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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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- 286 - Damengarderobeiigeschäften 25 Firmen, unter denen 8 in Händen von Juden waren. Zur Gewinnung erweiterter Absatzgebiete wurde nun auch das Ausland besucht, in erster Linie Holland. DK Bilanz des Jahres 1865 ergab nach dem authentischen Bericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin eine Produktion von fünf Millionen Thalern. In thatkräftigem Vorgehen begann man alsdann, die Mode an der Quelle zu studiren und die französischen Hauptstädte zu besuchen mit dem Ziele, durch den Ankauf der Modelle nicht nur den Geschmack der Angestellten zu schärfen, sondern auch die Arbeiterinnen zu belehren. Wie richtig und planvoll dieser Schritt war, zeigte sich alsbald in vollstem Maße. Russische und skandinavische Käufer fingen nunmehr an, ihren Bedarf zum großen Theile auch in Berlin zu decken. Nach Erwerbung der Pariser Modelle ließen die Berliner Käufer diese kopiren und gaben sie dann unter einem bestimmten Abzug vom Originalfakturenpreis sofort an die ausländischen Konfektionsgeschäfte weiter. Eine weitere Folge davon war, daß auch die Anzahl der „Damenkonfektionsgeschäfte", wie sie sich nunmehr nannten, zusehends größer wurde. Bereits am Schluffe des Jahrzehnts existirten in Berlin 132 Firmen, unter ihnen 75, die von Juden geleitet wurden. Trotz des unmittelbar vor dem Kriege eintretcnden wirthschaftlichen Stillstandes, der auf alle Gebiete seine Rückwirkung ausübte, gelang es der Berliner Konfektion durch immer neue Fortschritk, die zumeist Jude» wieder zu verdanken sind, speziell auch durch die Herstellung von Mänteln für das minderbegüterte Publikum, die Voreingenommenheit gegen das hiesige Fabrikat zu besiegen und. wenn auch die französischen Erzeugnisse, die noch immer auf den internationalen Märkten bevorzugt wurden, noch nicht ganz zu verdrängen, so doch immerhin in starken und erfolgreichen Wettbewerb mit ihnen zu treten. So erhob sich die Berliner Konfektion zu einer im Weltverkehr geschulten Industrie. Die fremden Einkäufer, deren Handelsgewohnheiten sich die Berliner schnell adaptirten, deren Sprache sie ohne Dolmetsch verstanden, deren Wünsche bezüglich der Ausstattung der Mäntel und Kleider sie bereitwilligst erfüllten, kamen gern hierher. Der wachsende Verkehr bedingte naturgemäß neue Industrien, und so entstanden in schneller Folge in Berlin und im Reiche Geschäfte und Fabriken für Oberstoffe, Futter und Besätze' die ihre Produkte ausschließlich an Berliner Firmen absetzten. Die Produktion der Konfektion griff weit über den Inlandsbedarf hinaus, das überschüssige Fabrikat mußte exportirt werden und zu diesem Zwecke immer neue Absatzgebiete der Industrie erschloffen werden. Im Jahre 1872 wurde zum ersten Male Amerika bereist, und wiederum verrichtete ein Jude, Waldemar Caspary, die Pionierarbeit, der als Erster mit einem für den amerikanischen Markt speziell vorbereiteten Sortiment die Reise nach New-Iork antrat. Caspary vertrat sein eigenes Haus, das noch heute unter der Firma Benjamin & Caspary mit an der Spitze der Engros- und Exportfirmen der hiesigen Konfektion steht; er selbst lebt seit einer Reihe von Jahren in New-Iork. Der jährliche Umsatz der Konfektion steigerte sich von Jahr zu Jahr dank der sorgsamen Pflege der ausländischen Verbindungen. Er belief sich bereits im Jahre 1875 auf 22Vz Millionen Mark. Trotz des neuen deutschen Zolltarifes von 1879, der die aus England und Frankreich bezogenen Rohstoffe und Spitzen, die in gewiffen Qualitäten nothgedrungen aus diesen Ländern bezogen werden müssen, wesentlich, und zwar in einigen Artikeln bis auf 150 pCt., der? theuerte, war doch eine steigende Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu verzeichnen. (Schluß folgt.) . EUILLETON Der Herr Pfarrer hat das tehte Wort. Eine Geschichte aus dem badischen Landleben. Bon Hermine Billinger-Karlsruhe. (Schluß.) ie Bäuerin räumte mit der Magd das Effen vom Tisch, obwohl sie ihren Jüngsten auf dem Arm trug und einen anderen Kleinen, der ihr am Rock hing, mit sich hin- und Herzog. Auch sie hatte Thildche aufgefordert, Platz zu nehmen. Es war aber für die Alte keine so leichte Sache, einen passenden zu finden. Die Hunde und Katzen nagten auf der Erde an den Speiseresten, die may ihnen zugeworfen, und Thildche hatte nicht Lust, mit ihrem neuen Kleid in deren Nähe zu kommen. Die Ecke, in der sie sonst am liebsten saß, war von den jüngeren Kindern ves Hauses eingenommen, die sich damit vergnügten, die Lichter ain Weihnachtsbaum frisch anzustecken. Auf der gegenüberliegenden Bank aber hatte man gerade den Hausaltar vor sich — das Kruzifix auf dem uralten Betstuhl, darüber Jesus und Maria mit brennendrothen Herzen, rechts und links davon die Landessürsten. Die Bäuerin brachte dem Mann und dem ältesten Sohn ein Gläschen Schnaps mit herein. Die jüngeren Söhne schrieen sie an: „Mutter, gebe uns auch was!" Aber sie meinte: „Ihr habt's gut, Ihr seid daheim, da braucht mer kei Trösterle, gelt Großer?" Sie fuhr ihm in den Haarschopf und seufzte dazu. „Ja, sitze Ihr denn noch immer nit," wandte sie sich an das unschlüssige Thildche, „da auf der Ofenbank ist doch Platz für Zehne." „Rebe dem halbverbröckelte Ofe," entsetzte sich die Alte, „nit um die Welt! Ich Hab' Euch schon hundertmal gesagt, Bäuerin, der kann seit bald zwanzig Jahr alle Tag' zusammefalle. Ihr müßt e neue habe." „E neue," verwunderte sich die Bäuerin, „Großvader," schrie sie dem alten Mann, der auf der Ofenbank lag, in die Ohren, „e neuer Ofe, gelt, das wär' Euer Tod?" Das Leben schien in dem hagern, tief eingefallenen Gesicht nur noch zu glimmen; bei der Frage der Frau nickte er mit dem Kopf und fuhr mit der zitterigen Rechten wie liebkosend über die ausgebröckelten Kacheln des morschen Gebäudes. Thildche hatte sich einen Stuhl geholt und saß nun mitten in der Stube, den Rock über die Kniee geschlagen, denn auf der Erde krabbelte es von jungen Katzen und Hunden, die beständig quiekten, schrien und bellten; die Kinder stritten sich am Baum, und von Zeit zu Zeit kam eines heulend zum Großvater gelaufen, warf sich über sein Bett hin und klagte ihm sein Leid. Oder der Hund kam und leckte ihm die Hand, die Katze setzte sich schnurrend an seine Seite. Und immer wieder streckte der Alte seine zitternde Rechte aus und streichelte, was sich ihm Lebendiges näherte. „Ich kann 's nit recht finde, Bäuerin," sagte Thildche, „daß Ihr den alte, kranke Mann da mitte in dem Lärm liege laßt, der gehört in e besondere Kammer." „Aus der Stub 'naus," entsetzte sich die Bäuerin, „da thät ich mich der Sünd' fürchte. „Gelt, Großvader," schrie sie ihn an, „Ihr seid nit krank, Ihr löschet nur langsam aus?" „Ja, Gott sei Dank," nickte er, „recht langsam."

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