter einst verherrlichte, und dessen Psalmen uns noch heute warmen, wohlduftenden Lebens- Hauch zufächeln. Zch habe leider nicht das Vergnügen, den Verfasser dieser gedankentiefen und herzenswarmen Schrift zu kennen, doch möge er allen Glaubenstreuen genannt sei», damit sie sich in den Geist dieses Merkchens vertiefen. Ich fühle mich nicht berufen, ein erschöpfendes Urtheil über dieses Büchlein abzugeben. Der Zweck dieser Worte ist nur der, die Brüder unseres Stammes in allen Theilen der Welt, wohin diese Blätter dringen, auf dieses Büchlein aufmerksam zu machen, welches beredter als tausend und abertausend gelehrter Abhandlungen zu unserer Seele spricht und uns verkündet, daß der Geist Zions noch lange nicht erloschen und der Donner vom Berge Sinai noch nicht verstummt ist in Israel. Christian Wilhelm Dohm. Lin Vorkämpfer der Emanzipation. Bon Dr. Richard M. Meyer. s ist jetzt Mode, die Zeit der „Aufklärung" zu schmähen. Ein dürrer Verstandeskultus soll in ihr geherrscht haben, blind gegen alle Mächte des Gefühls; ein enges Haften an jungen Vorurtheilen habe das Mildere an alten Vorurtheilen abgelöst; für die Forderungen des Tages hatten sie kein Verstäudniß gehabt. Nichts ist ungerechter. Einseitig faßt man jenes ■ Wort „Aufklärung" nur in negativem Sinne und vergißt darüber die positiven Leistungen. Auch die negativen sind wahrlich nicht gering: wie viel furchtbar drückende, aller Entwickelung schädliche Hinderniffe hatte die Aufklärung zu beseitigen! Aber viel größer sind doch die positiven Verdienste. Die Aufklärung hat die moderne Wiffenschaft, die Technik der Gegenwart, sie hat unsere Schule, unser Vereinsleben, unsere heutige Kunst flheils direkt geschaffen, theils überhaupt erst ermöglicht. Die gesammten internationalen Beziehungen der Staaten