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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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'280 damals vielversprechende Knabe i» der fast seit einem Jahrhundert in Halberstadt blühenden Hascharat-Zewi-Schule. Im 17. Jahre bezog er, mit bedeutenden Kenntnissen ausgerüstet, die talmudische Hochschule des Rabbiners Etlinger in Altona. Hier wurde Hildesheimer erst vollständig in das weite Gebiet des talmudischen Wissens eingeführt; nebenbei widmete er sich jedoch auch dem Studium der klassischen Sprachen und Realien mit seltenem Eifer. Nachdem er sich so zwei Jahre in Altona vorbereitet haH, kehrte er nach Halberstadt zurück, um das dortige, damals vorzügliche Domgymnasium zu frequentiren. Im Jahre 1840 bezog er die Universität Berlin. Hier widmete er sich ganz besonders dem Studium der Philosophie und schloß sich der damals in Berlin prädominirenden Hegel'schen Schuir an, indem er in nähere Beziehungen zu Werder trat. Außerdeyl ging er mit besonderem Eifer an die orientalischen Sprachen, ohne jedoch dadurch seine klassischen Studien sowie namentlich das der Mathematik bei Seite zu legen. Trotz dieser mannigfaltigen Beschäftigungen blieb doch sein stetes Augenmerk größtentheils auf das Studium des Talmuds gerichtet, das er unter Leitung bewährter Lehrer fortsetzte. Nach zwei Jahren eifriger Studien in Berlin begab er sich nach der Universität Halle, wo er mit den bedeutendsten Orientalistey jener Zeit, Gesenius und Rödiger, in geistigen Verkehr trat, der auf die Entwickelung seines Wissens fördernd einwirkte. Ende 1844 wurde Hildesheimer zum voetor philosopliiae in Halle promovirt. Seine Inauguraldissertation behandelte mit Klarheit und Schärfe das Thema: „Ueber die rechte Art der Bibelinterpretation." Bald darauf kehrte er nach Halberstadt zurück, wo er sich häuslich niederließ, um ganz ungestört seinen Studien leben zu können. Eine Frucht dieser harmonischen Verbindung klassischer und talmudischer Studien war seine treffliche Arbeit: „Materialien zur Beurtheilung der Septuaginta", die damals in gelehrten Kreisen Aussehen erregte. Dtt Hmiptzweck dieser Abhandlung war eine Rechtfertigung der biblischen Massora gegenüber den vielfach irrthümlichen und gefälschten Varianten der Septuaginta. Reiches Quellenstudium und ein scharfer kritischer Blick zeichnet schon diese erste Geistesarbeit vortheilhaft aus; Mit gleicher Geistesschärfe und unermüdlichem Fleiße machte er sich an die verdienstvolle und unsäglich mühsanie Arbeit, die meistentheils schon damals versunkenen oder dicht mit Moos bedeckten und verwitterten Epitaphien des historisch wichtigen Friedhofes der jüdischen Gemeinde zu Halberstadt zu entziffern und in dem dortigen Memorialbuche zu kopiren. Aber auch in praktischer Beziehung bewährte sich Hildesheimer schon damals, indem er vielfach für die Rechte des glaubenstreuen Judenthums und seiner Heimathsgemeinde kräftig eintrat, derer; administrative Verwaltung er mehrere Jahre hindurch mit seltener Uneigennützigkeit führte, bis an ihn 1851 der Ruf der israelitischen Gemeinde zu Eisenstadt in Ungarn erging, das dortige Rabbinüt zu übernehmen. Die jüdischen Verhältnisse in Ungarn lagen damals sehr im Argen. Eine bildungsfeindliche Orthodoxie übte die Herrschaft in den Gemeinden aus. Und der Chassidismus feierte dort seine tollsten Orgien. Der Ruf eines Mannes der Wiffenschaft und der kühnen That ging Hildesheimer voraus, und deswegen ergriff Furcht und Zorn gegen den „deutschen Doktor" alle Kreise. Namenbsich die Orthodoxen fürchteten, aus ihrer lethargischen Ruhe aufgerüttelt zu werden, und witterten in ihm — dem ersten deutschen Orthodoxe^ Ungarns — einen gefährlichen Neuerer. Nur in einer vollständigen Regeneration des Jugendunterrichtes sah Hildesheimer für die ungarische Judenheit eine glückliche Zukunft; Sein erstes Werk in Eisenstadt war daher die Gründung einer Gemeindeschule, die allgemeines und jüdisches Wiffen vereinigte und allen Anforderungen der modernen Pädagogik entsprach. Hierauf begann er sofort, eine Rabbinerschule zu gründen. Nur mit sechs jungen Leuten, die Hildesheimers Eintreffen in Eisenstadt schon abgewartet hatten, eröffnete er seine Anstalt, die später zu ansehnlicher Bedeutung gelangte, und aus der viele unserer hervorragendsten Rabbiner verschiedener Richtungen hervorgegangen sind. Der Begründer dieser' Anstalt wurde von allen Seiten verfolgt und angefeindet, ja sogar zum Ketzer gestempelt. Eines schönen Tages erfolgte der Befehl von der k. Statthalterei-Abtheilung zu Oedenburg, binnen 24 Stunden die Rabbinerschule zu schließen und die Schüler in derselben Frist aus Eisenstadt zu entfernen. Mit erstaunlicher Energie wußte jedoch Hildesheimer jene schmachvollen Anfeindungen niederzuschlagen und seiner gerechten Sache den Sieg zu verschaffen. Die unmittelbare Folge dieser Vorgänge war auch das Erscheinen der Broschüre: „Erster Bericht über die Lehranstalt für Rabbinatskandidaten zu Eisen stad t von Dr. I. Hildesheimer" (Wien 1858), in der der rüstige und unermüdete Kämpfer den Zweck, die Richtung und die Tendenz seines Institutes darlegte. Namentlich war es Leopold Löw, der gelehrte Oberrabbiner zu Szegedin, mit dem Hildesheimer damals in scharfer Fehde lebte. Während des jüdischen Kongresses 1868 war seine Thätigkeit eine wahrhaft imposante im Sinne der Kultur und der Ausgleichung der hart aufeinanderstoßenden Gegensätze. Ein Führer der chassidischen Partei, R. Akiba Joseph, erließ damals sogar eine Bannbulle in optima forma gegen Hildesheimer. Ja, er erklärte, es wäre ein großes Verdienst, den Dr. Hildesheimer zu ermorden, und es würden sich gewiß zu dieser That schon Männer (oder Buben?) entschlossen haben, fürchteten sie nicht die bestehenden Gesetze. (Siehe Amud Hajirah I. 127.) Achtzehn Jahre hindurch kämpfte Hildesheimer mit bewunderungswürdiger Kraft für Bildung und Glaubenstreue in Ungarn. Da erging an ihn der Ruf im Jahre 1869, die Führung der orthodoxen Partei in Berlin zu übernehmen, wo sich etwa 200 Mitglieder von der Hauptgemeinde getrennt und eine orthodoxe Privatgemeinde Adaß Jisroel begründet hatten. Hildesheimer folgte diesem Rufe und hat seither ausschließlich in Berlin, thatsächlich aber für die Jntcreffen seiner Partei in ganz Deutschland, mit der gleichen Energie wie vorher in Ungarn gekämpft. Es liegt uns natürlich heute fern, auf diese der Geschichte angehörcnden Kämpfe zurückzukonimen. Nur das Eine muß auch -der entschiedenste Gegner bekennen: Dieser Mann hat immer mit ehrlichen Waffen und mit einer Ueberzeugungstreue gekämpft, die Jedem die höchste Achtung abringen mußte. Das aber unterschied Hildesheimer von vielen seiner Mitkämpfer: Er stand immer auf dem Boden der Wiffenschaft, der er in seinem Rabbinerseminar eine Heimstätte begründet, und der er sein Lebenlang gedient hat. Eine der merkwürdigsten Eigenschaften des Heimgegangenen war seine Wohlthätigkeit, die wahrhaft antik genannt werden kann. Sein Herz schlug für alle Leiden der Menschheit, und sein ganzes Leben war Machen Wohlthätigkeit und Studium getheilt. Er selbst war völlig bedürfnißlos, er lebte nur für die Armen und für das Judenthum! Innerhalb der Partei, die das Glück hatte, ihn ihren Führer nennen zu dürfen, vertrat er, es darf dies heute offen gesagt werden, namentlich in den letzten Jahrzehnten, die versöhnliche Richtung, die Richtung der Wiffenschaft. Die Autorität, die Hildesheimer genoß, übte aber unstreitig eine günstige Rückwirkung auf die Intransigenten und rücksichtslosen Fanatiker in der eigenen Partei aus. So darf das Werk

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