Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
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- 304 - Gegenstand mannigfacher Verfolgung. Die fast durchweg grimmig antisemitischen Hochschüler bedrohten ihn im Hörsaal und belagerten ihn in seinem Hause vor der Stadt, das fie zu erstürmen drohten, und wo er fich einmal mit dem Revolver in der Faust gegen Angreifer vertheidigen mußte. Die „Libre Parole" soll in Rennes gegen 800 Abnehmer haben, was verhältnißmäßig so viel ist, daß man annehmen muß, das Blatt werde in jeder Familie gelesen, deren Lebenshaltung höher als die von Tagelöhnern ist. Die Stadt ist vollständig in den Händen der Klerikalen und Nationalisten, die in den Hunderten von Hochschülern und Tausenden von abhängigen Arbeitern des Stadtarsenals di« Elemente unter der Hand habe, mit denen sie Kundgebungen und Straßenunruhen veranstalten können. Jedenfalls wird Dreyfus in Rennes von einem Luftkreis besonderer Feindseligkeit umgeben und gegen mögliche Gewaltthaten weniger geschützt sein, als er es in den meisten anderen Provinzstädten Frankreichs gewesen wäre." * Die allgemeinen Zustände in Rumänien sind seit den letzten antisemitischen Krawallen in Jaffy vielfach Gegenstand der Erörterung in den Tagesblättern. In der That kann man die einen ohne die anderen nicht recht verstehen. Was nirgends in der ganzen gebildeten Welt vorgekommen, das ist in Rumänien der Fall gewesen: Die antisemitische Agitation geht von der Regierung selbst aus. Es ist urkundlich festgestellt, schreibt der rumänische Korrespondent eines deutschen Blattes, daß unsere Regierung die Judenhetzen organistrt hat und bei ihnen mithilft. Es ist notorisch und aktenmäßig festgestellt, daß die Polizei des Sturdza im Herbst 1897 die antisemitischen Unruhen hier in Bukarest veranstaltet hat. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß das gegenwärtige Kabinet Cantakuzene die jüngsten Exzesse gegen die Juden in Jassy hervorgerufen hat. Das demokratische Blatt „Adeverul" geht so weit, zu behaupten, daß im gegenwärtigen Kabinet ein Minister sitzt, der die Judenhetze als sein Hauptregieruugsgeschäft betrachtet und betreibt. Das Volk aber hat mit diesen Infamien nichts zu schaffen. Es ist der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft, der sich dazu hergegeben hat. Unter den 86 in Jaffy Verhafteten waren 42 Rückfällige — das heißt Verbrecher, die unter Polizeiaufsicht und unter Polizeieinfluss stehen. Die Exzedenten waren schnapstrunken und zogen mit Musik und einer Fahne in das Judenviertel, wo sie die Häuser der Juden verwüsteten und die Insassen mißhandelten, einige auch todtschlugen — alles unter den Augen der Polizei, die erst einschritt, als das Schandwerk vollbracht war. Die Regierung brauchte diese Exzesse, denn die bevorstehenden Wahlen machten es nothwendig, daß sie Denen, für die die Judenhatz politisches und sonstiges Kapital ist, ihren waschechten Antisemitismus zeigte. <*> Wer ist der kommende Mann in Rußland? Denn daß einer kommen wird, scheint außer Frage zu stehen. Es verlautet mit ziemlicher Sicherheit, daß der Zar mit Beginn der neuen Arbeitsperiode den inneren Zuständen, die sich schlechterdings bis zur Unerträglichkeit zugespitzt haben, entschloffen entgegentreten will, und dadurch können Personalveränderungen herbeigesührt werden, an die Viele nicht zu denken vermögen, ohne in der Beschaulichkeit ihrer Sommererholung arg gestört zu werden. Schon im vergangenen Herbst, in Livadia, sollen die ersten Ansätze zu dem zu unternehmenden Schritte gemacht sein; und als der Genius, der ein modernes Rußland aus dem alten und morschen Reiche, in dem längst nichts mehr von petrinischer Schaffenslust zu spüren war, hervorzanbern will, wird der jetzige Finanzminister Witte bezeichnet. Den deutschen Antisemiten und den russischen Rückschrittlern machen auch schon diese Gerüchte Beklemmungen. Sie fürchten von Witte eine Rückwärtsredigirung der zahlreichen Gesetze gegen die Juden — und mit Recht. Sie fürchten den Fall des Oberprokurators Pobedonoszew — vielleicht auch mit Recht. Und sie weissagen deshalb dem kommenden Manne das Schicksal Loris Melikows — hoffentlich nicht mit Recht! Im Uebrigeu heißt es auch hier vor allem: Abwarten! Nas wohlthatige SerUn. i. er viel in Deutschland herumkommt, der wird sehr oft bei freiwilliger oder erzwungener Anerkennung der Leistungen unserer Gemeinde eine gewiffe Abneigung oder ein Vorurtheil gegen die jüdische Gemeinde zu Berlin vorfinden, das vielleicht noch aus dem Anfänge des Jahrhunderts herrührt, das aber noch bis heutigen Tages nicht geschlvunden ist. Und doch giebt es keine Gemeinde in Deutschland, die sich in ihren Wohlfahrtseinrichtungen der unsrigen an die Seite stellen könnte, und was die Hauptsache ist, diese Einrichtungen kommen am wenigsten den geborenen Berlinern oder auch nur den in Berlin seit langer Zeit Wohnenden, sondern meistens den Fremden oder Zugereisten zu gute. Weder das Ausland noch das übrige Deutschland hat deshalb ein Recht, gegen Berlin irgendwelche Vorwürfe zu erheben. Wer das soeben in zweiter umgearbeiteter Auflage erschienene Auskunftsbuch: „Die Wohlfahrtseinrichtungen Berlins und seiner Vororte" J) aufmerksam durchlieft, der wird mit aufrichtiger Genugthuung die Thatsache begrüßen, daß innerhalb unserer Gemeinde für alle Zweige der Wohlfahrt in wahrhaft umfassender und allen modernen Anschauungen entsprechender Weise gesorgt ist. Dieses Buch ist ein treuer Wegweiser für alle Diejenigen, welche sich im Gebiet der Armenfürsorge Rath holen wollen. Es ist, soweit wir dies konstatiren konnten, durchweg authentisch und zuverlässig. Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, die eine solche Arbeit mit sich führt, so muß man ebenso die großen Prinzipien, nach denen das Buch hergestellt ist, als auch die Sorgfalt anerkennen, mit der die Einzelheiten durchgeführt sind. Die Hoffnung der Herausgeber, daß es zu neuen Schöpfungen auf humanitärem Gebiete anregen und den schon bestehenden, als gut und heilsam erkannten Bestrebungen neue fleißige Arbeiter und Helfer zuführen wird, dürfte sich sicher erfüllen. Die Herausgeber der II. Auflage, Dr. Albert Levy und Mathilde Küstermann, verdienen den herzlichen Dank aller Derer, die ein solches Handbuch der Armenpflege benutzen wollen, für die große und mühevolle und wahrhaft gelungene Arbeit, die sie hier geleistet haben. Für uns sind natürlich an dieser Stelle nur die Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinde von Bedeutung, wie verlockend es auch wäre, ein Bild der gesammten Berliner Wohlthätigkeit und im Anschluß hieran einen Vergleich dieser mit der spezifisch konfessionellen anzustellen. Der Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege, der unter der Aufsicht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde steht, wird einmal eine solche Arbeit sicher unternehmen müffen. An der Spitze der Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinde steht natürlich die Armenkommission mit ihren vier Unterabtheilungen, die je einen Stadtbezirk umfassen, und mit vier Ausschüssen: 1. Ausschuß für verschämte Arme. 2. Ausschuß zur Speisung von Gefangenen und für Mazzothvertheilung. 3. Jahrzeit- und Stiftungsausschuß. 4. Ausschuß zur Einziehung der freiwilligen Jahresbeiträge. Es folgt die Fürsorgekommisston, die sich mit den entlassenen Straf- und Untersuchungsgefangenen, mit den Familien der Jnhaftirten Berlin 1899. Verlag von Julius Springer.