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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 Beide nicht immer gute Freunde gewesen, trotz der Verschiedenheit unser Religion?" Der Schrecken raubte ihr die Sprache: Jetzt, dachte sie, jetzt wird er anfangen. In diesen! Augenblick stand der Omnibus still, und der geistliche Herr erhob sich: „Leben Sie recht wohl, Thildche," sagte er und reichte ihr die Hand zum Abschied. Da stand sie auf, neigte sich und sprach: „Der Herr segne Dich und behüte Dich, der Herr lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig." „Amen," sagte der Geistliche und kehrte sich noch einmal um, „aber das sag' ich Ihnen, Thildche, das letzte Wort sollen Sie nicht behalten." jf Ich werd' mich hüte, ich lauf' ihm gewiß nimmer in den Weg, dachte sie, und voll Dankes, daß alles so gut vorübergegangen war, brach sie in die Worte aus: l „Der Herr Pfarrer is e Gerechter, er is gut, er is mild, der l Herr Pfarrer is e feiner Mann!" j Da kam Leben in die übrigen Weiber, die bisher mit offenem | Munde dagesessen und sich nicht gemuckst hatten. | „Was wisse denn Ihr von unserm Herr Pfarrer," fuhren sie die f Alte an, „Ihr habe ihn ja noch nie predige höre — ja, wenn Ihr J ihn heut' hätte predige höre!" „Wenn ich's nur behalte kann, bis ich heimkomm," seufzte : die Eine. \ „Was ich hör', das kann ich verzähle wie am Schnürle," rühmte i sich eine Andere und Hub allsogleich an: J „Fürchtig lang ist's her, dazumals noch, wie erst der Himmel j -auf der Welt gewesen ist und sonst nix, da sind sie emal beisamme gestände, die Engel Gottes. Unser Herrgott hat sich nämlich alleweil besunne, soll er die Welt erschaffe oder soll er's lieber bleibe lasse. „Rei," habe die Engel zu ihm gesagt, „erschaff' sie lieber nit, denk' auch, wie viel Mißgunst, wie viel Schlechtigkeit, Hunger und Elend sonst unter die Leut kommt, mir rathe Dir, erschaff' sie lieber nit!" Ueber eimal steht der groß' schön' Engel auf, der wunderschönst' von allen,; dieser aber war der Engel der Mildthätigkeit. „Gottvader", sagt er, „erschaff Du sie nur, brauchst keine Angst zu habe, denn mit dem Unglück kommt auch's Mitleid unter die Leut, und das wiegt gar schwer, schwerer als die Schlechtigkeit, alle Mißgunst und alles Elend zusammengenomme. Kannst also die Welt ruhig erschaffe, Gottvader." Und nachher ist er Hergange und hat's richtig gethan. Ame," schloß die Erzählerin. „Gelt schön?" wandten sich die Andern an Thildche. Sie nickte zerstreut: „Recht schön! recht schön!" Innerlich aber, o welchen Triumph feierte sie. Sie selbst hatte diese Geschichte dem Herrn Pfarrer erzählt; es war eine jüdische Geschichte, die von der christlichen Kanzel verkündet worden war. Wenn sie das der Bäuerin droben sagte, der Bäuerin, die von dex jüdischen Weisheit so gering dachte . . .! Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, daß sie für nichts anderes unterwegs mehr Sinn hatte. Auf den sich allmälig erhebenden Hügeln hinter dem Dorfe lag da und dort einer der Bauernhöfe, in denen die alte Händlerin Einkehr zu halten hatte. Mancher Bauer spannte seinen Gaul vor den Leiterwagen, um die alte Kundin zu ihrem nächsten Ziel zu bringen. Auch beim Ober-Bauern kam sie mit einem Gefährt an. Es summte ihr noch in den Ohren, was sie alles gehört an Lob- und herzlichen ■ Dankes- und Abschiedsworten, als sie auf der weiten Hochebene stand 7 vor dem größten und stattlichsten der Bauernhöfe. Was von hier f aus zu überblicken war an Wiesen, Feld und Wald, gehörte dem i Ober-Bauern — eine kleine Welt für sich, in der man nie der alten Händlerin Rath und Hilfe begehrt hatte. Diese kräftigen, urgesunden Leute kannten überhaupt weder Krankheit noch Kummer. Rur einmal hatte Thildche den Bauern angetroffen, wie er vor Schmerz brüllte und mit dem Kopf gegen die Wand rannte. Er hatte Zahnschmerzen, das einzige Uebel, das diese Leute zuweilen heimsuchte und das die Bäuerin mit heißen Kamillenumschlägen zu behandeln pflegte. Thildche, rasch entschloffen, riß den dampfenden Verband von der hochgeschwollenen Backe und machte ihm Umschläge von kaltem Wasser. Das half, und von der Stunde an durfte die Bäuerin dem Manne nie wieder mit ihrem alten Mittel kommen; sie selber blieb * bei ihren Umschlägen und hielt lieber die wahnsinnigsten Schmerzen aus, als daß sie einen Rath der Gänsehändlerin befolgt hätte. , Thildche trat, nachdem sie angeklopft hatte, in die große halbj dunkle Bauernstube mit den schwarzen Querbalken an der Decke und z dem rissigen, an vielen Stellen ausgeflickten Fußboden. j „Grüß Gott, grüß Gott," rief ihr der Bauer entgegen, „nehme 1 Platz, nehme Platz, Thildche!" j Die Andern, die mit ihm um den viereckigen Tisch am Fenster s saßen, der Soldat, zwei jüngere Söhne und der Knecht, nahmen i keine Notiz von dem Besuch; sie waren in ein Kartenspiel vertieft, c rauchten einen fürchterlichen Tabak und schrien und lachten abwechselnd i laut auf. (Schluß folgt.) i; i Fitterarische Mittheilungen. \ ----- Eine neue Haus- und Schulbibel, die die Herren Dr. I.Wohl- * gemuth und I. Bleich rode soeben herausgegeben, verdient wohl all- - gemeine Aufmerksamkeit. Das gut ausgestattete und sauber gedruckte J Buch führt den Titel: Die fünf Bücher Moses mit deutscher < Uebersetzung, nebst den Haphtaroth und den Megilloth (Rödelheim. ' S. Lehrberger & Co. 1899). Die Verfasser haben sich das schwierige i Ziel gesetzt, ein korrektes gutes Deutsch mit möglichster Worttreue zu! vereinigen, ein Ziel, das bisher noch nicht erreicht worden ist, dem sie 1 aber ziemlich nahe gekommen sind. Die Uebersetzung schließt sich streng - an den Urtext der heiligen Schrift an und steht auf dem Boden der Tradition. Die poetischen Stücke des Pentateuch sind rhythmisch über-! tragen, so daß sie von den Schülern leicht memorirt werden können. Die 1 Uebersetzung ist aber nicht nur für die Schule, sondern auch für das Haus bestimmt. Sie soll unsere Männer und Frauen mit dem Inhalt der heiligen Schrift vertraut machen und ihnen eine Lektüre bieten, die den Geist erhebt und das Gemüth veredelt. Besonders schwierig war es > natürlich, die Stellen zu übersetzen, welche für Kinder anstößig erscheinen könnten. Man muß einräumen, daß die Uebersetzung diese Klippen sehr glücklich zu umschiffen verstanden hat. Inwieweit diese Schulbibel den Anforderungen der Pädagogik entspricht, wird sich wohl erst bei längerer i ‘ Benutzung derselben in der Schule von fachmännischer Seite seststellen ' lassen. Uns erscheint es als ein großes Verdienst der beiden Uebersetzer, daß sie eine gute, lesbare und doch wortgetreue Uebertragung des ' Pentateuch geliefert haben. Der renommirte Verlag hat das Buch in einer handlichen Ausgabe zu billigem Preise hergestellt. — In demselben Verlage ist auch eine „hebräische und hebräisch deutsche Lesebibel" von Joseph Bruchsaler, Hauptlehrer in Sulzburg, erschienen, die nach pädagogischen Grundsätzen geschickt aufgebaut und durchgearbeitet ist. Die Methode scheint eine leicht faßliche zu sein. Die Uebungsstücke sind gut gewählt, und das Büchlein dürfte sich als ein praktisches Lehrmittel für das Hebräischlesen erweisen. Die Verlagsbuchhandlung Siegfried Cronbach Berlin W., theilt uns mit, daß sie an Abonnenten unseres Blattes bis zum 1. Juli d. I. die „Briefe des Capitain Dreyfus" für 1,70 Mk. gegen Voreinsendung des Betrages liefern will. Der Ladenpreis ist 4 Mark. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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