Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 gegenüber der Frequenz, die auch die städtischen Bibliotheken aufweisen, müssen wir mit Bedauern konstatiren, daß die Heranwachsende israelitische Jugend in dieser Beziehung ein weit geringeres Interesse zeigt, ihre Kenntnisse zu vertiefen und zu erweitern. 0 Kosten, 11. Juni. Am 5. d. M. ist hier der Kämmerer und Sparkassenrendant Moritz Wolfs gestorben. Derselbe hat 21 JaHre das Amt zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten Behörde verwaltet und hat sich trotzdem als Jude stets die größte Anerkennung erworben. Wegen Krankheit hat er sich am 1. April cr. pensioniren lassen müssers. Sein Leichenbegängniß zeigte, welche Liebe und Verehrung der VÄblichene sich in allen Kreisen der Bevölkerung bei Christen und Juden zu verschaffen wußte. Magistrat und Stadtverordnete folgten in corpore der Bahre; ebenso kamen von nah und fern Bekannte und Freunde, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen, und die Einwohner der kleinen Stadt folgten mit tiefer Trauer dem Gefolge. Herr Rabbiner Dr. Bäck-Lissa schilderte mit begeisterten Worten den Lebensgang des Verstorbenen und namentlich seine peinliche Pflichttreue als städtischer Beamter. Wo es galt, Gutes zu thun, war der Verstorbene immer zu geben bereit. Er war auch ein überzeugungstreuer Jude; aus einer alten Rabbinerfamilie stammend — . sein Großvater war der Rabbiner Wolff-Meseritz und sein Onkel Dr. Wolff-Gothenburg —, hat er für seine Gemeinde, in der er jahrelang Vorstandsmitglied war, segensreich gewirkt. So hat die Gemeinde Kosten einen herben Verlust erlitten. Kp. Aus der Provinz Posen, im Juni. Die Gemeindeverwaltung in Rogowo hat beschlossen, noch in diesem Jahre mit dem Bau einer neuen Synagoge zu beginnen. — In Rogasen ist Kaufmann Henry Lewy fast einstimmig von den Stadtverordneten zum Magistratsmitglied gewählt worden. — Die Generalversammlung des Kriegervereins in Mrotschen wählte neulich den Kaufmann Hey mann Katz zum Delegirten für den Verbandstag in Schönlanke. — Der Kantor Nischkowski in Wongrowitz feierte Anfangs Juni sein 25jähriges Amtsjubiläum. — In Rogasen ist Kaufmann Hammerschmidt als Magistratsmitglied gewählt worden. — Der israelitische Armen-Bekleidungsverein in Wronke hat beschlossen, der dortigen Gemeinde eine Thorarolle im Werthe von 660 Mark schreiben zu lassen. — Die Mitgliederzahl des israelitischen Litteraturvereins in Wronke ist von 21 auf 49 gewachsen. Der Verein beschloß, zu dem daselbst zu errichtenden Kaiser Wilhelm-Denkmal eine Spende von 45 Mark aus Vereinsmitteln beizusteuern. — Der langjährige frühere Synagogenvorsteher der Gemeinde Pleschen, Rentier Meyer Neugedachter daselbst, ist kürzlich im Alter von 81 Jahren gestorben. ■/v- Leipzig, 3. Juni. Unsere armen Gemeindemitglieder erwerbsfähig zu machen, das ist das hohe Ziel, das sich unser verehrter Wohlthäter, Herr Alphons Jacobson, bei all feinen edlen Werken gesetzt hat. Diesem Zwecke dienen die von ihm gegründeten Schwesteranstalten, „Israelitische Speiseanstalt und Kinderhort", indem sie unsere armen Familien durch gute Nahrung kräftigen und ihre Kinder zu brauchbaren, gesitteten Menschen erziehen. Dieses Ziel erstrebt in letzter Linie auch seine neueste Schöpfung, die Israelitische Soolbad- Kolonie in dem bekannten Soolbade Dürrenberg bei Leipzig, die am gestrigen Freitag eröffnet wurde. In den großen Sommerferien sollen dort Kolonien schwächlicher Kinder unserer Gemeinde Aufnahme finden und ihre Gesundheit stärken und kräftigen, in den Sommerwochen vor und nach den Ferien sollen bedürftige erwachsene Gemeindemitglieder, denen Erholung und Stärkung noth thut, daselbst gesunden und zu neuer Arbeit Kräfte sammeln. Ein kleines Bauernhäuschen war es, das Herr Jacobson zu diesem Zwecke kaufte und umbauen ließ, aber wie praktisch, wie bequem und schön und doch einfach ist jetzt alles in dem kleinen Hause dicht an der Saline eingetheilt und eingerichtet! Oder vielmehr in den zwei eng nebeneinanderliegenden kleinen Häuschen, zu denen auch ein kleiner Garten mit Laube und ein Stück Feld gehören. Schlaf- und Eßzimmer, Küche, Keller und sonstige Wirthschaftsräume, alles ist so vollkommen und praktisch für die Zwecke, denen das Ganze dient, eingerichtet, daß man stch auch nicht das Geringste anders angeordnet wünscht. Vorläufig sind in dem einen Hause (das zweite wird erst in diesen Tagen ganz fertig) 9 Frauen untergebracht, die sich in der kräftigenden Salzluft des Ortes und unter der guten Pflege der bewährten Leiterin des Hauses gewiß recht erholen werden. Die ganz interne Eröffnungsfeier, ded außer den jetzigen Hausinsassen nur einige Leipziger Damen, denen zum großen Theil die so schöne Einrichtung der Anstalt zu verdanken ist, beiwohnten, und bei der unser verdienter Rabbiner, Herr Dr. Porges, eine kurze, warme Ansprache hielt, wurde nur dadurch getrübt, daß der verehrte Schöpfer des Ganzen, wenn er fich auch schon in der Rekonvalescenz befindet, doch der Feier noch nicht beiwohnen konnte; gebe Gott, daß wir ihn bald wieder völlig gesundet in unserer Mitte haben! Seinem neuesten edlen Werke aber wünschen wir ein fröhliches Blühen und Gedeihen! a. Frankfurt a. M., 13. Juni. Vorstand und Ausschuß der israelitischen Hauptgemeinde versenden soeben den durch ein Kompromiß zu Stande gekommenen Beschluß vom 7. d. M. Derselbe hat folgenden Wortlaut: 1. Vom 1. April 1900 ab sind die Steuern derjenigen Gemeindemitglieder, welche dem Vorstand erklären, daß sie aus orthodox-religiösen Gründen Bedenken tragen, zu der Erhaltung der Realschule und des Kultus in der Hauptsynagoge und Synagogen gleicher Richtung beizutragen, auf ihren schriftlichen Antrag gesondert zu verbuchen und zu den vorgedachten Zwecken nicht zu verwenden. Für die Steuerquittungen derjenigen Gemeindemitglieder, welche hiervon Gebrauch machen, wird Formular Nr. 2 benutzt. Das aktive und passive Wahlrecht bleibt auch diesen Gemeindemitgliedern gewahrt. 2. Die derzeit bestehende Ritual-Kommission wird zu einer ständigen Einrichtung der israelitischen Gemeinde erklärt. Sie ergänzt fich bei Ausscheiden eines Mitgliedes in der bisherigen Weise, indem die verbleibenden Mitglieder drei Gemeindemitglieder in Vorschlag bringen, von welchen der Vorstand eines zum Kommissionsmitglied ernennt. 3. Die Ritual-Kommission ist berechtigt, je eine Stelle im Pflegamt des Gemeinde-Hospitals und in der Friedhofskommisston in der Weise zu besetzen, daß sie drei Kandidaten in Vorschlag bringt, von welchen der Gemeinde-Vorstand einen zu ernennen hat. 4. Die Ritual-Kommission ist berechtigt, alljährlich bei Rechnungsabschluß durch eines ihrer Mitglieder die Rechnungsbücher der Gemeinde einzusehen. 5. Die Synagoge am Börneplatz bleibt wie seither dem nach den Vorschriften des traditionellen Judenthums gestalteten Gottesdienst gewidmet, und sobald fich ein Bedürfniß für weitere Gottesdienste ergiebt, wird auch diesem genügt werden. 6. Die Zusatzbestimmungen zu dem Regulativ für die Verwaltung der israelitischen Gemeinde aus dem Jahre 1877 sind mit Wirkung vom 1. April 1900 aufgehoben. — Der Magistrat hat der Stadtverordnetenversammlung die Ergebnisse der auf Veranlassung der städtischen Behörden von der Handelskammer veranstalteten Enquete wegen anderweitiger Regelung der Sonntagsruhe übergeben. Die Mehrheit der Befragten hat fich für vollständige Sonntagsruhe ausgesprochen, eine erhebliche Minderheit dagegen. Die Handelskammer empfiehlt, es bei der bisherigen Gepflogenheit zu belassen, eventuell würde sie gegen den Antrag, alternirend alle 14 Tage vollständige Ruhe für das Personal eintreten zu lassen, einen Einwand nicht erheben, obwohl sie selbst für diesen keine besondere Neigung hat. K. Bingen a. Rh., 9. Juni. Hier beging das wohlrenommirte israelitische Mädchenpensionat von Geschwister Sobernheim vor Kurzem den 25. Jahrestag seiner Gründung. Dieses von den Begründerinnen vortrefflich geleitete Institut erfreute stch dank seiner zur Anwendung gebrachten Unterrichtsmethoden eines pädagogischen Erfolges, und auch die erzieherische Thätigkeit fand den ungetheiltesten Beifall der Oeffentlichkeit. Von einer festlichen Begehung dieses bedeutungsvollen viertelhundertjährigen Zeitabschnittes wurde von den Zunächstbetheiligten Abstand genommen. Wir wollen jedoch solchen nicht vorübergehen lassen, ohne an dieser Stelle dem Institute eine fernere segensreiche Wirksamkeit zu wünschen. Oesterreich - Ungar». □ Wien, 12. Juni. Der sattsam bekannte Pfarrer Dr. Deckert beschäftigte in der abgelausenen Woche wieder die Gerichte; er hatte Nichtigkeitsbeschwerde angemeldet gegen die Konfiskation einer von ihm verfaßten hetzerischen Broschüre; in derselben Verhandlung hatte sich der Preßsenat mit einem Einsprüche zu befassen, den das antisemitische „Deutsche Bolksblatt" erhob. Es handelte stch um die Konfiskation einer Nummer, in welcher in auffälliger Form unwahre Nachrichten über den Mädchenmord in Polna enthalten waren, was die Staatsanwaltschaft als Aufreizung gegen die Juden qualifizirte. Staatsan-