Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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291 brechen nicht so schlimm gewesen als die mit den gehässigsten Mitteln non Drumont, Rochefort u. s. w. betriebene, auf Raub und Mord hinauslaufende Verhetzung der Bürger unter einander. Endlich geht auch weiteren Kreisen der Katholiken Frankreichs das Verständniß für die Wirklichkeit auf. Der Univers, das leitende Blatt der mit der Republik als solcher ausgesöhnten Katholiken, sagt sich los von jenen Preßbanditen, die vom Raube am inneren Frieden, an der Moral und Wahrheit bisher ihr Leben fristeten, und zwar knüpft das Blatt seine Lossagung eben an jene Proben, die wir vorstehend mittheilten. Das bedeutet einen erfreulichen Fortschritt." * Bon den Verdiensten, die der bekannte Arzt Dr. W. M. Haffkine sich um die Bekämpfung der Pest in Indien erworben, hatten wir bereits wiederholt Gelegenheit, zu sprechen. Jüngst war der verdienstvolle Gelehrte in London Gast des Klubs der Maccabaeans. Bei dem ihm zu Ehren gegebenen Festmahl hielt Lord Josef Li st er, der berühmte englische Chirurg, einen Toast, der so interessant ist, daß wir ihn im Wortlaut hier wiedergeben wollen. Lord Lister, mit lebhaftem Beifall empfangen, sagte: „Ich gestehe, -aß ich nicht vorbereitet hierher komme, um über die Prinzipien und Thätigkeit des Mr. Haffkine einen Bericht abzustatten. Vor 6 Jahren sah ich ihn zum ersten Mal, als er im Begriff war, nach Indien zu gehen, um durch Einimpfungen der Cholera vorzubeugen. Es bestanden große Zweifel, ob das vorgeschlagene Mittel sich gegen die Cholera wirksam erweisen würde, jedoch erzielte Mr. Haffkine wunderbare Resultate damit. Unerschrocken, wie er ist, versuchte er es zuerst an sich selbst. Es giebt Biele, die da behaupten, daß Aerzte unmenschlich wären und die Letzten in der Welt, denen man Vertrauen entgegenbringen dürfe. Ich glaube nicht, daß die Maccabaeans ebenso denken. Er versuchte zwei Mittel zugleich und kam zu dem Resultat, daß die strengere Form durch die Anwendung des milderen Mittels abgeschwächt wurde. Mr. Haffkines Bestreben war darauf gerichtet, nicht nur Menschenleben zu retten, sondern auch Vorurtheile der Eingeborenen zu bekämpfen. Mit der größten Schwierigkeit konnten die Eingeborenen zu einer Impfung bewogen werden, für die ihnen sogar Entgelt geboten werden mußte. Endlich lernten sie einsehen, daß ihnen durch einen Europäer eine so große Hilfe zu Theil wurde, und dies erfüllte sie mit Dank gegen die weiße Rasse. Mr. Haffkine hat sich um Indien große Verdienste erworben und durch letzteres Britannien sich verpflichtet. Er hat eine bewunderungswürdige Beharrlichkeit in der Ueberwindung ungeheurer Schwierigkeiten bewiesen. Während wir aber auf der einen Seite seine hervorragenden Geisteskräfte bewundern, müssen wir andererseits auch seinem Charakter gerecht werden. Er ist ebenso bescheiden wie befähigt. Die Selbstverleugvung, mit welcher er jahrelang sein Leben den Gefahren aussetzte, seine Gesundheit mißachtete, nur gegen die Pest mit Selbstaufopferung kämpfte, ist einfach heroisch. Es giebt Einige, die ihm seine Befähigung, seinen Erfolg absprechen wollen, weil er Jude ist. Ich bin glücklich, sagen zu können, daß so unedle Beweggründe in diesem Lande nicht existiren. Wir sympathisiren mit Dreyfus und freuen uns mit Ihnen bei der Aussicht seiner baldigen Befreiung, .als ob er einer der Unsrigen wäre. Wir erinnern uns, daß wir einen Premierminister hatten, welcher von reinem jüdischen Blut abstammte, und wir beklagen noch den Tod eines der größten Advokaten, welcher ebenfalls Jude war. Es giebt nichts Verächtlicheres als den Haß gegen die jüdische Rasse, welche die edelste auf Erden ist, und der Christ schuldet alles, was er verehrt, alle seine Hoffnungen, alles, was er hoch hält, ihnen. Die außerordentliche Liebenswürdigkeit, mit welcher ich heute Abend empfangen worden bin, macht es mir unmöglich, meine Empfindungen, wie ich es so gern möchte, zum Ausdruck zu bringen. Ich war betroffen, beim Lesen einer mir vom Chief Rabbi übermittelten Predigt dieselben Worte wiederzufinden, welche auch wir Christen Hochhalten: „Seid barmherzig, wie Euer himmlischer Vater barmherzig ist". Diese Worte rührten mich sehr, da sie mir zeigten, wie Christen und Juden sich nähern können, und ließen mein Herz höher schlagen. Diese That ist wohl nicht würdiger zum Ausdruck gebracht worden als in dem Wirken des Mannes, dem ich heute einige Worte der Anerkennung zu sagen die Ehre hatte." ' Solche Aeußerungen eines der berühmtesten Gelehrten der Welt find gewiß von hohem Werth und können uns für viele Angriffe unwiffender Agitatoren entschädigen. * Einer der hauptsächlichsten Vorwürfe, die man den russischen Juden macht, ist der, daß sie sich dem Militärdienst zu entziehen suchen. Diese Meinung hat selbst die Regierung dazu veranlaßt, eine Geldstrafe von 300 Rubel der Familie eines ungehörig eingetragenen Juden aufzuerlegen. Seit langer Zeit ist es aber anerkannt und nachgewiesen, daß die große Zahl der eingetragenen unangemeldeten Juden, die sich in den Rekrutirungslisten finden, nur eine Folge der schlechten Führung der Civilstandsregister ist. Man läßt längst verstorbene junge Leute ruhig in den Listen figuriren oder solche, die in den Listen einer anderen Gegend längst verzeichnet sind. So kommt man dazu, viel mehr Israeliten einzuziehen, als die Zahl der jüdischen Bevölkerung erheischt. Der Bericht des Ministers des Inneren über die Resultate des Aufrufes von 1898 bestärkt diese Thatsache von Neuem. Die Zahl der aufgerufenen Mannschaften betrug 1898 953195, von denen 51410 Juden waren; 284 583 Leute wurden zum Dienst tauglich erklärt. Diese Zahl stellte 24 pCt. von der Zahl derjenigen Leute dar, die zum Militärdienst eingezogen wurden. Wenn die Einverleibung nach gleichmäßigem Maßstabe für Juden wie Nichtjuden erfolgt wäre, so hätten erstere 15 348 Leute und letztere 269 235 Mann zu liefern gehabt. Statt dessen erfahren wir, daß die Israeliten 16 595 Soldaten, d. h. 32,28 pCt., und die anderen Konfessionen 267988, d. h. 29,72 pCt., geliefert haben. Der Messager du Gouvernement konstatirt außerdem, daß 1820 Juden beim Appell von 1899 gefehlt haben. In einem Schreiben, das die Regierung jüngst an die Verwaltungen gesandt, richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf die Jrrthümer, die sich jährlich infolge der schlechten Führung der Civilstandsregister der Juden vorfinden. Es ist wirklich nicht möglich, daß die jüdische Bevölkerung unter normalen Verhältnissen ein Kontingent von 51410 jungen Leuten stellt. In dieser Zahl muß man augenscheinlich Die mit einbegriffen denken, deren Ableben nicht hinreichend festgestellt Ist, und Diejenigen, welche das Land verlassen haben, ohne daß die Listen das erwähnen. Ist es doch vorgekommen, daß ein gewisser Slominsky aus Grodno vor 20 Jahren einen Knaben von 2 Jahren verloren hat, allein der Beamte trug an Stelle des Sohnes den Vater als verstorben ein. Nachdem der Knabe nun schon 20 Jahre todt ist, findet er sich in den Rekrutirungslisten ein und wird aufgefordert, sich zu stellen. Es ist wahrscheinlich, daß der Vater trotz des Todes des Kindes doch die Forderung von 300 Rubeln zu zahlen haben wird. Ein zweiter Fall ist nicht weniger charakteristisch: I. Bronfenbreuer, ein Einwohner von Cherson, erhält jüngsthin den Befehl, die Strafe von 3OO Rubel zu bezahlen, weil sein Sohn, den man 1899 aufgeboten, sich nicht gestellt habe. Bronfenbreuer protestirte gegen den Zahlungsbefehl, weil sein Sohn, wie er nachwies, bereits im Jahre 1875 mit einem Jahr gestorben war. Trotz alledem wurde er dazu verurtheilt, die Strafe zu bezahlen. Protokoll -er 3. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Religionslehrer Mestprentzens zu Thorn am 21. und 22. Mai. f!Me Versammlung fand in der Aula der Religionsschule der jüdischen Gemeinde statt. Anwesend sind die Herren Jaffe- " Dt.-Krone, Vorsitzender, Chaim-Thorn, Geifenberg-Marienwerder, Kadisch - Gollub, Mannheim - Graudenz, Mendelsohn - Mewe Rynarzewski-Pr. Stargard, Schapira-Briesen, Simson-Lautenburg und