Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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walt Dr. Bobies bat um Abweisung des Einspruches und führte aus, daß, sowie in früherer Zeit von vergifteten Brunnen, jetzt von dem Märchen des Ritualmordes gesprochen werde, wenn man Judenhetzen inszeniren wolle. Wenn zufällig ein Jude, was ohnedies selten vorkomme, einen Mord begehe, sprechen gewisse Leute sofort von Ritualmord. Mit großen und fetten Lettern wurde hervorgehoben, daß man die Leiche des ermordeten Mädchens in Polna beinahe blutleer auffand. Es ist aber doch so klar, wenn der Hals eines Menschen durchschnitten wird, muß das Blut ausströmen. — Der Artikel wurde dem „Deutschen Bolksblatt" von einem Gewährsmann und Gesinnungsgenossen aus Polna gesendet, doch zweifellos nur in der Absicht, um zu Feindseligkeiten gegen die Gesammtheit aufzureizen. Die in dem Artikel enthaltenen Nachrichten sind aber nach der vorliegenden Note der Staatsanwaltschaft auch falsch. Es wurde angeführt, daß noch zwei Juden, ein Schächter aus einem nahen Orte, der sofort verhaftet wurde, und ein Unbekannter an dem Morde betheiligt waren. Die Untersuchung hat aber bisher keinen Anhaltspunkt dafür ergeben, daß der unter dem Verdachte des Mordes in Haft befindliche Hülsner Mitschuldige hatte; ebenso unwahr ist es, daß eine zweite Verhaftung in dieser Strafsache vorgenommen wurde. Unter der Nachwirkung solcher beunruhigenden Gerüchte werden Steine lebendig und zerklirren die Fenster der Judenwohnvngen. Der ganze Artikel stelle sich als eine im Dienste der Judenhetze gezüchtete Ente dar. Der Gerichtshof gab dem Einspruch nicht statt, mit der Begründung, daß das Blatt in ostentativer und auffälliger Weise unwahre Nachrichten zu dem Zwecke publizirte, um das Märchen vom Ritualmvrd im Gedächtnisse seiner Leser aufzufrischen und gegen die Juden zu Hetzen. — Der Genoffenschaftsvorsteher der Kunstblumen- Erzeuger, ein wackerer Antisemit, wurde wegen Defraudation von Genossenschaftsgeldern zu achtzehnmonatlicher Kerkerhaft verurtheilt. — Im Oktober vorigen Jahres wurde bekanntlich der Brauereibesttzer Heinrich Färber wegen eines Todtschlages, dessen er bezichtigt wurde, zu sieben Jahren und sein Sohn Salomon Färber zu einem Jahre Kerker verurtheilt. Der Oberste Gerichtshof setzte die Kerkerstrafe Heinrich Färbers auf vier Jahre herab und hob das Urtheil bezüglich Salomon Färbers auf, indem er zugleich eine neue Verhandlung gegen denselben anordnete. Das Krakauer Landesgericht pflog nun Erhebungen, deren Ergebniß jedoch kein Substrat zu einer neuen Verhandlung bot. Das Strafverfahren wurde daher eingestellt und Salomon Färber aus der Haft entlassen. Der alte Vater muß aber noch vier Jahre absitzen. Wer weiß, ob auch diese Angelegenheit jemals aufgeklärt werden wird? — Der christlich-soziale Bürgerschullehrer Bernhard Odstrcil an der Knaben-Bürgerschule Währing, Klettenhofergasse 3, angestellt, wurde verhaftet und dem Landesgerichte eingeliefert, weil er sich grober Verbrechen gegen die Sittlichkeit schuldig gemacht hat. — Der Kaiser hat das vom Bizesekretär des Finanzministeriums Dr. Josef Raudnitz herausgegebene Werk „Geschichte des Maria- Theresien-Thalers" angenommen und dem Autor sowie dessen Mitarbeiter die goldene Medaille mit dem Wahlspruche verliehen. — Der k. k. Professor Dr. Otto Friedmann wurde vom Ministerium zum außerordentlichen Professor für Handels- und Wechselrecht an der Konsular- Akademie ernannt. — In Budapest ist der Großgrundbesitzer und persische General-Konsul Heinrich Schoßberger de Tornya im 68. Lebensjahre gestorben. Der Kaiser hatte ihm für seine Verdienste um die Entwickelung des ungarischen Handels den erblichen Adelstand verliehen. — Hier ist im Alter von 90 Jahren der allgemein geachtete Privatier Samuel Kohn und in Brandeis a. E. der k. k. Hauptmann Isidor Spira im 48. Lebensjahre gestorben. O Prag - Smicholv, im Juni. Am 29. v. M. starb hier, wie bereits kurz gemeldet, Rabbiner Dr. Samuel Back im Alter von 58 Jahren. Derselbe entstammte einer angesehenen jüdischen Gelehrtenfamilie zu Freifladtel (Galgoez) a. W. und nahm auf der Jeschiba zu Preßburg in jahrelangem, rastlosem Studium die Schätze unserer gesammten Litteratur in sich auf. Er war schon damals durch seinen ungewöhnlichen Scharfsinn und seine tiefe, gründliche talmudische Kenntniß allgemein geachtet, so daß ihm der Unterricht des nachmaligen gefeierten Berliner Rabbiners Dr. P. F. Frankl und dessen Bruders übertragen wurde. Eines seiner ersten Werke war eine kleine Sammlung hebräischer Gedichte „Merl Kotoun", welche er noch in frühem Jünglingsalter veröffentlichte, wie er überhaupt schon mit 16 Jahren mit geistigen Erzeugnissen in hebräischer Sprache in die Oeffentlichkeit trat. Doch sein weitausblickender Geist fand in der einseitigen Pflege des Talmudstudiums keine volle Befriedigung. Er wandte sich nach Breslau und wurde Hörer der dortigen Universität und des Seminars. Von seinem Wissen zeugt schon seine Differtationsschrift: „Joseph Albos Bedeutung in der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie. Ein Beitrag zur genaueren Kenntniß der Tendenz des Buches „Jkkarim", worin er die Prinzipien der Religion nach Albo darlegt. Er stand damals in regem geistigen Verkehr mit Frankel und Grätz, an deren Monatsschrift er sich als einer der eifrigsten Mitarbeiter durch viele Jahre bethefiigt hat. Er veröffentlichte in derselben in vielen Fortsetzungen eine gehaltvolle Studie über die Fabel in Talmud und Midrasch, über aufgefundene Aktenstücke der Frankiflen in Offenbach und zahlreiche kleinere Arbeiten. Von seiner innigen Liebe zur jüdischen Geschichte zeugen seine historischen Schriften „Ueber die Entstehungsgeschichte der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam und Rabbi Menaffe ben Israel", welche auch in Brülls „Populär-wissenschaftliche Monatsblätter" veröffentlicht wurde, „Das Synhedrion unter Napoleon I. und die ersten Emanzipationsbestrebungen zur 100jährigen Feier des Lessingschen Nathan" und „Elischa ben Abuja Acher" zu Jellineks 70. Geburtstag. Sein Lebenswerk aber, worin sein Geist und sein Wissen sich voll zu erkennen giebt, ist die Biographie „Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg". Von diesem Werke ist der erste Band bis jetzt unter Subvention der Zunz- Stiftung erschienen. Es wurde seinerzeit in allen Fachzeitschriften von Männern wie Kaufmann, Steinschneider, Lazarus u. A. eingehend gewürdigt. Leider hat schwere Krankheit dem Verblichenen den Abschluß des zweiten Bandes dieses bedeutenden Werkes, welcher von den Schriften R. Meirs handelt und sich schon unter der Presse befindet, unmöglich gemacht. — Daneben blieb der Verstorbene aber immer dem talmudischen Studium treu und veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften Erläuterungen dunkler Ausdrücke und schwieriger Stellen aus dem weiten Gebiete des Talmuds. Schönaus dieser kurzen Skizze ersehen wir, welch großen Verlust das Judenthum durch den Heimgang Backs erlitten hat. Der Verblichene wirkte durch 27 Jahre als Rabbiner der Gemeinde Smichow und erwarb sich hier die wärmsten Sympathien in weiten Kreisen, wovon die imposante Leichenfeier, die unter außerordentlicher Theilnahme aus allen Theilen Böhmens stattfand, beredtes Zeugniß ablegt. Es waren zwanzig Rabbiner erschienen, von denen mehrere ihrem Kollegen ehrendste Nachrufe hielten, Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld-Prag, Dr. Weiner aus Kgl. Weinberge, Dr. Hirsch aus Karolinenthal und Dr. Posnanski aus Pilsen. Dr. Ehrenfeld wendete in seinem Nachruf den Ansspruch des Talmuds, die Tinte, die in Moses Feder zurückgeblieben, sie erfülle uns mit der größten Bewunderung, auf den Heimgegangenen an. Wir würden dem Verstorbenen nicht gerecht werden, wenn wir ihn nur nach seinen Werken beurtheilten, wir müssen uns vergegenwärtigen, welche Schätze des Wissens er aus Mangel an Zeit und infolge seiner Krankheit schriftstellerisch nicht verwerthen konnte, welche aber seine Kollegen, die ihm nahe standen, mit ehrlicher Bewunderung erfüllten. Und dieser Meinung können wir voll beipflichten, indem wir den frühzeitigen Heimgang Dr. Samuel Backs im Namen der jüdischen Wissenschaft auf das Tiefste beklagen. (Auch der Redakteur dieses Blattes widmet dem dahingeschiedenen Jugendfreunde den Zoll treuer Erinnerung. Ehre seinem Andenken!) Frankreich. U. Paris, 9. Juni. Ich melde Ihnen heute eine Nachricht, die deutsche Blätter so gut wie ganz übersehen haben und die gerade unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen hoch interessant ist. Am 5. d. M. ist hier der Ehrenpräsident des Kassationshofes Gustave Bedarrides im 82. Lebensjahre gestorben. Dieser Mann war aber ein Jude, und zwar ein glaubenstreuer Jude; er war bis zu seinem Tode Vizepräsident des jüdischen Centralkonsistoriums in Frankreich! Bedarrides war der erste Jude, der es zum Kammerpräsidenten am Kassationshof gebracht hatte. Nur weil er Jude war, es ist traurig, das in einer Republik konstatiren zu müssen, wurde er nicht Präsident des Kassationshoses, als 1890 diese Stelle vakant wurde. Heute kann man es sagen, daß es ein Glück war. Er nahm 1892 seinen Abschied, und bei dieser Gelegenheit erhielt er den Titel eines ersten Ehrenpräsidenten. Bedarrides wurde 1822 in Aix geboren, er fing seine juristische Karriere 1840 als Substitut im Tribunal seiner Heimathsstadt an, 1862 wurde er zum Generalstaatsanwalt in Bastia ernannt, und in dieser ausschließlich katholischen