Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Baron Gudenus, der nun einsieht, wohin die Freundschaft für die Christlich-sozialen führen kann, und durch den Statthalter Grafen Kielmannsegg. Der Statthalter wies entrüstet die Ausführungen Schneiders betreffs des Polnaer Mordes, bei welchem er den Justizminister als bestochenen Lumpenkerl bezeichnete, zurück und gab seiner tiefsten Empörung gegen den Redner beredten Ausdruck. Wohin es kommen kann, wenn die antisemitische Partei die höchsten Funktionäre in den Schmutz zerrt, das ist wohl leicht vorauszusehen. Schneider hatte nämlich Folgendes gesagt: „Wenn ein Jude ein Verbrechen begeht, werden der Justizminister und die Sektionschefs bestochen, damit der Jude frei wird." Der Landmarschall ruft den Redner zur Ordnung. Schneider: So ist der Einfluß der Juden in Oesterreich beschaffen, von dem sich die Minister bestechen lassen. Der Ruber ist ebenfalls bestochen; ich werde es diesem Lumpen noch zeigen!" Das ist jetzt hier parlamentarischer Umgangston. — In der vorigen Woche hat hier die Generalversammlung der Oesterreichischen Allianz stattgefunden. Der Bericht über die Thätigkeit der „Allianz" im Jahre 1898 kennzeichnet die Intensität und die Gefährlichkeit der in fortwährender Steigerung begriffenen antisemitischen Bewegung. Insbesondere wird darauf hingewiesen, daß in Oesterreich die judenfeindliche Bewegung immer mehr alle Schranken von Recht und Gesetz niederzureißen bestrebt ist. Die ununterbrochen betriebene Judenhetze in Oesterreich trifft schuldlos zahlreiche Existenzen in ihrer bürgerlichen Ehre und zugleich in ihrem Erwerb. — In Prag ist am 29. v. M. nach langem schweren Leiden Dr. Samuel Back, Rabbiner in Smichow, im Alter von 59 Jahren gestorben. Er war ein Gelehrter von weitreichendem Rufe, erfreute sich als Kanzelredner großen Ansehens und genoß ob seines biederen Charakters die Achtung und Liebe seiner zahlreichen Freunde und Anhänger. Dr. Back, der auch als Religionslehrer am Mädchengymnasium gewirkt hatte, hat sich durch seine vielseitige ersprießliche Thätigkeit große Verdienste um das Judenthum erworben. Er war 27 Jahre lang Rabbiner in Smichow und hat dort im Jahre 1897 sein 25jähriges Jubiläum gefeiert. — Der Kaiser hat dem Professor Dr. Moritz Benedikt den Titel eines ordentlichen Universitäts-Professors verliehen; zum Landesgerichtsrath wurde Herr Dr. Gustav Feßler ernannt. — Dem in Kairo lebenden Oesterreicher Leopold Kraus wurde das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Rußland. L. T. Odessa, 1. Juni. Der Telegraph brachte gestern die traurige Nachricht von dem Dahinscheiden des bekannten Bankiers und erblichen Ehrenbürgers Ignatz Ritter von Ephrussi in Wien im hohen Alter von 70 Jahren. Der Verewigte, der vor mehr als einem Vierteljahrhundert Odessa verlassen und seine Thätigkeit nach Wien verlegt hatte, genoß in Odessa sowohl in Finanzkreisen als überhaupt große Popularität. Hier in Odessa war er einer der Ersten, der den festen Grund zu unseren Handelsbeziehungen mit dem Westen Europas legte. Außer seinem eigenen Bankhause ersten Ranges war er einer der Gründer der Odessaer Kommerz-Bank (die nicht mehr existirt), der Bessarabisch- Taurischen Agrarbank hier und in Petersburg, der Internationalen. Diskontobank, der Russischen Bank für den auswärtigen Handel und anderer Bankinstitute. Als er Odessa verließ, gründete er die „Volksschule Ephrussi", deren Ehrenkurator er war, und der er von Wien aus reiche Gaben zukommen ließ. Erst vor zwei Jahren schenkte er in Gemeinschaft mit seinen Neffen, den Herren Jules, Jgnace und Charles Ephrussi in Paris, zur Erweiterung derselben den Betrag von 35 000 Rubel. Der Verewigte hatte folgende russische Orden: St. Stanislaus 2., St. Anna 2. und St. Wladimir 3. Klasse. Außerdem befaß er noch einen Orden von der schwedischen Regierung, deren General-Konsul er viele Jahre hindurch in Odessa war. In Oesterreich wurde er wegen seiner Theilnahme an den Staatsfinanzoperationen geadelt. Der Heimgegangene hinterläßt eine trauernde Wittwe, Frau Emilie von Ephrussi, geborene Porges, die Enkelin des bekannten Tedesco, zwei Söhne, von denen der Aelteste, Stephan, Direktor der hiesigen Filiale der Russischen Bank für den auswärtigen Handel, und der Jüngere, Victor, Assoeiö des Hauses Ephrussi u. Co. in Wien ist, und eine dort verheirathete Tochter zurück. Der Verklärte war. ein Schüler des bekannten hebräischen Dichters und Mathematikers Jakob Eichenbaum (s. A.) und war ein sehr kluger und hochintelligenter Mann. Gesegnet sei sein Andenken! Von Nah und Fern. — Der „Reichsanzeiger" enthält tabellarische Uebersichten über die 1898erfolgten endgiltigen Rentengutsgründungen. Beachtenswerth sind die Angaben über die Konfession und Nationalität der Rentengutsbesitzer. Bon den 7824 Rentengütern find 4390 (im vorigen Jahre 3931) in evangelischer, 3420 (3160) in katholischer, 7 (7) in israelitischer und 7 (6) in mennonitischer Hand. — Die königliche Akademie der Wissenschaften hat dem Herrn Privatdozenten Dr. Bernhard Ramitz in Berlin zu einer Reise nach Norwegen zum Zweck von Forschungen über das Gehörorgan und düs Centralnervensystem der Cetaceen 2000 Mark und dem Privatdozenten Dr. Leon Ascher in Bern zu Untersuchungen über die Eigenschaften und die Entstehung der Lymphe 400 Mark bewilligt. — Dr. Georg Salomon, Privatdozent für medizinische Chemie an der hiesigen Universität, ist zum Professor ernannt worden. — In Breslau wurden die Herren Fedor Pringsheim und Rechtsanwalt Alfons Marck wieder einstimmig zu unbesoldeten Stadträthen gewählt. — Im Kriegerverein Schub in ist seit seinem 25jährigen Bestehen Herr Arndt Vorstandsmitglied, der im Feldzuge 1870/71 zum Sergeanten ernannt wurde. Vorstandsmitglied ist ferner seit fünf Jahren Herr Abr. Meyer, Inhaber des Eisernen Kreuzes, 1870/71 zum Unteroffizier ernannt. — Aufsehenerregt im Königreich Sachsen die Nachricht, daß der Schatzmeister des unter Protektion der Königin Carola stehenden „Albert - Vereins", Kommerzienrath Hopffe in Dresden, 200 000 Mark Vereinsgelder unterschlagen habe. Bereits seit mehreren Wochen sind Gerüchte im Umlauf, nach denen bei der Kaffenverwaltung des Albert-Vereins namhafte Fehlbeträge festgestellt worden sind. Der Mann war eine antisemitische Säule. — Der Nagy-Kürolyer Arzt Dr. A. Aldor in Nagy-Küroly hat den ungarischen Adel erhalten. — Aus Bonyhüd, Ungarn, wird der orthodoxen „Ungarischen Wochenschrift" geschrieben, daß in der Synagoge der dortigen orthodoxen Gemeinde am verflossenen Sabbath zwischen einigen Schmähern und Vertheidigern des Rabbiners ein arger Streit ausbrach, der sich bald auf die Straße verpflanzte und dermaßen ausartete, daß es nur dem Einschreiten der Polizei zu verdanken sei, wenn nicht Blut geflossen. Schmach und Schande! — Die Frau Baronin v. Rothschild, die mehrere eigene Hospitäler in Paris unterhält, ist in der letzten Woche nach Berlin gekommen und hat die Ausstellung für Krankenpflege eingehend besichtigt und dort große Einkäufe gemacht. — Bei den Unruhen am 4. d. in Paris zog die „goldene Jugend" in den öffentlichen Vergnügungsorten und Boulevardbierhäusern umher und stürzte sich in Banden von 40—50 Köpfen auf einzelne jüdisch aussehende Gäste. So mißhandelten sie im Jardin de Paris einen gewissen Mayer, in einer Kneipe der Rue Royale einen Mann, der übrigens, wie sich herausstellte, gar kein Jude war, u. s. w. — Der Sultan hat dem niederländischen Delegirten zur Friedenskonferenz, Professor Dr. Ass er in Amsterdam den Großkordon des Medschidje-Ordens verliehen. — Wie aus London mitgetheilt wird, hat die englische Misflonsgesellschaft im vorigen Jahre 35 000 Pfund Sterling für 28 Bekehrungen von Juden verausgabt. — Im Krieg auf den Philippinen hat bekanntlich Colonel F einstone, der Kommandant des Kansas-Regiments, sich am meisten ausgezeichnet. Amerikanische Blätter berichten jetzt, daß derselbe ein geborener russischer Jude, Namens Feinstem, sei. — Die berühmte Malerin Rosa Bonheur, die in der vorigen Woche gestorben, war zwar keine Jüdin, wie englische Blätter melden, aber sie war eine große Freundin der Juden und hat zeitlebens vielen jüdischen Armen Gutes gethan. — Der Bankier Josef Landau in Warschau hat zum Andenken an seine jüngst verstorbenen Eltern 300 000 Rubel, die Familie des kürzlich in Lodz verstorbenen Fabrikanten M. Silberstein 166 000 Rubel für wohlthätige Zwecke gespendet. — Israel Zangwill begiebt sich im Herbst nach den Vereinigten Staaten, um sein Lustspiel „Die Kinder des Ghetto" persönlich einzustudiren. Das Stück soll erst in Philadelphia, Washington und Baltimore aufgeführt werden, ehe es in New-Iork über die Bretter geht. — In New-Jork erscheinen jetzt täglich 10 jüdisch-deutsch-englifche Blätter. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. mMM