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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-23 · Heft 25 (23.6.1899) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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TW » f 294 Handels- und Haufirgewerbe bedingt ist, und nur in ihretn eigensten Interesse suchen wir dem Handwerk und dHr Technik die Knaben zu gewinnen, die nach ihrer Veranlagung, ihren Neigungen, ihrer Vorbildung und ihren Vermögensverhältnissen in anderen Berufsarten eiste gleich freundliche Zukunft nicht finden dürften. Durch die folgerichtige Beobachtung dieser Grundsätze können wir schon bisher mit Stolz und Freude auf unsere Resultate sehen, wie sie sich besonders in der Berufssreudigkeit unserer Zöglinge und in der Thatsache bekunden, daß, wie wir in den statistischen Mittheilungen des Berichtes unseres Vereins von 1895/96 nachgewiesen haben, unsere Zöglinge in ganz verschwindender Zahl sich später wieder vom Handwerk abwende». Nach den von uns eingezogenen Auskünften über einen Theil unsererentlaffenen Zöglinge ergab sich, daß von den während der Jahre 1888—95 aus Düffeldorf als Gesellen oder Techniker entlassenen 53 und von den aüs Köln 1890—95 entlaffenen 34 Zöglingen, also von im Ganzen 87 Zöglingen, nur 3 nachweislich später ihrem Beruf untreu geworden waren. An den Einzug in unser neues Heim dürfen wir hinsichtlich der extensiven und intensiven Lehrlingsausbildung noch ausgedehntere Hoffnungen knüpfen. ‘ Statt der bisherigen 18 Zöglinge im alten Heim können wir 40—50 aufnehmen, so daß wir nicht mehr wie bisher für einen großen Theil unserer Lehrlinge auf auswärtige Meister und Städte angewiesen sind. (Die Gesammtzahl der Zöglinge unserer Abtheiluwg betrug bisher jährlich ca. 40, der Zöglinge in Düsseldorf ca. 50—60.) Freilich werden wir auch nach der bisherigen, durch die Erfahrung gerechtfertigten Gepflogenheit immer noch einen Theil der Zöglinge auswärts unterbringen, wenn erzieherische Rücksichten, ungünstige Einflüffe der benachbarten Eltern und Verwandten eine Verpflanzung erfordern. Wie früher, finden in unserem neuen Lehrlingsheim nur auswärtige Zöglinge vollständige Aufnahme, während hiesige Kinder im Hause ihrer Eltern verbleiben, sofern daffelbe eine der Fortbildung günstige Atmosphäre bietet. Aber auch diese unterstehen unserer fortgesetzten Aufsicht und finden in unserem Heim Fortbildung und Turnunterricht und Erholung in den Mußestunden. - - Unser Lehrlingsheim ist errichtet zu Nutz und Frommen der gesammten deutschen Judenheit. Auch von anderen Vereinen werden wir gern Zöglinge aüfnehmen gegen Erstattung der Verpflegungskosten. Wenn wir bisher schon besonders gut veranlagten oder besser vorgebildeteren Knaben die Ausbildung auf einer der hiesigen kunstgewerblichen Schulen (für Modelliren, Ciseliren, Graviren, Dekorationsmalerei rc.) oder auf der Maschinenbau- oder Baugewerkschule angedeihen ließen, so werden wir nach dieser Richtung hin unsere Thätigkeit in Zukunft noch erweitern. Die schönen Stellungen, in denen sich mehrere unserer entlassenen Zöglinge (und zwar solche, die uns nach dem Besuch einer höheren Schule als Lehrlinge übergeben wurden, als auch solche mit den gewöhnlichen Elementarschulkenntnissen) als Bau- und Maschinenbautechniker oder Kunsthandwerker befinden, mögen Eltern und Knaben den Beweis bringen, wie große Aussichten wir unseren Zöglingen bei redlicher Strebsamkeit und Arbeitsamkeit eröffnen. Sie mögen aber auch Anlaß geben, daß noch mehr als bisher sich intelligente Knaben und solche mit höherer Schulbildung den handwerklichen und technischen Berufsarten zuwenden. Da in das neue Heim außer den Hauseltern auch ein Lehrer einziehen wird, so kann der Fortbildungs-, Religions-, Turn- und Gesangunterricht noch eine erhöhte Berücksichtigung erfahren. Den Zeichenunterricht werden wir wie bisher in den Fachschulen verbindlich machen. Einen Saal werden wir für die Sonn- und Feiertage und für einige Abende den zahlreichen hier arbeitenden jüdischen Handwerkergesellen, die sich zum Theil in dem jüdischen Gesellenverein zusammengeschloffen haben, zur Verfügung stellen, damit sie hier gesellige Vergnügungen und unter unserer Mitwirkung Fortbildung in den auch für den Handwerker heutigen Tags so nothwendigen kaufmännischen Disziplinen finden. Das neue Lehrlingsheim, das einen Kostenaufwand von ca. 130 000 Mark erfordert hat, befindet sich in günstigster Lage in der mittleren Neustadt, auf einer ca. 1100 Quadratmeter großen Flüche frei gelegen, mit der größten Front nach der äußeren Ringpromenade. Nach dem Entwurf unserer Mitglieder, der Herren Regierungsbauinspektor Marcuse und Regierungsbaumeister Weisstein, in einfachen gothischen Formen ausgeführt, macht es mit seiner hübschen Fassade, seiner Blendsteinverkleidung nach drei Seiten und seinen schmucken rothen Dächern einen sehr würdigen und doch äußerst gefälligen Eindruck. Aber auch das Innere wird wegen der zweckmäßigen Vertheilung der Räume, der Berücksichtigung aller hygienischen Forderungen, der soliden Ausführung nach jeder Richtung hin den Beifall aller Besucher finden. In dem bewohnten Kellergeschoß über dem Wirthschaftskeller befinden sich die Hellen Wirthschastsräume (Kochküche, Vorrathsraum, Waschküche, Plättstube, Mädchenzimmer) lind die Pförtnerwohnung; im erhöhten Erdgeschoß die Wohnung des Lehrers und der Hauseltern und der durch einen Speisenaufzug mit der Küche in Verbindung gesetzte Speisesaal; im 1. Obergeschoß der Schulsaal und der Versammlungssaal für Gesellen, die beiden durch eine eiserne Rollwand getrennt, durch deren Wegnahme ein großer Festsaal von 100 Quadratmetern mit 9 Fenstern geschaffen wird, ein Schlassaal von 185 Kubikmetern für 10 Betten, der Waschraum mit Waschvorrichtung für jeden Zögling, der Schrankraum, der Putzraum mit Balkon- 1 Bad mit 3 Douchen; im 2. Obergeschoß 3 Schlassäle mit zusammen 30 Betten, 2 Waschräume mit ebenso vielen Waschvorrichtungen, der Schrank- und Pützraum, Bad und 2 Douchen. Für die Bade- und Doucheräume ist eine Cirkulations-Warmwasserheizung angelegt. Hinter dem Hause erstreckt sich dem Eisendahndamm entlang und an andere Gärten nach hinten anschließend der ca. 400 Quadratmeter große Blumen- und Obstgarten und dahinter der ebenso große, mit allen Turngeräthen ausgestattete Turnplatz mit in Eisenkonstruktion sehr geschmackvoll ausgeführter Turnhalle. Wir glauben in diesem Gebäude ein unseren wichtigen Zielen würdiges, ja müstergiltiges Heim errichtet zu haben, das der handarbeitenden jüdischen Jugend Deutschlands und so der gesammten Judenheit und dem Vaterlande zu dauerndem Segen werden möge. Wir fühlen aber auch die Berechtigung, die Förderung unseres Hauses und unserer Ziele allen Juden warm ans Herz zu legen. Freiwillig arbeiten wir mit Anspannung aller Kräfte seit Jahren an diesem Werk von höchster sozialer Bedeutung für die Judenheit Deutschlands, für das wir bisher die Mittel nur aus hiesiger Gemeinde bezogen. Zahlreiche Kinder ohne Unterschied der Heimath haben wir bereits in sichere Lebensberufe geführt; insbesondere können wir mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß auch bereits mehrere Kinder unserer eingewanderten östlichen Glaubensgenoffen, 1>ie wir in Be-

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