Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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279 Heroen sind. Die erste Versammlung wurde polizeilich aufgelöst, weil der wackere Mann das Citat: „Haut sie, daß die Fetzen fliegen — Daß sie all die Kränke kriegen — In das klappernde Gebein!" auf die Juden anwendete. Im Uebrigen brachte er nichts als die abgestandenen Redensarten vor. Es lohnt wirklich nicht der Mühe, darauf zurückzukommcn, und die liberalen Blätter haben gut daran gethan, daß sie die Sache fastdurchweg todtgeschwiegen haben. Die absterbende antisemitische Bewegung bedarf eines neuen Reizmittels, um sich wieder künstlich aufzufrischen. Da paßt ihr der altadelige Name des Grafen, und noch mehr paßt ihr der Wirthshauston seiner Dreschflegelreden. Habeant sibi! Für uns aber ist es das Wichtigste, daß weder unsere Abwehrvereine noch unsere oder die unsere Sache vertretenden Blätter sich dabei betheiligen, den Mann, der von einem ganz andern als dem politischen Standpunkt zu beurtheilen ist, zu einem billigen Märtyrerthum zu verhelfen oder an seiner Weihe zum Heros des Antisemitenthums negativ mitzuwirken. * Die „Schlesische Zeitung" arbeitet seit einiger Zeit wieder sehr stark in Antisemitismus. Sie bezeichnet die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union", einen privaten Verein in Wien, als ein „Syndikat" im Stile des Dreyfus-Syndikats, weil sie ein Cirkular in die Hände bekommen hat, in dem dieser Verein sich beim Ministerpräsidenten über die Brandartikel der antisemitischen Blätter anläßlich des Mädchenmordes in Polna beschwert, und weil derselbe einen Vertheidiger für den des Mordes bezichtigten Leopold Hülsner gestellt hat. Die Verhandlungen jenes Vereins finden in voller Oeffeutlichkeit statt. Die Tagesblätter und die jüdischen Wochenschriften berichten sehr ausführlich darüber. Sie haben auch jene entsetzlichen Verbrechen registrirt, deren sich die „Union israelite“ in Wien schuldig gemacht haben soll. Es ist in der That empörend, die einfachsten Dinge in eine so gehässige Beleuchtung zu stellen. * Inzwischen beschäftigen sich die französischen Blätter sehr viel mit dem Kriegsgericht in Rennes, das über Dreyfus zu urtheilen haben wird. Man erfährt da wenig erbauliche Dinge. „Rennes liegt in der schwarzen Bretagne. Die dortige Bevölkerung, am meisten die höhere Gesellschaft, in der das Offizierkorps verkehrt, ist die beschränkteste, fanatischste und antisemitischste Frankreichs. Rennes ist eine der Städte, wo die meisten und bösesten Judenkrawalle stattgefunden haben. Die neuen Richter Dreyfus' werden sicher dem vor sie hintretenden unglücklichen Mann mit den Gefühlen begegnen, die ein Tiger in seinem Käfig einem vor dessen Gitterstäben stehenden Gaffer gegenüber empfinden mag. Sie werden ihn mit Blicken voll tödttichcn Haffes betrachten, aber gezwungen sein, es bei Blicken bewenden zu lassen. Denn die Verhandlung wird in vollster Oeffentlichkeit vor sich gehen, der Regierungskommiffar wird schwerlich wagen, auf die feigen Lügen und Betrügereien zurückzugreifen, die 1894 Dreyfus' Verderben waren. Dreyfus wird von Bertheidigern umgeben sein, die nach der Untersuchung des Strafsenats die Sache in allen Einzelheiten ungleich besser kennen und vollkommener beherrschen als irgend welche sieben Offiziere der Bretagne oder des ganzen französischen Heeres. Vertreter der Presse beider Welten werden dem Kriegsgericht scharf auf die Finger sehen und es keinen Augenblick lang vergessen lassen, daß es unter den Augen der ganzen gesitteten Menschheit seines Amtes waltet, es ist also ganz ausgeschlossen, daß es auch nur den schüchternsten Versuch machen wird, von der geraden Linie auszubrechen und antisemitisch-nationalistische Mätzchen zu machen." Nichtsdestoweniger wird bereits gemeldet, daß der Oberst Saxce des 10. Artillerieregiments in Rennes, der voraussichtlich zum Vorsitz des neuen Kriegsgerichtes berufen sein wird, sich seit einigen Tagen überall in den wüthendsten Schimpfreden gegen den jüdischen Verräther Dreyfus ergehe und sage, er lese kein Wort der Untersuchung und des Urtheils des höchsten Gerichts, werde aber alles Mögliche thtin, um den Juden zu erwürgen, wenn er ihn zu richten habe. Gleichwohl können wir nicht glauben, daß die Gefahr einer abermaligen Verurtheilung des Unschuldigen wirklich vorhanden ist, da die vom höchsten Gericht formulirte Frage keine andere Antwort als Aichtschuldig gestattet, wofern das Kriegsgericht sich nicht offen gegen den höchsten Gerichtshof der Republik auflehnen will. Vermuthlich wird der öffentliche Ankläger selbst das Nichtschuldig beantragen. * Unter Denen, die die „Affäre" von Anfang an als Vertheidiger des guten Rechtes und der Wahrheit begleitet haben, nimmt Bernard Lazare unbestritten den ersten Rang ein. Dieser muthige und treffliche Mann hat nunmehr in der „Aurore" ein Schreiben an Trarieux, den Präsidenten der „Liga der Menschenrechte", gerichtet, in welchem er betont, daß diese Liga bei ihren Dankesbezeigungen manchen verdienten Mann vergeffen habe, wie Leblois, Forzinetti, Mathieu Dreyfus und schließlich Lazare selbst. „Ich gehöre", sagt Lazare, „jener Raffe an, die nach Renan zuerst die Idee der Gerechtigkeit in die Welt einführte. Der Glaube an die Herrschaft dieser Gerechtigkeit hat alle meine Glaubensgenossen beseelt seit den Propheten und den armen Dichtern, welche die Psalmen sangen, bis zu Jenen, die, wie Marx und Laffalle, die Rechte des Proletariats erstritten, bis zu jenen demüthigen Märtyrern der Revolution, die ihren Glauben an das Gleichheitsideal unter Knute und Galgen des Zaren sühnten. Für meine Glaubensgenossen will ich, daß man es erzähle: Der Erste, der sprach, der Erste, der aufstand für den jüdischen Märtyrer, war ein Jude, ein Jude, der in seinem Blut und Fleisch die Leiden fühlte, die der Unschuldige duldete; ein Jude, der wußte, welchem Volk der Parias, der Enterbten, der Unglücklichen er angehörte, und der aus diesem Bewußtsein den Willen schöpfte, zu kämpfen für das Recht und für die Wahrheit." | Ar. Israel Hildesheimer. | Berlin, 12. Juli. 6 > am Alter von 79 Jahren ist heute der geistige Führer der deutschen Orthodoxie, Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer, nach langem Leiden gestorben. Die Klage um diesen Mann wird aber weit über den Kreis seiner Gesinnungsgenoffen hinaus und auch selbst in den Reihen seiner religiösen Gegner sicher Widerhall finden. Hildesheimer hat mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch eine Richtung vertreten, zu der unser Blatt in prinzipiellem Gegensatz steht. Dies darf uns aber nicht hindern, seine volle Bedeutung anzuerkennrn. Ja, vielleicht sind gerade wir deshalb berufen, über dieses nunmehr abgeschlossene Leben objektiv zu urtheilen. Zuvor jedoch dürfte eine kurze Schilderung des Lebenslaufes von allgemeinem Interesse sein. Der Verstorbene gehörte nicht zu jenen meteorartigen Erscheinungen, die blitzartig ausflackern, um rasch wieder zu verlöschen. Die Gaben, mit denen ihn die Natur ausgestattet hatte, waren eine eiserne Willenskraft, unermüdlicher Fleiß lind ein unerschrockener Muth. Mit diesen Mitteln hat er von seiner frühen Kindheit an sich so emporzuringen und zu entwickeln gewußt, daß er länger als ein halbes Jahrhundert ein Führer im Kampfe des Judenthums sein konnte. Israel Hildesheimer wurde zu Halberstadt am 20. Mai 1820 geboren. Den ersten Unterricht erhielt der schon