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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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"0 Stadt erfreute er sich einer seltenen Popularität, 1864 wurde er zum Generaladvokaten am Kassationshof und 1877 zum Präsidenten der Kassationskammer ernannt. Seit 1867 gehörte Bedarrides dem Centrälkonsistorium als Deputirter für Marseille an. Nach dem Tode des Philosophen Ad. Franck wurde er zum Vizepräsidenten der Behörde ge-, wählt, deren Präsident Baron Rothschild ist, und der er durch seinen Eifer und seine Begabung die größten Dienste leistete. Das Begräbniß fand am Mittwoch früh unter großer Betheiligung statt. Sämmtliche Mitglieder des Kassationshofes waren in Amtstracht erschienen. Ein Jnfanteriebataillon mit Mustk und Fahnen erwies ihm die militärischen Ehren; die Zipfel des Bahrtuches trugen: der brave Mazeau, der Erste Präsident des Kassationshofes, ferner Manau, der Generalstaatsanwalt Tanon, der Alterspräsident der Kassationskammer, Abr. See, Mitglied des Centralkonsistoriums, und Bidal-Naquet, Präsident des israelitischen Konsistoriums in Marseille. Auf dem Montmartre hielt zunächst der Grand Rabbin von Paris Abr. Dreyfuß eine Grabrede, dann sprach Vidal-Naquet, und zum Schluß recitirte der Rabbiner Haguenau die üblichen hebräischen Gebete. Wie lange dürfte es wohl dauern, bis wieder ein Jude zu solcher Stellung gelangen wird? — Dr. Alfred Nossig, der Ihnen aus seinen Schriften, welche das Judenthum betreffen, so die „Materialien zur Statistik des jüdischen Stammes" (1887), „Versuch zur Lösung der jüdischen Frage" (1888) und „Sozialhygiene der Juden" (1894), rühmlichst bekannt ist, hat sich seit einigen Jahren mit großem Erfolg der bildenden Kunst zugewendet und in der Galerie des Champs - Elysees jüngst eine Skulpturenausstellung veranstaltet, die allgemeines Interesse erregt. Unter den verschiedenen Objekten fordert namentlich die Statue „1.6 juif errant" die Aufmerksamkeit in hohem Maße heraus. Ferner das Projekt eines Judas Makkabäus und einiger anderer Porträtbüsten. Nossig ist ohne Zweifel einer der originellsten und, wie Viele glauben, die es verstehen, auch einer der begabtesten unter den jüngeren Bildhauern. Ein Besuch dieser Ausstellung ist mehr als lohnend. Amerika. C. H. New-Aork, Ende Mai. Am 13. d. Mts. hat Dr. Marcus Jastrow seinen 70. Geburtstag gefeiert. Dr. Jastrowist in Nogasen geboren, war Prediger in Warschau, Rabbiner in Worms und kam Anfangs der sechziger Jahre nach Philadelphia, wohin er von der Gemeinde Rodeph Schalom berufen wurde. Dem Zuge der Zeit, welche jüngere Männer mit englischer Muttersprache verlangte, mußte er ebenfalls weichen, und so wurde er im Jahre 1892 pensionirt. Auf litterarischem Gebiete hat er sich durch sein talmudisches Wörterbuch in englischer Sprache ein dauerndes Verdienst erworben. — Am 16. d. Mts. starb in Cincinnati Jacob Ezekiel kurz vor Vollendung seines 87. Jahres. Er war 1812 in Philadelphia als Kind holländischer Sephardim geboren, that sich vielfach als Vorkämpfer jüdischer Rechte hervor, so z. B. indem er die Befreiung der Juden von den Sonntagsheiligungsgesetzen durchführte und für die Rechte der amerikanischen Juden eintrat, denen die Schweiz das Aufenthaltsrecht verweigerte. Er gehörte dem Aufsichtsrath des Hebrew Union College seit seiner Begründung an. Einer seiner Söhne ist der berühmte Bildhauer Sir Moses Ezekiel. — In Brooklyn, der ehemaligen, jetzt mit New-Iork verbundenen Schwesterstadt, wurde unter den russischen Juden ein Verein zum Selbstschutz gegen die häufigen Mißhandlungen des Pöbels gegründet. Auch der amerikanische Pöbel glaubt die höhere Moral des Christenthums nicht besser bethätigen zu können, als indem er armen Juden Steine nachwirft oder ihre Bärte zaust. — Die jüdische Wohlthätigkeitsgesellschaft United HebrewCharities hielt am 19. d. Mts. ihren Einzug in ihr neues Heim, welches der Bankier Salomon Loeb mit einem Kostenaufwände von 150000 Dollars erbaut und anläßlich seines 70. Geburtstages der Gesellschaft zum Geschenk gemacht hatte. Unter den bei der feierlichen Uebergabe des Hauses gehaltenen Ansprachen waren die bemerkenswerthesten die des Sohnes des Gebers, welcher Professor an der Columbia-Universität ist, und des New-Uorker Vizebürgermeisters Randolph Guggenheimer. — Der türkische Gesandte in Washington Ali Feruj Bey hat einen kalten Wasserstrahl auf die zionistische Bewegung gelenkt, indem er erklärte, es sei Wahnsinn, sich einzubilden, die türkische Regierung werde für irgend eine Geldsumme die Souveränität über einen Fußbreit ihres Territoriums aufgeben. Herr Lewis N. Dembitz in Louisville, ein zionistischer Führer, tröstet seine Getreuen durch die Exegese, daß der Sultan nur der europäischen Schutzhoheit, aber nicht der Bildung des Zionistenstaates entgegen sei. Herr Dembitz, ein angesehener Jurist und in seinen freien Stunden auch theologischer Schriftsteller, gehört zu jenen Malkontenten, die aus Opposition gegeü die herrschenden Kreise im Judenthum Zionisten geworden sind. Außer diesem kleinen Kreise rekrutirt der amerikanische Zionismus seine Bekenner nur aus den Kreisen russischer Einwanderer. — Dr. Jsaae M. Wise, der gefeierte Nestor des amerikanischen Judenthums, hat durch den Tod seiner im blühendsten Alter verstorbenen Tochter Elfte einen schweren Schlag erlitten. (Unser herzlichstes Beileid! Die Red.) Don Nah und Fern. ----- Der Reichstag hat die Wahl des antisemitischen Abgeordneten Lotze (Pirna) kassirt und die des Abgeordneten Böckel beanstandet.— Im „Uckermärkischen Bezirk des Deutschen Kriegerbundes", welcher die Kriegervereine der Kreise Pre nzlau. Angermünde und Templin umfaßt, gehört seit seinem Bestehen der Kaufmann Leo Friedländer dem Vorstand an; er wurde bei Neuwahlen von den Vertretern sämmtlicher Vereine stets einstimmig wiedergewählt.' Außerdem ist er Vorstandsmitglied des hiesigen „Kampfgenoffenvereins" seit seinem Bestehen. Dasselbe gilt von dem Mühlenbesitzer Max Sulke. Bemerkenswertherweise sind bei der Neuwahl nur diese beiden Herren wiedergewählt worden, und zwar fast einstimmig. — Die jüdische Gemeinde in Küstrin baut gegenwärtig auf ihrem Friedhof eine Leichenhalle, mit Wärterwohnung und Wagenremise, deren Grundsteinlegung am 7. Juni feierlich erfolgte. Am selben Tage wurde Lehrer Hamburger aus Baiern zum Kultusbeamten gewählt. — In den Vorstand der deutschen Verlegerkammer zu Leipzig, welche die vereinigten deutschen Verlegervereine kürzlich geschaffen haben, wurde als erster Vorsitzender Konsul Bielefeld-Karlsruhe gewählt. — Der Privatdozent Dr. Spiegelberg in Straßburg ist zum außerordentlichen Professor an der Kaiser Wilhelms-Universität ernannt worden.—Der belgische Diplomat Bischoffsheim hat dieser Tage einen Mitarbeiter der „Ljbre Parole" in Paris wegen einer verleumderischen Nachricht im Redaktionsbüreau so durchgeprügelt, daß dieser mehrere Tage lang das Bett hüten mußte. — Am 13. v. M. hat vor dem Friedensrichter in Nikolajew die Verhandlung gegen die Exzedenten stattgefunden. 32 Personen wurden wegen Diebstahls.während der Exzesse verurtheilt. Interessant ist, daß die Beschuldigten Diebstahl nicht zu den Verbrechen zählen. „Alle haben genommen, nun nahm ich mit," — meinte einer vor dem Richter —, „ich bin kein Dieb!" Die meisten wurden mit dreimonatlichem Kerker bestraft. — Die russischen Juden haben sich eifrig an der Puschkin- Feier betheiligt. Der „Verein zur Aufklärung unter-den Juden Rußlands in Petersburg hat eine Ueberfetzung ausgewählter Gedichte Puschkins ins Hebräische veranlaßt und läßt dieselbe auf seine Kosten drucken und verbreiten. Der Verein „Trud" (Arbeit) in Odessa hat eine Puschkin-Prämie ausgeschrieben; mehrere Wohlthätigkeitsvereine, Schulvorstände und Gemeinden haben gleichfalls für diesen Tag besondere Auszeichnungen gestiftet. — Die Gesellschaft „Kultura" in Bukarest, die schon eine jüdische Primärschule vor einigen Jahren errichtet hat, beabsichtigt, nun auch eine jüdische Handelsschule zu begründen. — In New-Jork hat sich eine „Orthodox Hebrew Society“ gebildet, mit dem Zweck, die Hemmnisse, welche dem orthodoxen Juden bei genauer Befolgung der religiösen Satzungen entstehen, nach Kräften zu beseitigen. — Um die Tausende von jungen jüdischen Mädchen, die in Geschäften und Werkstätten arbeiten, vor den Gefahren der Straße zu bewahren und ihre Lage zu verbessern, will die Vereinigung jüdischer Gemeinden in New-Uork in den dicht bevölkerten Distrikten der Ost- und Westseite und in Harlem Mädchenklubs begründen, die mit Schulen für die jüdischen Kinder in Tenementshaus-Distrikten verbunden sein sollen. — Nach dem Bericht des amerikanischen Konsuls in Beirut leben zur Zeit 40000 Juden in Palästina; darunter 22 000 in Jerusalem. 960 Familien, die 5000 Mitglieder zählen, vertheilen sich auf 22 von europäischen Gesellschaften begründete Kolonien. Die Hälfte der Jerusalemer Juden ist aus Europa und Amerika eingewandert. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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