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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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288 Thildche hatte sich erhoben: „Ihr habt immer mei Glaube für gering geacht', Bäuerin, und er is doch der Glaube meiner Vät^r, an dem ich häng' wie Ihr an Eurem Glaube hängt. Ihr habk's jetzt gesehe, Euer Gott is auch unser Gott, denn sonst hätt'der Herr Pfarrer unser Geschicht nit von Eurer Kanzel verkünd'." Die Frau konnte noch immer nichts heransbringen, aber sie hatte sich erhoben, der alten Kundin die Hand zum Abschied reichend. „Lauf, Hannes," sagte der Bauer, „und spann' den Braun' an, ich fahr's Thildche hinunter; Ihr müsse nit denke, Thildche, daß ich^s Euch je vergeh' mit dem kalte Wafferuinschlag .... Mutter," wandie er sich an die Frau, „ich Hab' geglaubt, Du wallst im Thildche e schönes Angedenken mit auf den Weg gebe?" Die Bäuerin fuhr aus ihrem Hinbrüten auf: „Damit pressirt's nit," sagte sie kurz. Das Gehörte ließ ihr keine Ruhe; während die Kinder beim Abendessen saßen, hockte sie im Dunkeln, zu Füßen des Hausaltars. Eine jüdische Geschichte war von der Kanzel herunter verkündet worden, und der aus allen seinen Wunden blutende Heiland hatte das mit anhörcn muffen! In tiefer Kümmerniß, mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt, saß die Frau da; zu tadeln, was der Herr Pfarrer gethan, unterfing sie sich nicht, aber daran hielt sie fest, dem Heiland am Kreuz war ein schweres Leid zugesügt, und sie litt mit ihm und hätte ihn gern getröstet. Mit einem Mal erhob sie sich, nahm ihren Nähkasten, zündete die Küchenlampe an und begab sich auf den Boden. Dort, unter dem niedrigen Gebälk, stand ein großmächtiges, wurmstichiges Ungeheuer von einem Wäscheschrank, von oben bis unten mit hausgesponnenem Linnen angefüllt. Die Bäuerin stellte die Lampe auf einen Holzklotz vor sich hin und setzte sich in den offenen Schrank, nachdem sie ein Betttuch aus demselben genommen hatte; sie trennte die obere Naht aus, fädelte die Nadel ein, und unter ihrer emsig darauf los stichelnden Hand entstanden allgemach die Namen Jesus und Maria im Inneren des Saumes. Sie nähte ihn wieder zu und biß den Faden ab. „So," frohlockte sie, „wenn mir'was von Eurer Religion habe müsse, jetzt hast Du auch was von uus'rer; so räch'ich mei Heiland, Thildche." Gleich am anderen Morgen machte sie sich auf den Weg. In dem kleinen, wohlaufgeräumten Stübchen der Gänsehändlerin ging's schon in aller Früh aus und ein, wie in einem Tanbenschlag. Thildche, ganz roth vor Aufregung und Rührung über die Menge von Angedenken, die ihr die Leute herbeischleppten, hatte alles hübsch ordentlich auf ihrer Kommode aufgestellt, und Jeder, der kam, mußte die Sächelchen und Sachen bewundern. Das Haupt ein wenig vorgeneigt, um nicht oben anzustoßen, mit ihrem Jüngsten auf dem Arm, trat die Oberbäuerin über die Schwelle. Ohne ein Wort zu sagen, legte sie das mitgebrachte Betttuch zu den übrigen Sachen hin. Ein Betttuch, ein selbstgesponnenes Betttuch von der Oberbäuerin! Thildche war von der Größe dieses Geschenkes ganz beschämt und wußte nicht, was sie der Bäuerin alles zu lieb' thun sollte. Diese aber dachte: „So, jetzt ist's wett', und wäre am liebsten gleich gegangen, allein sie wußte, was sich schickte, und daß ein Abschiedsbesuch eine gewisse Dauer haben mußte." Es pochte an die Thür, und als Thildche öffnete, kani ein kleiner Bursche herein und brachte ihr einen großen Brief mit eineih schönen Gruß vom Herrn Pfarrer.; Ganz betreten nahm die Alte den Brief in Empfang: - „Was kann da drinne stehen, was kann in dem Brief stehen," murmelte sie, ihn so weit wie möglich von sich haltend. ' „So macht ihn halt auf." meinte die Bäuerin, „dann seht Jhr's!" Thildche schleuderte ihn plötzlich auf den Tisch: „Ich werd' mich hüte — Du gerechter Gott, Du allgercchtcv» jetzt kommt's; hat er nit gesagt gestern, ich soll nit behalte 's letzte Wort. Jetzt kommt's noch zum Schluß! Warum sollt' er auch gewesen sein so gut zu mir, wenn er nit gehabt hätt' e Absicht? Ich Hab' ihn nur nie zu Wort kommen laffe, da hat er gedacht: „Ich mach's schriftlich." So wahr Gott im Himmel lebt, da drin steht was davon, daß der Herr Pfarrer mich bekehre will!" Sie saß auf einem kleinen Stühlchen, der Bäuerin gegenüber, und zitterte an allen Gliedern, plötzlich sprang sie auf und begann mit großer Hast den Ofen zu schüren. „Thildche," sagte die Bäuerin, „ich will nit hoffe, daß Ihr den Brief verbrenne, das wär e Sünd an unserm Herr Pfarrer." „Was braucht er mer zu schreibe?" stöhnte die Alte. „Brauch ich mer was sage zu laffe von Euerm Pfarrer? Wenn ich mer was sage lasse will, so Hab' ich mei Rabbiner. Jetzt weiß ich, was ich thu," setzte sie plötzlich ruhiger hinzu, die Nachbarin is e gefällige Frau, die Nachbarin wird mer'n lese." „Das kann ich auch," sagte die Bäuerin, die voller Neugier war, „warum habt Ihr das nit gleich gesagt?" Sie nahm das Schreiben vom Tisch und erbrach's; eine kleine schwarze Tafel kam zum Vorschein, auf der ein Sprlich stand. Mühselig und wie ein Kind stockend, begann sie zu lesen: „Der Herr ist mein — Hirte, mir — mir wird . . ." „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln," fiel ihr Thildchen zitternd vor Erregung in die Rede, „Psalm 23, was is e Spruch aus unserer heilige Schrift!" Und sie sing an zu schluchzen: „Was e guter Mann, was e braver Mann, der Herr Pfarrer is e braver Mann! Er hat's gewußt, warum ich ihm bin davon gelaufe, und er hat mer vergölte Böses mit Gutem. Denn ich war schlecht, ich Hab' ihm so was Gut's nit zugetraut, ich Hab' mer gesagt, er hat gehabt e Absicht, er wird sich räche. Er aber hat in Wahrheit an mer gethan, so wie's geschriebe steht in der heilige Schrift; er hat mer's gemacht, so wie mer's macht den Kindern' Gottes, denn wir habe Alle einen Vater — steht geschrieben. ." Die Bäuerin saß mit großen Augen, wie zu Tod erschrocken, da; in ihrem Inneren war es während Thildches Reden plötzlich Tag geworden; sie wußte mit einem Mal, daß sie mit dem, was sie gethan, nicht nach ihres Heilands Sinn gehandelt hatte, daß sie es ganz anders gemacht als der Herr Pfarrer, der ihr gezeigt, daß man es auch mit Solchen gut meinen kann, deren Glaube ein anderer ist als der eigene. Und obgleich diese Erkenntniß in ihren Gefühlen für das ihr innerlich so fremde Wesen der alten Händlerin nichts zu ändern vermochte, der Gedanke, ihr ein Unrecht zugefügt zu haben, ließ ihr keine Ruhe. „Thildche," sagte sie, mit einem Mal aus ihrem Hinbrüten auffahrend, „da fallt mir ein, das Betttuch ist ja viel zu lang für Euch, gebe mir schnell e Scheer, Nadel und Fade. . . ." Und eh' sich's die Alte versah, hatte die Bäuerin den oberen Saum des Betttuchs abgeschnitten und in die Tasche gesteckt; alsdann begann sie mit großer Eile einen neuen zu nähen, während Thildche um das schöne Linnen jammerte und die Bäuerin der Verschwendung anklagte. Diese nähte schweigend darauf los, innerlich Gott dankend, daß sie gutzumachen vermochte, was sie vorgehabt. „So denn," sagte sie und biß den Faden ab und legte das Betttuch in seine alten Falten, „jetzt wird's recht sein, denk ich; behüt' Erich Gott, Thildche." Die Frauen reichten sich die Hand zum Abschied, und als sie aus einander gingen, standen Beider Augen voll Thränen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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