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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 zwei derbe Gestalten mit großen, kräftigen Gesichtern, ganz gleich im Ausdruck; zwischen ihnen ging der älteste Sohn in der Soldatenmütze; den jüngsten trug die Mutter auf dem Arm; dann kamen sie wie die Orgelpfeifen hinter ihr drein, Buben und Mädel, alle grobknochig, frisch und gesund. Die Bäuerin hatte einen Augenblick den Kopf nach Thildche gewandt: „Sieht mer Euch noch?" „Ich werd' mer heut' erlaube, mei Abschiedsvisit zn mache," erwiederte die Alte und starrte dann, wie in Gedanken verloren, der Davonschreitenden nach. Von all den vielen Weibern, mit denen sie zu thun gehabt, war die Bäuerin die einzige, die sie nicht hatte zu überzeugen vermocht, daß Juden und Christen es gnt mit einander meinen können. Mit unbeschreiblicher Hartnäckigkeit hatte die Bäuerin Thildches wohlmeinende Rathschläge stets mit den Worten unterbrochen: „Euer Weisheit paßt nit für unsereins." Daher der kummervolle Blick der Gänsehändlerin, als sie der Frau nachschaute; ihr Wirken im Städtchen war zu Ende, und sie hatte es nicht fertig gebracht, der Bäuerin Meinung zu ändern. Als Thildche sich umwandte, bemerkte sie zu ihrem Schrecken, daß der ganze Omnibus mit Menschen angefüllt war. „Du gerechter Gott," jammerte sie, „jetzt Hab' ich mer mei Platz verpaßt." „Ganz recht, wenn mer nit aufpaßt," schnauzte sie der Postillon an, „steig' Sie ein, Ihr Platz da vorne ist frei, damit Sie sieht, unsereins weiß auch, was Höflichkeit ist." Sie steckte ihm schnell ihr Zwanzigpfennigstückchen zu: „E Schöppche auf mei Wohl, Herr Sepp." „Auch den Gefallen will ich Ihr thun," meinte er gnädig. Thildche begab sich auf ihren Platz, — Aber, o Schrecken! wer saß ihr gegenüber, die Hände über dem Stock gefaltet, mit vorgebeugtem Haupt, auf dem Vollmondsgesicht das ihr so wohlbekannte, kluge Lächeln? Der Herr Pfarrer des Ortes. Wie oft auf ihren Fahrten in die Stadt oder in die Berge war sie mit dem geistlichen Herrn zusammengetroffen, um jedesmal bei seinem Anblick in der Todesangst zu leben, er könne sie bekehren wollen. Am liebsten machte sie sich, wenn sie ihn von Weitem sah, aus dem Staub; ging's nicht, fing sie wie ein Mühlrad zn schwatzen an, nur um den Geistlichen nicht zu Wort kommen zu lassen. „Jetzt was red' ich nur heut'," fragte sie sich, „ich Hab' ihm ja schon alles erzählt, was ich weiß —" Der Herr Pfarrer, der ganz genau wußte, was in ihr vorging, und den ihre Angst nicht wenig belustigte, half ihr aus der Verlegenheit. „Aber schön sind Sie heut', Thildche, potz tausend noch einmal! so farbig, so hell!" „Schwarz steht mir halt nit," gab sie ihm geschmeichelt zur Antwort, „farbig hat mir alleweil am beste gestände." „Glaub's schon," nickte er mit einem munteren Blick in ihr feingeschnittenes kluges Gesicht, „Sie müssen einmal ein schönes Mädchen gewesen sein, Thildche." „O," kicherte sie, „wolle Sie wiffe, was mei Mutter gesagt hat: Mei Mutter hat gesagt: wer mei Thildche emal will, der muß mer noch was drauf zahle." Die paar Weiber, die noch int Omnibus saßen, stießen einander verwundert an; keine von ihnen hätte sich unterstanden, in Gegenwart des geistlichen Herrn so ungenirt heraus zu reden. Er forderte sie auch gar nicht dazu auf, er war ein gescheidter alter Herr, der für's Leben gern lachte; da hielt er sich lieber an die kluge Händlerin, deren Geplauder ihm schon manches Stündlein verkürzt hatte. „Thildche, Thildche", sagte er, ihr mit dem Finger drohend, „was war denn das gestern am Bahnhof? Ei, ei, da sind Sie mir wieder einmal davongelaufen, hab's wohl bemerkt, ja, ja, bin recht beleidigt, Thildche, recht beleidigt, daß Sie nicht das gleiche Vergnügen an meiner Unterhaltung haben wie ich an der Ihren." „Ach Gott, ach Gott, Herr Pfarrer," ereiferte sie sich, „so ein guter, so ein feiner Herr, wo werd' ich denn — wo werd' ich denn —" Er wollte etwas sagen, sie unterbrach ihn: „Natürlich, natürlich, mit Vergnüge erzähl' ich Ihne, wie's is gewesen in der Stadt bei der Abschiedsvisit. Ach Gott, was stnd's für Leut', mei hohe Kundschaft — mei Herr Doktor und mei Herr Rath und mei Herr Konsul — seit sechzig Jahr trag ich ihne mei Gäns in die Häuser, und ich Hab mei hohe Kundschaft gesehe klein anfange, ich Hab' sie gesehe groß werde; ich kenn' die Enkel, ich kenn' die Urenkel. Und wie ich achtzig geworde bin, wisse Sie, was sie gesagt habe? Thildche. habe sie gesagt, jetzt brauchste keine Gäns mehr zu stopfe, jetzt sorge wir für Dein Alter. So sind sie, die jüdische Leut; nehme Sie mer's nit in Uebel, Herr Pfarrer, aber die jüdische Leut sind gut." „Ei freilich," sagte der geistliche Herr, „gute Leut giebt's allüberall, warum soll ich das bezweifeln? Ich bin überhaupt," wollte er zu reden fortfahren, aber sie fiel ihm abermals ins Wort: „Ich weiß, ich weiß, Sie brauche mer's nit zu sage, schon der Lessing hat gepredigt die Gleichheit, der Lessing war e Chochem." „Sie kennen den Lessing?" wunderte sich der Herr Pfarrer. „Wo werd' ich ihn nit kenne," ereiferte sich die Alte, „mei Bruder is gewese e großer Lerner, mei Vater is auch gewese e großer Lerner. Ich Hab' ihn nimmer gekannt; mei Mutter hat unsaufgezoge, mei Mutter war e tüchtig Iran. Sie is Köchin gewese bei jüdische Leut in Bruchsal. Da hat emal der Herr Baron von Rothschild gespeist aus Frankfurt am Main. „Madamm," hat er gesagt, „so gut Hab' ich noch feite gegesse, wer hat Ihne denn gekocht, Madamm?" Da hat sie gesagt: „Mei Riffkele." Und mei Mutter hat müsse hereinkomme und mit dem Herrn Baron von Rothschild anstoße, und er hat gesagt: „Jungfer Köchin," hat er gesagt, „ich nehm' Sie mit nach Frankfurt." „Ach nein," hat sie gesagt, „Frankfurt am Main is mer zu weit, ich möcht lieber daheim bleibe und heirathe." Was aber dazumals nit so leicht gewese is, wo immer nur einer bestimmte Zahl von jüdische Leut erlaubt war, zu heirathe. Aber der Herr Baron hat gesagt: „Mer wolle sehe" und 's hat nit lang gedauert, habe mei Eltern die Erlaubniß kriegt und habe geheirath. Sie sind hierher gekomme, und mei Vater hat e Wirthschaft angefange. Gleich sind die Wirthsleut vom Ort gekomme und habe gesagt, mei Vater sei e Jud', er Hab' kei Recht, e Wirthschaft zu halte. Da is mei Mutter, was e resolut' Frau war, Hergange uno hat Küche gebacke und hat sie ausgestellt am Sonntag vor die Thür, auf e schön gedeckte Tisch, und es is kei Stund' vergange, so sind sie all weg gewese, die Küche, und mei Mutter hat müsse frische backe. Gleich sind die Bäcker vom Ort gekomme und habe gesagt, mei Mutter sei e jüdisches Weib, mei Mutter dürf' kei Küche verkaufe. Da hat sie angefange, Gäns' zu stopfe, und da hat Niemand was gesagt, weil's nit gegebe hat e Konkurrenz. So is es gewese, wahrhaftig in Gott, so habe sie's gehabt, die jüdische Leut, und so wie's früher war, so is es noch jetzt." ' „Nein, Thildche," unterbrach sie der geistliche Herr, „heut zu Tag stünde es anders, wenn Ihre jüdischen Leut alle wären wie Sie. Denn thut's nicht Jedem im Ort leid, daß Sie gehen, und sind wir *) Ein weiser Mann.

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