Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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einem Jahrhundert an der wahrhaft phänomenalen Entwickelung dieses Industriezweiges in unserer Weltstadt haben. Den Grund zu dieser Berliner Industrie legte bekanntlich der große Kurfürst. Sodann gründete unter Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1730 der Schuhjudc David Hirsch (Prager?) in Potsdam die erste privilegirte Sammetweberei, die 10 Jahre später bereits 100 Stühle beschäftigte. Eine besondere Schwierigkeit war es, für die Seidenmanufaktur die rechten Verleger ausfindig zu machen und zu veranlassen, die damals recht gewagte Vermittelung zu übernehmen. Ihnen lag es nicht nur ob, die rohe Seide einzukaufen, sie hatten auch Stühle und Muster zu beschaffen, die Färberei und letzte Herrichtung der Stoffe zu bewirken und endlich, was das Wichtigste war, auch für den Absatz der Waare Sorge zu tragen. Lange Zeit blieb David Hirsch mit 140—150 Stühlen der Erste auf diesem Gebiete, dann kamen Moses Rieß und Bernhard Isaak dazu. Als dann im Jahre 1767 zur Abstellung des Mangels eines leistungsfähigen Kommissionshandels ein neues staatliches Seidenmagazin errichtet wurde, war es kein Geringerer als Moses Mendelssohn, der den Rath gab, die Seide direkt in Italien zu bestellen und an das Magazin konsigniren zu lasten, das sie dann bezahlte, an die Besteller ablieferte und ihnen einen mehrmouatlichen Kredit einräumte. An dem Aufschwung der Berliner Seidenindustrie von 1770—1796 haben die damals wahrhaftig noch arg bedrückten Juden den hervorragendsten Antheil. Die Söhne von David Hirsch, ein Sohn und Schwiegersohn von Moses Ries, die Wittwe von Bernhard Jsaac, der Moses Mendelssohn seit 1754 zunächst als Buchhalter, später als Kompagnon zur Seite stand, waren neben den französischen alten Firmen die Hauptträger dieser Industrie. Später traten Friedländer, Jsaac Blank, Meyer Benjamin Levy, Jsaac Hirsch, Abraham Meyer, Israel Marcus und v. Halle noch hinzu. Gustav Schmoller bemerkt in seinem neuesten Buche: „Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirthschastsgeschichte", dem wir auch den größten Theil der obigen Daten entnommen haben, sehr treffend: „Man könnte sagen, in der Emporbringung der Seideniudustrie Hütten Franzosen und Juden dem preußischen Staate den Dank für seine hochherzige Duldsamkeit abgcstattet. Die besten Berliner Judenfamilien, die Mendelssohn und Friedländer, die Veit und Marcus, haben durch ihre Verdienste in der Seidenindustrie ihr Ansehen und ihre gesellschaftliche Stellung erworben und zugleich das blos handeltreibende Judenthum in ein industrielles verwandelt; sie sind damit selbst etwas Anderes geworden, mit Staat und Gesellschaft anders verwachsen." Aber dieser Zweig der Industrie erlitt wie alle anderen in den Kriegszeiten einen ziemlich starken Rückgang. Er erhob sich erst wieder im ersten Viertel unseres Jahrhunderts, als die Handelsverbindungen bessere wurden; es dauerte aber lange, bis er zu seiner früheren Bedeutung gelangte. Nicht unintereffant mages sei», bei dieser Gelegenheit hervorzuheben, daß ein jüdischer Spediteur L i o n M. C o hn es gewesen ist, der von Königsberg nach Berlin übergesiedelt war, und der durch einen Vertrag mit der Post, auf Grund dessen die Posthalterei die Beförderung der Frachtwagen für die Speditionsgesellschaft übernahm, die erste regelmäßige Eilfuhre nach Königsberg einrichtete. Für den Verkehr zwischen Preußen und Rußland war dieses Unternehmen von sehr großer Wichtigkeit. Nach demselben Vorbilde wurde dann eine Eilfuhre zwischen Berlin und Hamburg errichtet und auf diese Weise, der Landtransport bis zur Eröffnung der ersten Eisenbahn betrieben. Der außerordentliche Umschwung, den dadurch das ganze Transportwesen erfuhr, wirkte natürlich ganz besonders auf die Konfektion zurück. Als die Wiege der deutschen Konfektion wird Berlin bezeichnet. j i Vor etwa 60 Jahren wurden hier in einigen Läden der Königstadt,! : welche damals, so wie es heute noch für einige Branchen der Fall ist, das Centrum des Verkehrs bildete, die ersten Damenmäntel feilgebotcn. Es erregte nicht geringes Staunen, als ein Kaufmann in der Poststraße neben Manufakturwaaren der Kundschaft fertige Mäntel zu empfehlen wagte. War es doch bisher Sitte gewesen, den Stoff beim Tuchmacher zu entnehmen und ihn dann beim Schneider verarbeiten zu lassen. Aus diesem Grunde wurde auch allgemein angenommen, daß die Damenwelt für diese Neuerung nicht zu gewinnen sein würde. Ader man täuschte sich. Der Erfolg stellte sich, wenn auch zunächst recht langsam, ein, und eine Firma nach der anderen folgte dem gegebenen muthigen Beispiele. Zwei der ältesten Firmen, wie wir dem Spezialabschnitt des trefftichen Werkes: „Berlin und seine Arbeit. Amtlicher Bericht der Berliner Gewerbeausstellung" entnehmen, bereu Gründung in das Jahr 1840 fällt, stehen auch heute noch mit an der Spitze der Branche. Mit einem Lotteriegewinn von einigen hundert Thalern errichtete der „alte Manheimer", Valentin Manheimer, der aus einem Städtchen bei Magdeburg hierher übergesiedelt war, in einem der kleinen Läden der! Bauakademie, die längst aus dem Gebäude entschwunden sind, ein f Spezialgeschäft für Herrenschlafröcke. Später verfertigte das Geschäft, l das alsbald nach der Oberwallstraße in dasselbe Haus verlegt wurde, wo [ sich jetzt der monumentale, mit allen Neuerungen der Jetztzeit ausgestattete j Konfektionspalast befindet, auch Damenmäntel, und zwar aus dem jgleichen dickwolligen Stoff, aus dem damals die Schlafröcke gefertigt | wurden, und mit karrirter Rückseite. Die zweite Firma, D. Levi»,! jetzt am Hausvoigteiplatz belegen, hatte ihr Domizil, in welchem sie s ihre Manufakturwaarenhandlung begründete, in der Gertraudtenj straße aufgeschlagen. In voller Rüstigkeit konnte der Begründer? dieses Hauses noch die Feier des 50 jährigen Bestehens seiner im f Laufe der Jahre zu großer Bedeutung gelangten Firma feiern. i Wenn auch, wie bereits erwähnt, die Entwickelung des noch jungen Geschäftszweiges langsam vor sich ging, so zählte er doch bejj reits im ersten Jahrzehnt 12 Geschäfte, die sich hauptsächlich in der f Post- und Königstraße, au der Schloßfreiheit und an der Banaka- § demie etablirt hatten. Haupterzeugungsgegenstände waren Pelerinen- : Mäntel aus schwarzem schlesischen Tuch auf Watte gearbeitet und entweder mit farbigem Kaschmir oder gemustertem Flanell ausgefüttert. Im Sommer waren Umhäuge, sogenannte Mantillen, in der Mode, mit dünnem seidenen Florence unterlegt und mit Kor- \ donetfranzen besetzt. j Durch Messen und Märkte, die von einzelnen Unternehmern, f denen sich das Gebiet des Detailhandels als zu klein erwies, besucht | wurden, erhielt ein größerer Kreis Kenntniß von der Berliner Fabri- ' I kation fertiger Mäntel, und nach Ablauf nur weniger Jahre j deckten bereits die Manufaklurgeschäfte der Provinzen Sachsen, j Schlesien, Brandenburg und Preußen hier ihren Bedarf. Ans den I Verhältnissen der fünfziger Jahre heraus erklärt es sich, daß man f den Absatz der Maaren nicht über die Grenzen des preußischen | Staates erstrecken konnte. Waren doch die Verkehrswege viel zu z wenig ausgebildet und weite Gebiete überhaupt noch nicht von der Eisenbahn erschlossen, überdies sämmtliche Reisen theuer und beschwerlich. Für den größten Theil der auswärtigen Firmen genügte cs auch, ihr Lager in halbjährigen Zwischenräumen durch Einkäufe auf der Leipziger Mesie und in Hamburg wieder zu assortiren. Im nächsten Jahrzehnt machte sich ein gewaltiger Aufschwung und eine bedeutende Umwälzung im Reiche des Mäntelgeschäftes geltend. Wir zählen bereits im Jahre 1860 an Damenmäntelqeschäften 48, worunter sich 31 in jüdischen Händen befanden, und an