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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 23. ^V Berlin, 9. Luni 1899. Werkage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 4. Juni. Soeben ist der 14. Jahrgang des Statistischen Jahrbuchs des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes erschienen. Das Buch ist auch diesmal seinem Ziele hinsichtlich der Vollständigkeit und Zuverlässigkeit der Angaben erheblich näher gebracht worden. Es enthält das geographische Berzeichniß der jüdischen Gemeinden im Deutschen Reiche, die Angabe ihrer Seelenzahl, Vorsteher, Beamten, Vereine u. s. w. Ferner eine Tabelle von jüdischen Volksschulen, ein alphabetisches Register der jüdischen Gemeinden iw Deutschen Reiche, ein Verzeichniß der staatlichen Behörden für jüdische Gemeinden, Verwaltungen und Gemeindeverbände, der höheren Lehranstalten und nichtjüdischen Volksschulen, an denen jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird, der Vereine für Volksbildung und Bibliotheken, der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, das aber diesmal leider unvollständig ist, da mehrere Städte ausgeführt sind, in denen sich keine Vereine befinden, während mehrere fehlen, in denen solche begründet wurden, der jüdischen höheren Schulen, der Rabbiner- und Lehrerseminare, der Vereine von Rabbinern und Lehrern, der Stiftungen und Vereine zu Gunsten von Gemeindebeamten, der Anstalten zur Beförderung des Handwerks unter den Juden, der Vereine für Arbeitsnachweis, der Institutionen für berufliche Ausbildung des weiblichen Geschlechts, der Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen, der Waisen- und Erziehungshäuser, der Altersversorgungsanstalten und Asyle, der Kranken und Siechenhäuser, der Vereine gegen Wander- und Hausbettelei, der Benai-Brith-Logen, der Vereine für Volksverpflegung, endlich Verzeichnisse der Synagogen, in denen beim Gottesdienst eine Orgel oder ein Harmonium eingeführt ist (es find dies in Deutschland 130), der jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, der jüdischen Pensionats, der Kurorte, in denen sich eine Synagoge befindet, und der jüdischen Buchhandlungen. Den Abschluß bilden die behördlichen Entscheidungen und Verordnungen, die diesmal in großer Zahl gesammelt sind. Das ganze Werk ist ein unentbehrliches Handbuch für Jeden, der sich mit den Angelegenheiten der Juden beschäftigt. Es ist sorgsam redigirt und vortrefflich durchgeführt. Der Preis ist ein sehr, geringer. Für 1,60 Mk. ist es franco vom Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, W., Sigismundstraße 5, zu beziehen. *** Berlin, 5. Juni. Die Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate (gegründet 1813) hielt gestern in der Aula der jüdischen Gemeinde-Knabenschule ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Leopold Lesser, eröffnet die Sitzung und berichtet über die Thätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Geschäftsjahr. Wir entnehmen demselben einige auch für weitere Kreise interessante Angaben. Es wurden 54 Anmeldungen und Gesuche bearbeitet. Für 71 Lehrlinge, die in den verschiedensten Handwerken untergebracht find, ist an Unterstützungen die Summe von Mk. 6060,45 verausgabt worden. Außerdem führte die Gesellschaft an das Lehrlings - heim in Pankow ä conto der versprochenen Subventionen auf drei Jahre von je 3500 Mark jährlich die erste Theilzahlung im Betrag von 1500 Mark ab. Die Lehrlinge werden durch 5 Inspektoren in ihrem Verhalten in den Werkstätten und im Besuch der Fortbildungs- und Religionsschule kontrolirt. Der Bericht riefeine lebhafte Debatte hervor. Aus der Mitte der Versammlung wird der langathmige Name der Gesellschaft für nicht mehr zeitgemäß gehalten. Der Name „Jndustrieverein" oder blos „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke" würde der Wirksamkeit der Gesellschaft, die bezüglich der Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden von anderen Vereinen überholt worden ist, mehr entsprechen. Als unbedingt nothwendig und unabweisliche Forderung der Zeit hält man die Vermehrung der Jnspektorenzahl, da es fast eine Unmöglichkeit sei, daß 5 Inspektoren 71 Lehrlinge, von denen 24 derJnspektion eines Einzelnen unterstehen, mit Erfolg beaufsichtigen, ganz davon abgesehen, daß die Aufsicht sich auch auf die Gesellen und in der ersten Zeit auf die zur Selbständigkeit gelangenden Handwerker sich erstrecken müsse. Im Interesse einer ersprießlichen Wirksamkeit der Gesellschaft bittet er den Vorstand, seine Anregung in Erwägung zu ziehen. An der Debatte betheiligten sich ferner die Herren Louis Sachs, Hermann Landsberger, Maurermeister Fränkel und Marcus Adler. Letzterer appellirt an Alle, die Sinn und Interesse für das Judenthum haben, sich den Bestrebungen der Gesellschaft anzuschließen und sie thätig zu fördern. Es folgt hierauf die Verlesung des Kassenberichtes. An Mitgliederbeiträgen sind 4808,95, an Effektenzinsen 4693,77 und an Geschenken 5965, darunter ein Betrag von 5000 Mark zum Andenken an den verstorbenen Philanthropen Ad. Ginsberg, eingegangen. Das Vermögen der Gesellschaft beträgt zur Zeit 101261,53 Mark. Die Versammlung ertheilt dem Kassenwart einstimmig Decharge und schreitet zu den Wahlen. Es werden als zweiter Vorsitzender Herr Maurermeister Fränkel und als Inspektoren die Herren Rafael Voll, M. Adler und Eugen Caspary wiedergewählt. Auf jeden Unbetheiligten machte die Verhandlung der Generalversammlung den Eindruck, als ob die Gesellschaft, die sich um die Hebung des Handwerks unter den Juden zweifellos verdient gemacht hat, gegenwärtig an Altersschwäche leide. Diesem Empfinden ist auch im Jahresbericht Ausdruck gegeben durch die Worte: „Den Anforderungen der fortschreitenden Gegenwart gegenüber brauchen wir thatkräftige, jugendsrische Helfer, die im Sinne einer neuen Zeit mitzuschaffen gewillt sind." Wir kommen daher auf unseren vorjährigen Vorschlag zurück, daß die Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden in Preußen nur dann im Sinne der neuen Zeit wirken wird, wenn sie mit dem Verein „Lehrlingsheim Pankow" zu gemeinschastlicher Thätigkeit sich vereinigen wird. ££g Berlin, 4. Juni. Zu der Nachricht von dem Hinscheiden des Dr. Max Rawitzki wird uns folgende Episode aus seiner Schulzeit mitgetheilt. Im Alter von 22 Jahren Untersekundaner des Werder'schen Gymnasiums, wurde er im Jahre 1862, während der russisch-polnischen Insurrektion, von der hiesigen Polizei fortwährend drangsalirt und mit Ausweisung bedroht. Vergebens lief der damals noch lebende Ober- Lotterieeinnehmer Mareuse, dessen ganzes Leben Hilfsbedürftigen gewidmet war, von Pontius zu Pilatus, um für Rawitzki zu interveniren. Eines frühen Morgens während der strengsten Winterszeit wurde er von einem Schutzmann aus dem Bett geholt und nach dem Ostbahnhof geführt, um von dort per Schub weiterbefördert zu werden. Wegen der dadurch veranlaßten Schulversäumnisse entdeckte er sich seinem Klassenordinarius, dem erst kürzlich verstorbenen Direktor Professor Schwarz, um dessen Interesse für sich in Anspruch zu nehmen. Dieser wandte sich an einen ihm bekannten und beim Polizeipräsidium beschäftigten Regierungsassessor und machte diesem klar, daß sich Rawitzki wohl mit Curtius und der griechischen Grammatik, aber nicht mit der Wiederauferstehung des polnischen Reiches befasse. Seitdem hatte der Untersekundaner Ruhe. Direktor Schwarz hat bis an sein Lebensende dem Schüler sein Wohlwollen bewahrt; als fich Rawitzki nach mit Auszeichnung bestandenem Physikatsexamen um eine vakante Kreisphysikatsstelle bewarb, erhielt er von seinem Lehrer ein Empfehlungsschreiben an den Regierungspräsidenten zu Bromberg. Mehrere Oden an den Direktor Schwarz und an den Direktor Bonnel find von Rawitzki in hebräischer Sprache, deren genaue Kenntniß und Fertigkeit ihm besonders eigen war, angefertigt worden. n. Nordenbrrrg, 28. Mai. Unter außerordentlicher Betheiligung der gesammten Einwohnerschaft wurde in unserer Stadt das Fest der Grundsteinlegung zu einer Synagoge gefeiert. Nach einem Festessen im Hause des Vorstehers Herrn B. Sandelowsky fand eine feierliche Andacht im Saale des Adler-Hotels statt, wobei vor dichtgedrängtem Auditorium, die Honoratioren der Stadt waren vollzählig er-

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