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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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.WWWWWMM 287 „Mutter, der Soldat hat Durst." rief der Vater vom Tisch her. Da lief sie und stellte ihrem Aeltesten das gestrichen volle Glas mit einem herzhaften Prost auf den Tisch. Der Vater stopfte ihm die Pfeife. Der Bursche hatte noch mit keinem Wort gesagt, was er draußen an Heimweh durchmachte, und die Eltern fragten auch nicht. Was sein mußte, darüber verlor man keine Worte, aber was sie ihrem Buben zu Lieb thun konnten, das geschah. Diesmal bekamen auch die anderen Söhne und der Knecht etwas aus der großen, kurzhalsigen, mit Draht umsponnenen Flasche ab. Die Frau war immer geschäftig für die Ihrigen, und was sie that, geschah in Heller Freudigkeit, ohne alle Ungeduld, es war ihr nichts zu viel. Die Kleinen am Baum begehrten frische Lichter zum Austecken, die Mutter holte eine Handvoll herbei. Der Alte stöhnte. „Jetzt hat der Großvader Durst," sagte sie, richtete ihn auf und gab ihm aus eineui Krug Wein zu trinken. Die Katze sprang aufs Bett lind miaute. „Willst halt auch was?" meinte die Frau und stellte einen Topf Milch auf den Boden. „Mutter," rief der Bauer, „vielleicht daß 's Thildche heut' zum Abschied doch eins trinkt; ein Gläsle Einundneunziger kann doch kein Mensch nicht abschlage?" „Ich muß danke, ich muß danke," sagte Thildche. „'s Trinke," meinte sie, als ihr die Bäuerin wieder gegenüber saß, „'s Trinke is überhaupt nit gesund; so viel Schnaps für so junge Leut is wahrhaftig in Gott nit gesund." Alle in der Stube lachten laut auf, und die Bäuerin setzte hinzu: „Schaue emal meine Bube an; mir ist noch kei Kind und kei Vieh zu Grund gange, und mehr braucht's, denk' ich, nit." Sie hatte ihren Jüngsten, der inzwischen eingeschlafen war, zu Füßen des Großvaters niedergelegt. Aber ihre kräftigen, sehnigen Arme sollten keinen Augenblick der Ruhe pflegen, denn schon kam wieder ein anderer Kleiner, der müde war und von der Mutter ausgenommen werden wollte. Man konnte sich die Bäuerin überhaupt nicht anders denken als mit einem Kind auf dem Arm. Ihr ganzes Leben war unermüdliche Sorge für die Nachkommenschaft, bald in der Stube, bald im Stall, und in dieser Atmosphäre tiefinnerster Zufriedenheit und Lebenslust gediehen Kinder und Thiere gar prächtig. Es gab für dieses nervenstarke Geschlecht weder Lärm, noch Schmutz, noch schlechte Luft. Alles, was diese innerlich reinen Menschen Schlimmes an sich hatten, lag auf der Oberfläche. Mit dieser aber war die welterfahrene und lebenskluge Gänsehändlerin so wenig wie möglich zufrieden; sie vermochte nicht zu begreifen, daß sich Menschen in Verhältnissen wohl fühlen konnten, die in ihren Augen so viel zu wünschen übrig ließen. Daher ging ihr ganzes Bestreben, darauf hinaus, diesen veralteten Zuständen überall mit ihrer Einsicht und ihrem Besserwissen ein Ende zu machen. Aber bei der Bäuerin kam sie nicht damit durch, die wich keinen Finger breit von ihren Gebräuchen und ihrem Wesen ab. Nur waren es nicht, wie sie sich einbildete, religiöse Gründe, die sie veranlaßten, dem Bildungseifer der alten Händlerin Widerstand zu leisten; der kam aus ihrem tiefinnersten Wesen, aus dem naiven Jnstikt, alles Neue von sich abzuwehren; denn so, wie sie war, in der Einfachheit ihrer Weltanschauung, mit ihren wenigen Zielen und Leidenschaften, war fle ein Ganzes. Beim Kartenspiel ging es unterdessen immer lauter, immer lustiger zu; die jungen Leute spürten den Schnaps; auch dem Bauern leuchteten die Augen. „Nei," rief er der Händlerin zu, „das kann ich doch gar nit vertrage, daß Ihr so trocke dasitze, Thildche; wenigstens heut' zum Abschied thut e Schlückle — geht her, Großmutter." Er streckte ihr sein Glas über den Tisch hin. „Ich dank' recht schön, Bauer," sagte Thildche. „Ihr wiffe, ich nehm' nirgends nix; ich Hab' mei bisle Sach' mit auf den Weg genomme, ich brauch' nit viel. Das möcht' ich mir aber ernstlich verbete habe, daß Ihr mich Großmutter nenne, ich bin kei Großmutter, ich bin die Fräulein Thildche Loeb und gehör' zum ledige Stand." „Ihr seid am End' gar stolz darauf?" verwunderte sich die Bäuerin, „das versteh' ich nicht; ich möcht' nit ungeheirath sei; mei Kinder sind mei Lebe, mir ist's jetzt schon Angst, wenn sie emal alle groß sind und aus dem Haus gehe. Das wird e Kreuz gebe!" „Aber, Mutter, dann giebt's ja Enkel genug!" tröstete sie der Bauer. „Ja Gottlob," nickte sie, „mer muß doch wisse, für was mer schafft." „Das Hab' ich auch immer gewußt," sagte Thildche, „zuerst Hab' ich für mei Mutter geschafft, wie sie alt war und krank, und dann für mei Bruder, daß er hat könne lerne. Ich hätt' wohl auch e Partie mache könne, aber was wär' dann aus'm Bruder geworde? Er hat für kei Geschäft gepaßt; bei de Bücher sitze, was anders hat er nit verstände; er war e großer Lerner; meint Ihr vielleicht, er Hab' nur in einem Buch gelese? Er hat manchmal in zwei und drei Bücher zugleich gelese, und mer habe uns oft bis spät in die Nacht wiffenschaftlich unterhalte. Er is jung gcstorbe, mit noch nit achtundsechzig, und seither Hab' ich mei Kundschaft, für die ich schaff." Die Bäuerin schüttelte den Kopf: „Mir ist's nur bei de eigene wohl, ich müßt' nit, was mit Fremde rede." „Fremde könne eim' wie eigene werde," sagte Thildche, „mer muß sie halt gern habe." Die beiden einander so ungleichen Frauen saßen sich einen Augenblick schweigend gegenüber, und merkwürdig, in diesem Moment war eine gewisse Aehulichkeit des Ausdrucks unverkennbar, denn in Beider Zügen spiegelte sich tiefinuerste Zufriedenheit, vollkommenes inneres Ausgefülltsein. „Wie dank ich mei'm Herrgott für meine viele liebe Kinder," dachte die Bäuerin, während Thildche im Geiste all die Häupter ihrer hohen Kundschaft zählte, die sie mit warmer Liebe umfaßte. Die alte Händlerin schrak plötzlich zusammen; ein Zweig am Christbaum hatte Feuer gefangen; es war aber noch von einem der Knaben bei Zeiten gelöscht worden. Die Bäuerin hatte sich nicht gerührt. „Wie könne Ihr das so ruhig mit ansehe?" warf ihr Thildche vor, „wie schnell is ein Unglück da!" „Mir habe halt mehr Vertraue," sagte die Frau, „mir habe nit alleweil Aengste — unser Herrgott hilft uns immer." „Bäuerin," fiel ihr Thildche mit großer Lebhaftigkeit ins Wort, „Euer Gott is' auch unser Gott, ich kann's Euch beweise. Ich Hab' gehört heut' unterwegs, der Herr Pfarrer soll so schön gepredigt habe; Ihr werdet gewiß auch noch was davon wiffe, Bäuerin?" „He natürlich," gab ihr die Frau zur Antwort, „ich Hab' schon lang kei so schöne Erbauung gehabt; Ihr könne mir leid thun, daß Ihr müsse lebe und so was Schönes nit höre." „Meint Ihr?" Die Alte lächelte: „Was aber werdet Ihr mache. Bäuerin, wenn ich Euch sag' — ich kenn die Engelgeschicht' noch besser, als Ihr alle mit einander, denn ich selbst Hab' sie im Herr Pfarrer erzählt; es is 'e jüdisch Geschicht', die er von Eurer Kanzel 'runter verkündet hat, und was ich Euch sag', is wahrhaftig in Gott wahr." Die Bäuerin war für's erste unfähig, das Gehörte zu fassen, so unglaublich, so ungeheuerlich kam es ihr vor. Verwirrt, rathlos irrte ihr Blick zum Hausaltar hin, als müsse ihr von dort eine Antwort, eine Aufklärung kommen.

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