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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-23 · Heft 25 (23.6.1899) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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- 299 - Der Salon 1899. Bon M. Friedeberg. II. s ist seht zu bedauern, daß in der Kollektiv-Ausstellung von Orientbildern von Max Rabes-Berlin das treffliche Bild der Westmauer des Tempels von Jerusalem (Kaiissel maarowi) fehlt, das Rades seinerzeit mit den hier jetzt ausgestellten Bildern von der Orientreise des Kaisers dem Monarchen mit vorgefllhrt hat. Unter den zahlreichen Gemälden, welche die Klage der Juden um Zion schildern, sind die Darstellungen von Berninger, Wereschtschagin und Rades die ergreifendsten. Weniger tiefe Wirkungen erzielt Rades dagegen mit dem hier unter Nummer 860 ausgestellten „Einzug Seiner Majestät in Jerusalem". Das Bild ist in der Gruppirung fast eine Kopie des Gemäldes von Gentz, das uns den Einzug Kaiser Friedrichs in die heilige Stadt zeigt, auf letzterem alles poetisch freudig, malerisch bewegt, hier das Ganze frostig und steif. Die Aquarelle „Beduinen vom Sinai" (894), Semit (890), „Grab in der Wüste", wirken beinahe mehr wie gemalte Photographien; hervorragende malerische Wirkung erzielt der ohne Zweifel sehr fleißige Künstler nur mit „Im Thal des Todes" (882). Die Gebeine von Menschen und Kameelen bleichen im Wüstensand, über dem gerade die Sonne zur Rüste geht. Es fehlt unserer realistischen Zeit für Orientbilder doch die schwärmerische Romantik jener Tage, da ein Freiligrath gesungen: „War' ich im Bann von Mekkas Thore, Wär' ich an Jemens Strand geboren. So führt ein Schwert wohl diese Hand." Die kürzlich begründete jüdisch-zionistische Bank und die im vorigen Monat in Wirksamkeit getretene deutsche Bank in Jerusalem zeigen, daß man jetzt weniger schwärmt und heute mehr handelt; der praktische Realismus ruft vielleicht doch gesündere Eindrücke hervor als das ewige Spiel mit den mystischen Nebeln einer Romantik, die aus der Pfütze des sogenannten Mosesbrunnens ein Ideal, aus dem Schmutznest Bethlehem eine geheimnißvolle Poesie hervorzaubern will. In der photographischen Naturtreue, mit der Rades seine 53 farbenprächtigen Bilder gemalt hat. liegt Ehrlichkeit, und darum sei hier der ansprechende Totaleindruck, den das Schaffen des noch jugendlichen Künstlers macht, mit hoher Achtung hervorgehoben. Bon dieser Kollektiv-Ausstellung in kurzer Entfernung liegt der Saal mit der Separatausstellung, welche der „Verband deutscher Illustratoren" veranstaltet hat. Otto Marcus hat hübsche Schilderungen aus den Räumen der Berliner Universität und herrliche Skizzen aus dem Londoner Verkehrsleben ausgestellt. Viel Geist zeigen namentlich die „politischen Skizzen", die P. Halke-Berlin für den trefflichen „Ulk" gezeichnet hat. Da sehen wir einen Leichenzug von grotesker Komik: Ehren-Stöcker geht trauernd, mit seinem Taschentuch Krokodilsthränen trocknend, hinter dem Leichenwagen her, der die Reste seiner Zeitung „Das Volk" nach Siegen, der letzten Stätte geträumter Triumphe, führt. Das schlicht zum Geist und Herzen Sprechende in diesen Zeichnungen steht uns unendlich höher als die heute viel beliebte übertriebene Verzerrung und Grimasse in politischen Karikaturen, die mehr ekelhaft als witzig wirken. Mit anerkennenswerthem Takt hat die Leitung der Ausstellung alle sogenannten „Juden-Karikaturen" von dieser Abtheilung ferngehalten, es wird auf diesem Gebiete heute so viel schandbar Gemeines geleistet, daß man sich hier einfach au ein Prinzip gehalten zu haben scheint und überhaupt die ganze Zote, alles Demimondaine ferngehalten, hat. Wir Juden sind gewiß nicht empfindlich; bekanntlich werden den Witzblättern die meisten jüdischen Witze von Juden eingesandt, alte Ghettowitze werden von ihnen mit großem Geschick modernisirt; doch wirkt es immer angenehm, wenn man an offizieller Stelle nicht herausgefordert wird und an einer Stätte seelischer Erhebung, das Dichterwort umwandelnd, sagen kann: „Hinter uns in wesenlosem Scheine Liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine." In durchaus edlem Sinn wirken auch die drei Rahmen Illustrationen, die E. Edel-Charlottenburg (1826-28) ausgestellt hat. In der großen Reihe der von Jsmae l Gentz herrührenden Skizzen (1844—49) finden wir auch Zeichnungen aus Palästina, bemerkenswerth ist das Blatt „Kaiser Wilhelm II. am Zionsthor". Noch manches wäre hervorzuheben, doch schon winkt uns eine andere „Kollektiv-Ausstellung", — denn aus solchen ist der diesjährige Berliner Salon zusammengesetzt, — es ist die der „Vereinigung Berliner Architekten", mit der ganzen unter Abtheilung IV zusammengefaßten Gruppe der „Baukunst". I. Krahn, Wilmersdorf bei Berlin, führt uns mit der Ansicht vom Kaufhaus Ecke Rosenstraße und Kaiser Wilhelmstraße 37 in das ehemalige Ghetto von Berlin. Welch ein Wandel der Zeiten! Mit dem Durchbruch der Kaiser Wilhelmstraße durch jenes winklige, fast nur von Althändlern bewohnte Häuserviertel ist hier ein neuer Geist, Licht und Luft eingezogen. Verschwunden ist das Haus, in welchem Michael Beer und Jakob Meyerbeer in ihrer Jugend gewohnt haben, verschwunden sind die Wohnhäuser der Hertz, Veit und Rieß. Wir Berliner müssen schon zu den Gräbern dieser Altvorderen pilgern, wenn wir das Gedächtniß an diese bedeutenden Persönlichkeiten des alten jüdischen Berlins auffrischen wollen. Pietätvoll hat H. Schnee- Berlin den „jüdischen Friedhof in der Großen Hamburgerstraße mit dem Grabe Moses Mendelssohns" gemalt. (Nr. 1081 des Katalogs.) Dieses Grab, das uns allen ehrwürdig ist, ist von einem Gitter umschloffen, und auf dem Leichenstein lesen wir die Inschrift, hebräisch und deutsch: Moses Mendelssohn, geb. zu Dessau den 6. September 1729, gest. zu Berlin den 4. Januar 1788. Unweit von dem Weltweisen, dem frommen Juden und Freunde Lessings, liegt auch sein Lehrer Rabbi Fränke l, dem Mendelssohn mit der Parole „Lernen" von Dessau nach Berlin gefolgt war, hier ruht auch der Seidenwaarenhändler Bernhard, dem Mendelssohn die nicht unwichtigen materiellen Grundlagen seiner Existenz verdankte, und auch jener witzige Sonderling Abraham Rechenmeister, der Derwisch Al Hafi in Lessings Nathan. Es lohnt der Mühe, diesen Friedhof, der bis zur Anlegung des Gottesackers in der Schönhauser Allee im Jahre 1827 die einzige Begräbnißstätte der Berliner Gemeinde war, eingehend zu betrachten. Der älteste Grabstein, der einem von den 12 000 hier Beerdigten gesetzt wurde, stammt aus dem Jahre 1672. Und doch, wie pietätvoll ist hier alles erhalten, mehr als 3000 alte Mazewoth sind ermittelt und erneuert worden. Vorn an der Mauer befindet sich die Ehrenreihe der Rabbiner und Gelehrten und daneben die Gruppe der ersten Wiener Einwanderer unter dem Großen Kurfürsten. Die segnenden Hände der Kohanim. die Gießkanne der Leviten sind auf den Tafeln zu sehen, welche bis in das achte Geschlecht zurück hier von Urenkeln gestiftet sind. Sie alle aber überragt das Andenken des schlichten, verwachsenen Mannes mit der großen Seele, der bei uns ausgehalten, uns vorangegangen in einem unbesäten Lande, wenn leider auch seine Nachkommen und Viele, deren Väter hier auf diesem Friedhof ruhen, sich uns entfremdet haben. Und sein Name bleibt ein leuchtender, trotzdem

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