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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-23 · Heft 25 (23.6.1899) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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297 beiden Städten die lautesten Klagen über das Darniederliegen von Handel und Gewerbe alltäglich kommen. .Ginge es nach ihnen, so würden die Väter unserer Stadt bald wieder zu einer solchen Klageepistel genöthigt sein, die sie am 27. Juli 1640 erließen: „Die beiden Residenten seien so nahe zum Ruin gebracht, daß sie zum Spektakel und zum Schimpf gleich anderen Städten. Flecken und Dörfern vollends zu Grunde getrieben und zur Wüstenei gemacht werden sollen." Aber es ist Gott sei Dank dafür gesorgt, daß die antisemitischen Bäume nicht tu den Himmel wachsen. Unbeirrt durch alle Angriffe und Verleumdungen, werden die Berliner Juden nach wie vor mit allem Eifer an der Hebung und Entwickelung unserer Industrie wie unseres Handels sich betheiligen. Kommen ja alle Verbindungen, die sie eingehen, alle Wege, die sie ebnen, alle Reichthümer, die sie sammeln, alle Naturkräfte, die sie nutzbar machen, kurz, alle die Fortschritte, die ihr Fleiß erringt, nicht nur ihnen und der künftigen Generation, sondern dem gesammten Vaterlande zu Nutzen, das wir lieben, und lieben werden bis zum letzten Athemzuge unserer Seele. Wir hoffen zuversichtlich, daß ein künftiger Historiker der Berliner Industrie, wenn er die Leistungen des Berliner Gewerbefleißes nach einem Jahrhundert übersehen wird, die Thätigkeit der Juden innerhalb des einen, heute geschilderten, wie so mancher anderer Industriezweige, als eine Kette großer Fortschritte und bedeutsamer Errungenschaften darstellen wird. EUILLETON Are Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. n> XL (r^eine beiden Zuhörer hatten, während Alphons las, kein Lebens- (gcg zeicheu von sich gegeben. Jetzt brachRaphaellos: „MeinGott, e) wie war das möglich?" rief er. „Im Frühjahr habe ich zuletzt von ihr gehört. Damals schrieb sie, Steinhardt wäre leidend, aber das hörte man ja schon seit Jahr und Tag. Und wenn man ihn dann einmal wiedersah. so war er anscheinend so guter Dinge wie immer. So hat man ja schließlich auf solche Reden kein Gewicht mehr gelegt. Daß sie nicht wieder geschrieben hat! Wann hast Du denn zum letzten Male Nachricht gehabt?" „Etwa um dieselbe Zeit," sagte Alphons langsam. „Wann aber hast Du ihr geantwortet?" Raphael stutzte. „Ungefähr vor sechs Wochen!" meinte er kleinlaut. „Es kommt immer so viel dazwischen —" „Ja," versetzte der jüngere Bruder bitter, „so ist es mir auch gegangen. Viel früher habe auch ich ihr nicht geschrieben. So viel Wichtiges hat uns stets davon zurückgehalten, unsere einzige Schwester zu fragen: Wie geht Dir'ss — Bist Du gesund? — Bist Du glücklich? — Daß sie zuvor nicht noch einmal geschrieben hat, das ivundert Dich? — Nun, wir kennen doch insgesammt Regina, mit ihrem unbändigen Stolz, mit ihrer Gewohnheit, wenn ihr ein Leid widerfahren, sich zu verbergen wie ein verwundetes Thier! — Und daß sie selbst jetzt sich mit der Beantwortung unserer Episteln nicht übertrieben beeilt, das kann ich auch verstehen. Sie hat mehr zu thun. Wenn sie, nebenbei bemerkt, die Briefe überhaupt bekommen hat. Wir hatten doch natürlich nach ihrer früheren Wohnung adressirt. Gebe Gott nur,'ich komme noch zur rechten Zeit!" Sie hatten Beide bisher so vollkommen über die Mutter hinweggeredet, als sei außer ihnen Niemand weiter im Zimmer. Nun aber wandte sich Alphons zu ihr. „Was sagst denn Du. Mutter?" fragte er, von ihrer statuenhaften Unbewegtheit erschreckt. „Was soll ich sagen?" gab sie klanglos zurück. „Das ist die Strafe. Es kommt, wie ich's habe kommen sehen." Sie war scheinbar wieder völlig Herrin ihrer selbst in ihrer eisigen Unnahbarkeit. „Um Gottes willen!" riefen die Söhne entsetzt, und fast drohend fügte Alphons hinzu: „Mutter, Mutter, sieh nach Deinen Worten. Nicht uns steht es zu, zu richten bei einem solchen furchtbaren Unglück." „Wer sagt, daß ich richte? Das hat ein Höherer in die Hand genommen. Aber hierin den Finger Gottes, der sich nicht spotten läßt, zu erkennen, — das werdet Ihr mir hoffentlich nicht verwehren." „Und das ist wirklich alles, was Du dabei fühlst, Mutter?" fragte Alphons schmerzlich. „Ich kann's und will's nicht glauben." „Laß mir Zeit." Sie sah starr vor sich hin. „Sieh, Mutter," begann er nach kurzer Pause von Neuem, „wenn, was der Himmel gnädig verhüten wolle, Dich oder Einen von uns ein Unglück trifft, — wir alle sind doch da. um es, so gut wie wir's können, mit einander zu tragen. Regina aber ist ganz allein. Sie hat kein Kind, das ihr all das Schwere etwas leichter machen, in dessen Gesellschaft und Beistand sie ein wenig Ablenkung davon finden könnte!" Jetzt blickte sie auf. „Dafür ist ihr aber auch manches erspart," sagte sie schneidend, jedes Wort schwer betonend, sie wird wenigstens vor deul Leid bewahrt bleiben, zu erleben, daß sich ihr Kind, dem ihr ganzes Sein und Denken gehört hat, wenn es herangewachsen ist, von ihr wendet und Bahnen einschlägt, die es in Ewigkeit nicht wieder mit ihr zusammenführen werden." Alphons zuckte rathlos die Achseln. Was mau sagte, schien sie noch mehr zu erhärten. Nunmehr jedoch verstand Raphael, sie besser zu nehmen. „Ich verstehe Dich nicht, Mutter," sagte er mit seiner guten, leisen Stimme. „Du sagst selbst, ein Höherer richtet uns alle. Greifen wir ihm also auch in unseren Gedanke» nicht vor. Und beschwören wir nicht unnütz durch unsere Reden längst Vergangenes. Schmerzliches wieder herauf. Das verbittert nur zwecklos. Denn helfen willst Du ihr ja jedenfalls. Doch," auf ein halbes Achselzucken von ihr, „ich kenne Dich besser. Wenn ich bedenke," unwillkürlich sprach er lauter und wies zugleich mit der Hand auf den für die Kinder hergerichteten, mit Kuchen und Näschereien bedeckten, von Silber und Krystall blitzenden Tisch im Nebenzimmer, „wenn ich denke, wie es hier bei uns allen aus dem Vollen hergeht, wie kein vernünftiger Wunsch uns unerfüllt zu bleiben braucht, und Deine einzige Tochter, unsere einzige Schwester ist währenddessen vielleicht dem Untergang nahe, leidet mit ihrem kranken Mann Hunger und Noth, nein, Mutter, Du hast es Dir noch nicht ordentlich klar gemacht —" Er hatte das richtige Wort getroffen. „Hör auf!" rief sie ihm mit heiserer Stimme zu und eilte an ihm vorbei, hinaus. Es währte geraume Zeit, bis sie wieder zurückkehrte. Ina war inzwischen mit den Kindern hereingekommen und von den Brüdern, soweit es nöthig war, von dem Borgefallenen verständigt worden. Warmherzig, wie sie war, hatte sie darauf vorgeschlagen, sie wolle ihren Schwager auf seiner Wanderfahrt begleiten, ein Gedanke, der Alphons, der in seiner anmuthigen, blonden Schwägerin nie etwas anderes sah als eine hübsche, aber ziemlich nutzlose Nippesfigur, mit leisem Grauen erfüllte. Aber begreifen konnte er Raphael trotzdem, als dieser das impulsive, reizende Geschöpf zum^Dank für ihr Anerbieten innig

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