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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-23 · Heft 25 (23.6.1899) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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293 bezw. dessen Vorstand wolle mit dem Verbandsausschuß Westpreußifcher Synagogengemeinden behufs Bildung einer Kommission zur Regelung - der Anstellung, Besoldung und Versorgung der jüdischen Religionslehrer Westpreußens fti Verbindung treten. Dieser Antrag wird von Herrn Rechtsanwalt Radt-Thorn warm empfohlen und von der Versammlung einstimmig angenommen. Alsdann giebt der Kasstrer Herr Geisenberg- Marienwerder den Kassenbericht. Die Einnahmen betragen 31,10 Mark, die Ausgaben 16 Mark, somit bleibt ein Bestand von 13,10 Mark. Dem Rendanten wird Decharge ertheilt. Im Hinblick auf die finanzielle Nothlage des Vereins überreicht der Vorstand der Synagogengemeinde Thorn dem Rendanten einen außerordentlichen Zuschuß von 30 Mark. Der Vorsitzende dankt dem Gemeindevorstand für den neuen Beweis seines Wohlwollens und fordert die Anwesenden auf, sich von den Plätzen zu erheben. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist die Stellungnahme zu der vom Verbände der jüdischen Lehrervereine herauszugebenden Zeitschrift. Diese soll monatlich einmal zum Jahresabonnement von 3 Mark erschernen. Um dem Unternehmen genügende Sicherheit zu bieten, verlangt der Verbandsvorsitzende eine schriftliche Verpflichtung, mindestens 2 Jahre Abonnent der neuen Zeitschrift zu fein. Neun Mitglieder geben ihre Unterschrift. Zur Mitwirkung am statistischen Jahrbuche erklären sich Alle bereit. Für die nächste Konferenz wird Dirschau in Aussicht genommen; alles Nähere bleibt dem Vorstände überlassen. Dem Antrag des Herrn Rabbiner Dr. Rosenberg-Thorn, die Konferenz nicht, wie bisher, auf den 1. und 2., sondern auf den 2. und 3. Tag der Pfiugstwoche zu legen, stimmt die Versammlung zu. Vor Eintritt in die Vorstandswahl giebt der Vorsitzende ein kurzes Resume, dankt den Erschienenen für ihre Unterstützung, insbesondere dem Referenten und Lektionshalter für ihre Mühe und der Synagogengemeinde Thorn für ihr überaus herzliches Entgegenkommen. Alsdann theilt er mit, daß der Verbandsvorstand unserem Verein eine Reisesubvention von 30 Mark bewilligt habe. Es erhält jedes Mitglied ca. 60 pCI. seiner Reisekosten. In der nun stattfindenden Borstandswahl werden gewählt: Herr Geisenberg-Marienwerder zum Vorsitzenden, Herr Mannheim-Graudenz zum Schriftführer und Herr Rynarzewski-Pr. Stargard zum Rendanten. Herr Jaffe-Dt. Krone hatte eine Wiederwahl abgelehnt/ da seine Pensionirung bevorstehe, und er sodann die Provinz verlasse. Allen aus dem Herzen gesprochen waren die Worte, die unser Vorsitzender an Herrn Jaffe richtete: Mit tiefem Schmerz sehen wir unseren Vorsitzenden, den Gründer unseres Vereins, von uns scheiden; und wir können nur wünschen, daß ihm ein froher und langer Lebensabend beschieden sei, an dem er die Früchte seines an gemeinnütziger Arbeit so reichen Lebens in Rüstigkeit genießen möge. Mt diesen Worten schloß der Vorsitzende die Versammlung. Mögen die in Thorn gepflogenen Berathungen uns und unseren Schulen zum Segen gereichen! Der Schriftführer i. V.: W. Simson-Lautenburg. Erziehung jüdischer Handwerker und das neue Lehrlingsheim in Köln. Von Dr. med. B. Auerbach in Köln. Sn wenigen Wochen werden wir unser Heim nu§ dem uns schon lange zu eng gewordenen gemiethelen Hause in unseren prächtigen Neubau in der Neustadt verlege», der von der Opserwilligkeit unserer Gemeinde nicht weniger als von der sich immer mehr durchringenden Erkenntniß der großen sozialen Aufgaben, die der Juden harren, und die auf rasche Erfüllung drängen, schönes Zeugniß ablegt. Dieses bedeutsame Ereigniß verpflichtet und veranlaßt uns aber auch, weitere Kreise mit unseren das ganze Land umfassenden Bestrebungen bekannt zu machen und die Grundsätze zu erörtern, auf denen wir unser Werk aufgebaut haben, und denen wir in erster Reihe unsere guten Erfolge verdanken; Grundsätze, durch deren Befolgung seit Gründung unseres Vereins aber auch den Forderungen Rechnung getragen wurde, die der Verfasser des Artikels „Berufswahl, Förderung des Handwerks, Lehrlingsheim" in Nr. 13 der „Allg. Ztg. des Judenthums" mit Recht erhebt. Mit der Konstituirung der Abtheilung Köln des von unserem pädagogisch weit blickenden sel. Freunde Rabbiner Dr. Wedell in Düsieldorf ins Leben gerufenen „Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Jude»" wurden die Bestrebungen d?s letzteren hierher verpflanzt, und welch fruchtbaren Boden sie hier gefunden haberi, beleuchtet die Thatsache, daß wir in den 10 Jahren mehr als 60 Zöglinge von hier als Gesellen, Kunsthandwerker, Techniker entlassen haben. Wir haben aber sowohl in dem Gesammtverein wie in der Kölner Abtheilung von vornherein unser Hilfswerk nicht als ein lokales betrachtet, sondern in dem Bewußtsein, daß die großen begüterten Gemeinden pflichtgemäß für die arme Landbevölkerung unb die kleinen Gemeinden ans ganz Deutschland einziitreten haben, keine Zöglinge mit Rücksicht auf deren weit entlegene Heimath zurückgewiesen, trotzdem unsere Hilfsmittel bisher nur aus hiesiger Gemeinde flössen. So dient unser Verein in Wirklichkeit dem ganzen Lande. Aber nicht darin allein gipfelt die Sonderstellung, die wir für uns gegenüber den meisten anderen oder allen anderen Vereinen in Anspruch nehmen, hauptsächlich auch in dem durch unsere Praxis bethätigten Prinzip, mit unserer Arbeit nicht vulgäre Wohlthätigkeit, sondern eine erzieherische Thätigkeit im strengsten Sinne zu leisten. Wir geben die Gelder nicht den Eltern, daraus Gewinn zu ziehen, und es ihnen zu überlassen, wie und wo sie ihre Kinder nnterbringen; wir nehmen die Kinder selbst in Erziehung; ihren Wünschen, Neigungen, körperlichen und geistigen Anlagen entsprechend bestimmen wir das Handwerk, suchen selbst die Meister, schließen selbst die Verträge, überwachen die Fortschritte wie die körperliche Verpflegung und geistige Fortbildung, sorgen für den Forlbildungsunterricht und den Besuch der Zeichenschulen und ermöglichen es den Zöglingen, die besondere, über ihr Handwerk hinausgehende Fähigkeiten zeigen, sich auf den entsprechenden kunstgewerblichen oder technischen Fachschulen weiterzubilden. - Denn uns leitet allein der Gedanke, unseren Knaben die bestmögliche wirthschaftliche und moralische Förderung angedeihen zu lassen und jeden Einzelnen an den Platz zu stellen, der seiner Individualität entspricht und ihm eine gesicherte Zukunft verbürgt, nicht der gänzlich haltlose antisemitische Vorwurf, daß die Juden zu den sogenannten produktiven Berufsarten nicht das ihrer Zahl entsprechende Kontingent stelle». Denn nicht freiwillig und nicht durch ihre Neigungen von Haus aus haben sie sich in dem großen Maße der Handarbeit und dem Ackerbau entwöhnt und sich dem Handel zugewandt, sondern durch die tausendjährige Unterdrückung und den Zwang, den ihre Feinde ihnen auferlegten. Für die Berufswahl der Kinder sind aber außer den rein ökonomischen Verhältnisien der Eltern die gesellschaftliche und politische Position sowie die Tradiiion »nd vererbte geistige und physische Eigenart der Familien die ausschlaggebenden Faktoren. Um den Fanatismus und Haß, der obige Vorwürfe gegen uns Alle erhebt, zu entwaffnen und die Angriffe von uns abzuwehren, Wörden wir nicht gerade von unseren unbemittelten Glaubensgenossen Opfer beanspruchen. Aber weit entfernt, ihnen durch die Ueberfiihrung zum Handwerk Opfer auferlegen zu wollen, tragen wir der Einsicht und den Mahnungen aller Wohlgesinnten Rechnung, daß die zum Theil auch unter den Juden herrschende soziale und moralische Nothlage zumeist durch übergroßes Zuströmen der Jugend zum

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