Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 3 - halten und den dort gebildeten Lokalkomitees einen festen Rückhalt zu geben, sowie zur Bildung weiterer Lokal-Komitees anzuregen, haben Frankfurter Freunde ein Zweigbüreau der Anstalt in Frankfurt a. M. errichtet, dessen Leitung Herr Otto S. Strauß übernommen hat. Seit der Abfassung des letzten Berichts beendeten 15 Lehrlinge ihre Lehrzeit, es sind somit im Ganzen bislang 29 Lehrlinge ausgebildet worden. Von diesen haben Stellung gefunden: 17 in Deutschland, 4 in Oesterreich, 1 in Nordamerika (am botanischen Garten in St. Louis), 1 besucht die höhere Gartenbauschule zu Geisenheim, 1 besucht die Ackerbauschule zu Jaffa, 2 haben zu Ostern n. I. Anstellung in Deutschland gefunden, verbleiben bis dahin in der Anstalt, 1 wird voraussichtlich in Oesterreich Anstellung finden, 1 (Galizier) genügt z. Z. seiner Militärpflicht, 1 Zögling hat sich einem anderen Berufe zugewendet. Die mehrfach gehegte Befürchtung, daß man die jungen Gehilfen nicht würde unterbringen können, hat sich also bis jetzt als unbegründet erwiesen. Die Zahl der Zöglinge betrug am 15. September 1897 38 Lehrlinge, 26 Schüler am 31. Dezember 1898 50 Lehrlinge 32 Schüler. — Im Jahre 1898 sind an einmaligen Spenden etwa 11300 Mark eingegangen. An jährlichen Beiträgen gingen im Jahre 1897 etwa 5900 Mk. ein (1896: 4100 Mk.) und im Jahre 1898 etwa 8600 Mk. Diesen günstigen Einnahmen stehen leider ungünstige Betriebsergebnisse der Gärtnerei und des inzwischen als unzweckmäßig wieder aufgegebenen Ladenbetriebes gegenüber. Das Gleichgewicht in dem Budget wird einstweilen dadurch hergestellt, daß die Jewish Golonisation Association für die zur Ausbildung in Ahlem untergebrachten Zöglinge laus Oesterreich und den deutschen Ostseeprovinzen je 800 Mk. jährlich zahlt. Die Jewish Coionisation Association gewährte ferner zur Konsolidirung der durch Erweiterung der Anstalt entstandenen Schulden, mit Rücksicht auf die für ihre Rechnung auszubildenden Zöglinge und in Anerkennung der Leistungen unserer Anstalt in der Ausbildung und Disziplinirung derselben, ein Darlehen von 150000 Mk. zur 1. Hypothek gegen einen Zinsfuß von nur VU pCt. nebst IV2 pCt. Amortisation und gab uns damit einen weiteren Beweis ihres großen Wohlwollens für die Anstalt. Für das nächste Jahr muß indeß wieder eine Erweiterung der Anstalt ins Auge gefaßt werden; die Räume eben erweitert, sind schon wieder zu klein geworden. Die Erweiterungsbauten sollen für einen Zuwachs von 40—50 Zöglingen eingerichtet werden, während Wirthschaftsräume, und insbesondere die Küche, gleich für eine größere Zahl von Personen hergestellt werden sollen. Es ergeht daher die dringende Bitte um Unterstützung der Anstalt. Kassel, 30. Mai. Die Jahresversammlung der „Freien Vereinigung israelitischer Lehrer im Regierungsbezirk Kassel fand am 21. Mai im Hotel Meier hier statt. Gegen 6 Uhr eröffnete dieselbe der Unterzeichnete mit einem kurzen Begrüßungswort. Vorerst von der Bildung eines Büreaus absehend, trat man gleich in die Tagesordnung ein, indem der Unterzeichnete über den Delegirtentag zu Berlin berichtete. Die Versammlung erklärte sich mit der Thätigkeit des Vortragenden (ihres Vertreters) auf dem Verbandstag befriedigt. Bei Eintritt in die Diskussion stellte sich doch wenigstens die Ernennung eines Vorsitzenden heraus und wurde auf Vorschlag des Herrn Gutkind, der bisher mit dem Unterzeichneten gemeinsam die „Freie Vereinigung" geleitet hatte, der Vorsitz in der Versammlung, wie in der „Freien Bereinigung" überhaupt, dem Unterzeichneten übertragen. In der Diskussion ergänzte Herr Gutkind den Bericht in einigen Punkten und machte dann Mittheilung über die Thätigkeit des Verbandsvorstandes bezüglich des Militärdienstes der israelitischen Lehrer. Auch die Vorbemerkung zu der „Offenen Frage über den allgemeinen Rabbinerverband Deutschlands von einem konservativen Rabbiner" brachte der Vorsitzende zur Besprechung. In dieser Vorbemerkung fordert der Verfasser die noch treu zur Fahne des glaubenstreuen Judenthums schwörenden Lehrer auf, aus dem für das unverfälschte Judenthum gefahrvollen Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche und den ihm angeschlossenen Vereinen auszutreten. Die Gefahr wird darin gefunden, daß der Berbandsvorstand mehrere ihm zur Verfügung gestellte Exemplare der Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes von Dr. Maybaum an die Einzelvereine vertheilt hat. Abgesehen davon — meint der Vorsitzende — daß der Verband dasselbe wohl auch mit litterarischen Erzeugnissen thun würde, die eine entgegengesetzt-religiöse Anschauung vertreten, seien die Kollegen, die jener Aufforderung zu folgen bereit sind, blind gegen die Geringschätzung, die sich (vielleicht ungewollt) gegen den Lehrerstand aus dieser Wortbemerkung herauslesen läßt. Der Verfasser hat das Maybaumsche Buch jedenfalls sehr eingehend gelesen, und es ist anzunehmen, daß die Lektüre keinen Einfluß auf seine religiöse Richtung gehabt hat; aber einen simplen Lehrer mag er wohl nicht für fähig halten, dasselbe ohne Gefahr zu thun! Danach wurde noch Beschluß gefaßt über die Vertheilung der Subvention vom Verbände sowie über die Behandlung des nächstjährigen Verbandsthemas. Nachdem dann gegen 9 Uhr der Vorsitzende die anregenden Verhandlungen geschlossen hatte, blieb man noch einige Stunden in gemüthlicher Unterhaltung beisammen. Der Vorsitzende: Amram-Borken. r. Nürnberg, 6. Juni. Am 1. ds. tagte hier unter Vorsitz des Herrn Justizrath Gunzenhäuser aus Fürth die Versammlung des Landesvereins für nothleidende israelitische Kultusgemeinden in Bayern. An die verschiedensten kleineren Gemeinden Bayerns wurden 7—8000 Mk. vertheilt, welche für die Hebung des Religionsunterrichts, für Aufrechterhaltung des Kultus und für sonstige Bedürfnisse unbemittelter Gemeinden bestimmt wurden. Diesmal war die Versammlung von besonderer Wichtigkeit, da die Satzungendes Landesvereins in wesentlichen Punkten erweitert wurden. Der von dem vorbereitenden Komitee (Rechtsanwalt Beer-München, Justizrath Gunzenhäuser-Fürth, Rabbiner Dr. Neubürger-Fürth, Rechtsanwalt Ofner- München, Rabbiner Dr. Werner-München, Rabbiner Dr. Ziemlich- Nürnberg) vorgelegte Entwurf der Statutenänderung wurde im Wesentlichen nach längerer Debatte angenommen. Die Erweiterung der Bestrebungen des schon jetzt so segensreich wirkenden Landesvereins wird es demselben nun noch mehr möglich machen, nach mannigfachen Seiten hin thätig sein zu können. Förderung des Handwerkes und der Landwirthschaft, einheitliche Regelung des Fremdenwesens, gemeinsame Abwehr der Angriffe gegen die Lehre des Judenthums, Einsetzung fakultativer Schiedsgerichte zur Beilegung eventueller Streitigkeiten innerhalb der Gemeinden Bayerns, alle diese Ziele nach Kräften anzustreben, ist von nun an auch die Aufgabe des Landesvereins. Durch die Einsetzung von Kommissionen, die aus Rabbinern und Vertretern der Gemeinde bestehen müssen, sollen die genannten Bestrebungen gefördert werden. Möchte der Landesverein auch in seiner erweiterten Gestalt zum Heile der Gesammtheit blühen und gedeihen! — Am selben Tage wie der Landesverein tagten hier auch die Mitglieder der Pensionskasse bayerischer Rabbiner. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Werner-München, berichtete, in welch hochherziger Weise das Kgl. bayerische Staatsministerium die Kasse unterstütze und wie dasselbe darauf bedacht sei, die Zukunft der Rabbiner, besonders kleinerer Gemeinden, stcherzustellen. Die Kasse wird auch unterstützt durch regelmäßige namhafte Beiträge sehr vieler israelitischer Kultusgemeinden Bayerns. Auch die Rabbiner der Großgemeinden, welche nicht aktive Mitglieder der Pensionskasse sind, wie auch Private, unterstützen durch freiwillige Beiträge das gute Werk. i. München, 5. Juni. In der letzten Nummer brachte die Allgemeine Zeitung des Judenthums schon einen kleinen Bericht über den dahingeschiedenen Kunstmaler Louis Neustädter, der am 26. v. Mts. hier zur letzten Ruhe kam. Es ist ergänzend noch zu erwähnen, daß dieser Künstler infolge seiner Verdienste vom König Ludwig II. von Bayern und vom Kaiser von Oesterreich durch hohe Orden ausgezeichnet wurde. Der schöne Ort Tutzing am Starnberger See, an dem der Verewigte einen großen Theil seines Lebens verbrachte, verdankt es seiner unermüdlichen Thätigkeit, daß er ein Lieblingsplatz der Fremden geworden ist. Er und sein Bruder waren die einzigen Juden, die dort ihren Wohnsitz hatten. Es war erhebend, wahrzunehmen, mit welcher Dankbarkeit die Bürgerschaft Tutzings ihren jüdischen Ehrenbürger feierte. In der glänzenden und allgemein ergreifenden Gedenkrede, die Rabbiner Dr. Werner am Sarge hielt, erwähnte er, wie der einsame, unverheirathete Maler doch die beglückende Verbindung fand, erst mit der Kunst, dann mit der Natur, endlich mit dem großen Kreise seiner Angehörigen und Freunde. Das letzte Bild, das er gemalt schon den Tod im Herzen, war ein betendes Kind. Das Andenken an diesen wackeren Mann sei zum Segen! Oesterreich -Ungarn. □ Wien, 6. Juni. In den letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages erfuhren die Antisemiten Schneider, Schlesinger und Genossen gebührende Abweisung durch den Landmarschall