Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 298 küßte, um dann zu erklären, das ginge nicht an. Und gleichfalls so herzlich wie lange nicht, sagte er selbst alsdann: „Nein, tausend Dank, Ina; allein es ist wirklich nicht möglich. Ich muß erst schm, wie ich Regina und Emanuel finde. Später vielleicht." Während die junge Frau sich hierauf, dem Wunsch ihres Gatten gehorchend, mit den Kleinen ins andere Zimmer an den gedeckten Tisch verfügte, besprachen die Brüder rasch und sachlich, was zunächst zu geschehen habe. Plötzlich, ohne daß Einer von ihnen sie hatte eintreten hören, stand ihre Mutter wieder vor ihnen. Das aschfahle Gesicht, die tiefliegenden Allgen, das kurze und stoßweise Athmen legten Zeugniß davon ab, daß sie mit ihrem Selbst keine ruhig-beschauliche Zwiesprache gehalten hatte. „Wann reisest Du?" fragte sie kurz. Er sah auf die Uhr. „In drei Stunden geht der Zug." Sie legte eine gefüllte Brieftasche vor ihn hin. „Nimm ihr das mit; es ist alles, was ich im Hause habe. Wenn Du mehr brauchst, las; mich es wissen. Auch, ob ich sonst noch etwas thun kann." Er steckte das Portefeuille ein. Ein flüchtiger Blick hatte ihm gezeigt, daß es eine bedeutende Summe enthielt. Dann zog er die Mutter stürmisch in seine Arme. „Mutter!" sagte er bewegt, „es ist doch wahr, wir alle kennen Dich bester als Dll selbst. Und was Du sonst noch thun kannst, das vermag ich Dir heute schon zu sagen. Gieb mir ein paar Zeilen an Regina mit, das wird ihr mehr werth sein als alles Andere!" „Nein!" Allein ihr Ton war nicht so sicher wie gewöhnlich. ' Er hielt sie noch in seiner Umarmung fest. „Wie ist es möglich, daß Eine wie Du, die Du so gut bist, so edel denkst, jedoch, was reden wir? Schick' ihr meinetwegen wirklich keinen Brief. Aber, fahre mit mir." Eine Sekunde dünkte es beide, sie in athemloser Spannung beobachtende Söhne, als sei die Rinde, die sie selbst um ihr Herz gelegt hatte, im Begriff, zu springen, als^solle die Sehnsucht nach der immer noch geliebten, unglücklichen, einsamen Tochter den Sieg davontragen. Eine Sekunde nur. Dann machte sie sich frei und sagte mit der alten, unbeugsamen Energie: „Niemals! Aber", die Worte brachen gleichsam ihrem Willen zum Trotz aus dem innersten Grunde ihres Herzens hervor, „schreib mir. Theile mir ausführlich mit, wie es ihr geht." In späteren Jahren pflegte sich Alphons lange noch Vorwürfe zu machen, daß er damals seine Bitten nicht noch länger fortgesetzt hatte. Vielleicht wären, so sagte er sich, seine Bemühungen doch schließlich, bei der mächtigen Sorge, die seine Mutter erfaßt halte, von Erfolg gekrönt worden. So dachte er später, bei ruhigerer Ueberlcgung. Damals, im wirklichen Durchleben jener Momente, konnte von dergleichen um so weniger die Rede sein, als jetzt der ganze Kinderschwarm von Ina wieder hereingeführt wurde, und die fünfjährige Gabriele, seine besondere Freundin, auf ihn mit den Worten zulief: „Onkel Alphons will Wegreisen, zu Tante Regina? Nimm Ella mit!" Er beugte sich zu dem zierlichen kleinen Ding nieder und streichelte den blonden Lockenkopf, indem er meinte: „Das erlaubt Mama wohl nicht?" Ehe aber Fräulein Ella sich noch über den großen Fall schlüssig werden konnte, hatte die Großmutter das Kind auf den Arm genommen und gefragt: „Wer hat Dir denn von der Tante Regina erzählt?" Während die Erwachsenen in peinlicher Aufregung, ohne eine Einmischung zu wagen, auf die Antwort der Kleinen lauschten; entgegnete Ella völlig unbefangen, mit der Wichtigkeit kleiner Kinder die etwas zu berichten haben: „Na, Papa und Mama, und Onkel Alphons, und Judille, und Alle. Und sie hat hier gewohnt, in dies Haus." Ellas Deutsch war noch nicht immer ganz einwandfrei. „Hast Du ihr gekannt?" „Ja." „Zeig' mal, wo ihr Zimmer war, bitte, Großmama." „Ella!" Ihr Vater wollte interveniren. Die Großmutter wies ihn indeß mit einer Handbewegung zurück. „Komm mit, Ella!" Und sie ging mit dem Kinde hinaus. Die Zurückbleibenden sahen einander an. „Nun?" fragte Frau Ina. In ihrer Stimme lag hoffnungsvoller Triumph. „Nein," sagte Alphons bestimmt, „daß ist wieder einmal vorbei. Sie ist mit Ella nur hinausgegangeu, um unseren weiteren Vorstellungen zu entrinnen. Geht sie aber nun wirklich jetzt in die alten Zimmer, so ist das für unsere Sache eher ungünstig als günstig. Dann entsteht von Neuem jener Kampf von einst vor ihr. Und die Erinnerung an all jene Seelenpein macht sie höchstens schroffer. Ich wollte, die Kinder wären nicht gerade um die Zeit hereingekommen." Er hatte seine Mutter, wie immer, richtig beurtheilt. Sie kehrte alsbald zu ihnen, ohne noch eine Spur der vorhin bekundeten großen Bewegung zu zeigen, zurück, ließ aber von nun an, um jedes intimere Gespräch abzuschneiden, erst die Kinder und nachher Ina nicht von ihrer Seite. Und wie ihr Sohn von ihr Abschied nahm und sie bittend fragte: „Hast Du mir gar nichts mehr zu sagen? Mir keinen Gruß für Regina mitzugeben?" da antwortete sie mit ihrer gewöhnlichen kühlen Ruhe: „Das mag Deinem Ermesten überlassen bleiben. Einen Auftrag gebe ich Dir nicht." Als Alphons nachher in der Ruhe und Abgeschloffenheit der Eisenbahnfahrt den ihm von seiner Mutter übergebenen Betrag durchzählte, sah er, daß die bei ihrer Bedürfnißlosigkeit für sich selbst stets über bedeutende Baarmittel verfügende Frau ihm mehr als die Hälfte ihrer gesammten, beträchtlichen jährlichen Einkünfte übergeben hatte. * Spät am Nachmittag des nächsten Tages schritt Dr. Alphons da Sylva durch die in behaglichem Herbstfrieden liegenden stillen, sauberen Straßen des Städtchens Ermatingen. „Hübsch genug ist's hier ja!" dachte er, während seine Augen wohlgefällig auf den sich über dem Straßengewirr zeigenden grünen Bergen ruhten, „nur ein wenig schläfrig, ich glaube, das Gras wächst zwischen den Pflastersteinen, und Wagen scheinen überhaupt nicht zu fahren. Ach, und jetzt geht es gar bergauf. Gut, daß Raphael nicht hier an meiner Stelle ist, dessen beginnende Korpulenz möchte mit dieser Kletterei durchaus nicht einverstanden sein. Gottlob, da wären wir. Aber, die Aussicht laste ich mir gefallen!" Fast hätte er seiner Bewunderung laut Ausdruck gegeben. Von dem jetzt erreichten, höher gelegenen, freien, von Häusern theilweise eingefaßten Platz aus konnte er die kleine, zu seinen Füßen gebettete Stadt beinahe ganz übersehen und seine Blicke bis zur Niederung des Flusses, der sich gleich einem glitzernden Bande durch die gesegneten Fluren wand, schweifen lasten. „Schön ist das Bild!" sagte er sich. „So haben sie wenigstens gleich etwas Augenweide vor ihren Fenstern." Dann aber wurden seine Züge tiefernst. Die schöne Aussicht konnte nur der Eine von den beiden Menschen, die er aufsuchen wollte, genießen. Und wer wußte, ob sie immer Kopf und Sinn oder auch nur genügend Muße haben konnte, um sich daran zu freuen? (Forts, folgt.)