Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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295 lMWWWWWWWM'WPM,'' folgung unserer oben angeführten Erziehungsmethode bei jüdischen Meistern in entfernteren Orten haben ausbilden lassen, unsere Mühe durch treue Arbeit und gutes Verhalten als Gesellen gelohnt haben. Jetzt stehen wieder vier solcher Knaben in unserer Obhut. Möge man uns die werkthätige Beihilfe nicht versagen, damit wir allen Knaben, die sich an uns wenden, in Zukunft unsere Thore öffnen können. Hier handelt es sich nicht um Experimente, einen Theil unserer deutschen Glaubensgenossen in neue Berufsarten überzuführen, die ihren Neigungen und ihrer geistigen und wirthschaftlichen Regsamkeit nicht Genüge thun können, die unter der Zeiten Ungunst leiden, und neben mangelnder Aussicht auf ökonomisches Fortkommen ihr soziales und geistiges Niveau nicht erhöhen; hier handelt es sich darum, die jüdische Jugend in Berufsarten zu lenken, die, im Gegensatz zu dem bisher betriebenen Klein- und Hausirhandel, ihr möglichst sichere und ehrbare Existenz bieten. Dass dies aber erreicht wird, lehren uns nicht nur die langjährigen Erfahrungen unseres und anderer ähnlicher Vereine, das lehrt auch die mit der wirthschaftlichen und industriellen Entwickelung unserer Zeit im Einklang stehende Thatsache, daß sich die Löhne und die Lebensführuug und die Aussichten des gelernten Arbeiters und Technikers in der Industrie in fortgesetzt steigender Tendenz befinden. Die jüdische Wohlthätigkeit hat durch unüberlegtes Geben das Verantwortlichkeitsgefühl und das Streben nach Selbsthilfe bei der armen jüdischen Bevölkerung schon tief genug heruntergedrückt. Möge sie umkehren und bedenken, baß die schönste und fruchtbringendste Art der Wohlthätigkeit die ist, die dem Elend vorbeugt, indem sie seine Quellen verstopft. Möge sie den Einrichtungen in reichstem Maße ihre Hilfe zuwenden, die die Jugend zu wirthschaftlich und moralisch selbständigen und selbstbewußten Menschen erziehen wollen. Unsere uns von hier zufließenden Einnahmen von ca. 8000 M. jährlich reichen längst nicht hin, die an uns von allenthalben gerichteten Gesuche zu befriedigen, Vermögen besitzen wir keines, da wir alle Mittel in der Erziehung möglichst vieler Knaben anlegen zu müssen glaubten. Jetzt bedürfen wir weiterer thatkräftiger Förderung. Mögen die Juden Deutschlands in richtigem Verständniß ihrer Zeit sie uns nicht versagen. Aer Antheil der Juden an der Berliner Konfektion. ii. m Laufe der 80 er Jahre hob sich in der Konfektionsindustrie der Absatz nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf nahezu 10 Millionen Mark, sank aber dann infolge der Erstarkung der amerikanischen Industrie und der im Jahre 1890 durch die Mac Kinley-Bill beschlossenen bedeutenden Erhöhung des Einfuhrzolles. Diese Mac Kinley-Bill hatte zur Folge, daß viele Berliner Geschäfte, darunter an erster Stelle wieder die Firma Benjamin u. Caspary, inNew-Iork Filialen errichteten, Arbeiter mit hinübernahmen und einen großen Theil des verlangten Quantums an Ort und Stelle anfertigen ließen, so daß die amerikanischen Geschäfte zum großen Theil eigentlich nur Filialen der hiesigen bedeutenderen Häuser sind. England bildet jetzt auch für uns ein Hauptabsatzgebiet, und es dürste nach dem bereits oben citirten fachmännischen Berichte hierin kaum sobald eine irgendwie erhebliche Aenderung eintreten, namentlich infolge der Gewöhnung der von England aus versorgten überseeischen Gebiete an die deutsche Maare. :f In mindestens ebenso bedeutendem Maße steigerte sich der inländische Bedarf auf dem Gebiete der Damenkonfektion. Die Gegenstände des Luxus wurden Artikel des allgemeinen Gebrauches und erfuhren aus diesem Grunde nothgedrungen eine wesentliche Verminderung des Preises. An der ganzen Entwickelung der Konfektion haben jüdische Firmen den hervorragendsten Antheil gehabt, der bis ins Einzelne dokumentarisch belegt werden könnte. Die Konfektion hat in den letzten drei Jahrzehnten fünf Milliarden an Werth produzirt, sie beschäftigt 200000 Menschen, das ist mit den Angehörigen gut der seöhste Theil der gesammten Bevölkerung Berlins. Allein schon durch die Schaffung dieser Industrie haben sich die Juden um die Entwickelung Deutschlands hoch verdient gemacht. Gegenwärtig haben wir in Berlin ca. 140 Engros-Damenmäntel-Konfektionsfirmen, von denen sich 135 in jüdischen Händen befinden. Unter der Zahl der Konfektionsgeschäfte für Damengarderobe werden 90 von jüdischen Inhabern geleitet. Von 150 Konfektionsfirmen verschiedener Branche (Schürzen, Wäsche, Jupons rc.) sind 121, von 15 seit zwei Jahren ungefähr neueingerichteten Betriebswerkstätten der Mäntelkonfektion 14 in jüdischen Händen. Die Gesammtumsätze der aufgeführten Firmen betragen mindestens 240 Millionen Mark jährlich. Von diesen Firmen werden vielleicht 70000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Von den Konfektionsgeschäften für Damenmäntel erwähnen wir, ohne für das Verzeichniß der von uns angeführten Firmen den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, als die hervorragendsten: Bab u. Birnholz, Basch u. Bamberg, S. Bernhard. Blumenreich u. Meyer, Bonwit u. Co., Büxenstein u. Co., Gebr. Ebenstein. Frank, Sperling u. Co., Sally Fränkel, Theodor Fränkel, Fuchs u. Rosenberger, Graumann u. Stern, Hahn u. Klenke, William Herz u. M. I. Meyer, Kraft u. Lewin, Leffer u. Joseph, D. Levin, R. M. Maaßen, Gebr. Manheimer, V. Manheimer, M. Marcus, Samson u. Eichenberg, Gebr. Szafranski, F. u. S. Warschauer. Zu bedeutenden Firmen unter den Konfektionsgeschäften für Damengarderobe zählen: M. Adler, Behrens u. Baumann, Benjamin u. Caspary, Flatow u. Wachsner, Herrmann Gerson. F. Kosterlitz, Jean Landauer, V. Manheimer, Oppenheimer u. Co., Orgler u. Fidelmann, S. Rosenthal. Es ist interessant, daß am Exportgeschäft für Damenmäntel nur Juden betheiligt sind. Das Konfektionsgeschäft für Herrengarderobe gehört natürlich im engeren Sinne nicht hierher. Aber wir wollen hervorheben, daß unter den hiesigen 40 Herrenkonfektionsfirmen 36 sich in Händen der Juden befinden. Am Exportvertrieb sind wiederum nur Juden betheiligt, und zwar folgende Firmen: Josef Biermann, Caminer u. Co., Gallewski u. Co., Hohenstein u. Rosenberg, Jean Popper, Isidor Rosenthal, M. B. Rosenthal u. Co., Gebrüder Stern u. Co., Wedel u. Lachmann. Am Engrosbetrieb der Konfektion für Kindergarderobe sind 77 jüdische Firmen betheiligt. Konfektionsstoffe werden fabrizirt von 21 jüdischen und 5 nichtjüdischeil Firmen; unter den Engrosgeschäften für Konfektionsstoffe zählen wir 23 jüdische Firmen. Zu den Branchen, die in sehr kurzer Zeit zu nicht minder überraschenden Erfolgen wie di« Konfektion im eigentlichen Sinne gelangt sind, gehört die Konfektion für Herren- und Damenwäsche. Die Fabrikation für Herrenwäsche ist uns erst seit dem Jahre 1865 bekannt. Gegen Ende der 60 er Jahre war bereits ihre Lebensfähigkeit erwiesen, und durch erfolgreiche Erfindungen gelang es ihr, bereits nach Ablauf weniger Jahre die hochbedeutsame englische Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Nachdem Kriege belief sich die Zahl der Arbeiter schon auf 5000, im Jahre 1879 wird in dem