Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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T"'”' —— 296 - Bericht der Nettesten der Kaufmannschaft von Berlin der jährliche Umsatz auf 15—16 Millionen Mark veranschlagt, woran Dcutschlaüd mit der Hälfte betheiligt ist. Der Export in dieser Branche ist An sehr großer und erstreckt sich auch auf Südamerika und die Vereinigten Staaten von Nordamerika, obwohl namentlich letztere eine sehr starke eigene Fabrikation besitzen. Es befinden sich in Berlin etwa 50 Betriebe, von denen die größten 900—1200 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen. Im Ganzen mögen wohl 20000 Personen in dieser Branche beschäftigt sein. Speziell haben Kragen, Manschetten und Oberhemden den Auf Berlins begründet. Zur Erzielung der blendend weißen Farbe hat sich das Wasser der Spree wie kein anderes der Welt geeignet erwiesen. Die Mehrzahl der hier am Platze bestehenden großen Firmen befindet sich ebenfalls in jüdischen Händen. Auf dem Gebiete der Konfektion für Damenwäsche hat als erste und älteste Firma das von Juden geleitete Haus Heinrich Stern u. Co. den Verkehr mit den Wiederverkäufern angebahnt. Der enorm gesteigerten Leistungsfähigkeit gelang es sehr bald, auch hier die ausländische Konkurrenz zu verdrängen. Es bestehen in Berlin etwa 60 Betriebe mit rund 9000 Arbeiterinnen. Das Hauptadsatzgebiet ist das Inland, desten Bedarf von Jahr zu Jahr in steter Zunahme begriffen ist. Die übrige Produktion, welche auf etwa 15 Millionen Mark veranschlagt wird, geht hauptsächlich nach Holland, Belgien, Schweden. Norwegen, Dänemark und ein kleinerer Theil nach England. Der in dieser Branche entfaltete Luxus mH für deutsche Verhältnisse geradezu als erstaunlich bezeichnet werden. Auch auf dem Gebiete der Konfektion für Damenwäsche sind wiederum hauptsächlich jüdische Firmen vertreten. In kleiner Auslese nennen wir für beide Spezialfächer: van Bienen u. Fischbein, Gebr. Borchardt, Heinrich Buchholz, Dienstag u. Wolfs, Salomon Moste, Philippsohn u. Leschziner, Rose u. Stern, H. Sternberg jr., Wolff u. Glaserfeld. Für Jupons, deren Fabrikation ebenfalls in das Gebiet der Konfektion gehört, nennen wir als bedeutendste Firma das hiesige, von Juden geleitete Haus Orgler u. Fidölmann, das im Jahre 1865 begründet wurde. Der gewaltige Aufschwung, der in dieser Industrie erfolgte, ist noch jungen Datums, er ist erst seit dem Jahre 1896 zu verzeichnen. Die Perlhäkelei, welche französischen Ursprungs ist, ist durch die jüdische Firma Fuchs ».Rosenberger in Deutschland angeregt und nutzbar gemacht worden und hat sich binnen kurzer Zeit zu so bedeutsamer Höhe entwickelt, daß es oft recht schwer fällt, den Inlands- und Auslandsbedarf zu decken. Von nicht minder großer Bedeutung als die Konfektion iift eigentlichen Sinne ist auch die Fabrikation von Modeartikeln wie Seiden- und Phantasiewaaren, wollenen und baumwollenen Geweben (David u. Co., Jacob Landsberger. Heller u. Horwitz, Gustav Jtzig u. Friedländer, Jtzig u. Co., Aktiengesellschaft Anton u. Alfred Lehmann, Gebr. Maaß u. Friedländer, Gebr. Simon, Dahlheim u. Co.) Sammeten, Plüschen, Shawls, Tüchern, Posamentierwaaren, für deren Handel Berlin der Mittelpunkt geblieben ist, (Katz Gebrüder, Carl Cohn, Aufrecht u. Neubrück, Gustav Joel u. Meyer, Siegbert Levy, Gebr. Tietz, S. Binswanger.) Der heutigen Generation sind die Hemmnisse und Schwierigkeiten fremd, die sich der Konfektion und den mit ihr verwandten Branche», die sich jetzt auf so bedeutsamer Höhe befinden, in den Weg gestellt hatten. Im alten Berlin hätte wohl niemals die Konfektion einen solchen Aufschwung nehmen und auch die Juden hätten sich an deren Entwickelung nicht in so hervorragendein Maße betheiligen können. Laut Statut vom Jahre 1295, das an die Wollenweber, die „Lieben von denen das Gewand gewirkt wird", erlaffen war, hatte man ausdrücklich die Juden, welche zum ersten Male in diesem Statut urkundlich genannt wurden, von der Fabrikation gänzlich ausgeschloffen; sie dmsten zur Zeit nicht einmal Garn erhalten. Noch drei Jahrhunderte später wurde auf Veranlassung des Kurfürste» Johann Georg eine „Kleiderordnung" erlaffen, die auch nicht gerade dazu angethan war, die Fabrikation und die Industrie zu fördern. Heißt es doch darin u. a.: „Da auch an Kleidung mancher Bürger mehr wendet, als sein Vermögen zuläßt, daher auch bald nach den Hochzeiten die Kleider hin und wieder auf den Trödelmärkten feil gehalten werden, so soll der erste Stand (das sind zur Zeit die Doktoren, Pröbste, Bürgermeister, Kammergerichtsadvokateu, Rathspersonen, Stadtschreiber, Richter, Schöffen und die Patrizier) außer ererbten Seidenkleidern, welche er auftragen darf, neben Tobin, Zindeldort und Camlot und was darunter ist ein herlich Tuch die Elle höchstens 2 oder 3 Thaler und zum Unterfutter Marder-, Fuchs- und Wolfspelz tragen. Damast und seidener Atlas soll nur den Doktoren erlaubt sein immer zu tragen. Zum Verbrämen des Wamses und der Beinkleider werden zwei Elle» Sammet erlaubt; ganz sammetene Wämser sind verboten, ebenso Perlengewebe an den Frauenröcken, außer wenn sie ererbt waren." Der Schluß dieser Kleiderordnung lautet sehr charakteristisch: „Und soll hiermit dem ganzen Handwerke der Schneider ernstlich und bei Vermeidung strenger Strafe eingebunden sein, daß sie keinem, es sei auch wer es wolle, etwas Unserer Ordnung zuwider an neuer Kleidung machen. Wo sie Unterschleif und Ungebühr spüren, da sollen sie Uns dasselbe jederzeit anzeigen und berichten." Es ist unverkennbar, daß diese Verordnung zur Zeit wirklich den Zweck ererfüllt hat, zu dem sie erlassen war. Deim zweifelsohne ist etwa auf ein Menschenalter ein ernsterer Geist in die Bürgerschaft von Berlin eingezogen. Noch unter Friedrich Wilhelm I. waren die Juden voll der Aufnahme in die Gilde der Tuch- und Seidcnhandlung, welche aus den Gewandschneidern hervorgegangen war, und deren Privilegium im Jahre 1715 bestätigt wurde, ausgeschlossen. Sehr bevorzugt waren dagegen bei der Ausnahme die Franzosen. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch, was wir beiläufig anfügen wollen, der Versuch einer ersten Börseneinrichtung in Berlin, die am 25. Februar 1739 bestätigt wurde. Als intereffant mag auch hier erwähnt werden, daß die Börse allen Kaufleuten — außer den Juden offen stand. Nachdem einmal den Juden auf dem Gebiete der Konfektion freie Hand gelaffen worden war, haben sie auch ihre stets bewährten Fähigkeiten nicht verleugnet, nämlich in rastlosem Eifer und mit unermüdlichem Fleiß, mit stets richtigem Blick und gesundem Sinn zur rechten Zeit das Richtige erfaßt und zu einer gedeihlichen Entwickelung geführt. Ueberblickt man die hier natürlich nur in kurzeit Umrissen skizzirten Leistungen der Berliner Juden auf diesem einen Gebiete, so wird man über die Verwegenheit staunen, mit der die Gegner uns einen hervorragenden Antheil an dem industriellen Leben des deutschen Volkes kurzweg und mit einer durch keinerlei Sachkenntniß getrübten Objektivität absprechen. Das wird und darf aber unsere Glaubensgenoffen, die sich auf diesem wie auf so vielen anderen Gebieten der Industrie und des Handels in glänzendster Weise bethätigt haben und noch bethätigen, in ihrem Wirken und Schaffen nicht beirren. Es wäre sicher ein dankenswerthes Unternehmen, wenn man auch die anderen Gebiete der Industrie und des Handels ilach dieser Richtung hin durchforschen und den Antheil der Juden auf jedem einzelnen dieser Gebiete ziffernmäßig belegen wollte. Wir möchten zu solchen werthvollen Untersuchungen namentlich unsere jüngeren Statistiker hierdurch anregen, und wir werden mit besonderem Danke jeden dahin zielenden Beitrag begrüßen. Ginge es nach unseren lieben Antisemiten, so würde Berlin bald so dastehen wie etwa gegenwärtig Wien oder Paris, aus welchen