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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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- -t —«,HHWdH-VM>E»W«WW?!>W!WWWWWW - 274 - Mahlzeiten, Ausfahrten, ist nicht das Mindeste geändert worden. Seine Umgebung, das Arrangement seiner Zimmer ist, soweit er noch etwas davon wahrnehmen kann, nach Möglichkeit das gleiche wie vormals in seiner prächtigen Amtswohnung in unserer Universitätsstadt. Er beschäftigt sich in seiner unfreiwilligen Muße geistig frisch und rege, wie er cs Hand in Hand mit der Besserung in seinem körperlichen Befinden wieder geworden ist, mit einer umfangreichen philosophischen Arbeit, die er einem Amanuenier diktirt, dessen Gehalt, soweit ich es zu benrtheilen im Stande bin, gut die Hälfte der bescheidenen Zinsen, die Steinhardt noch zu verzehren hat, verschlingt. Davon ahnt er, wie gesagt, nichts. Seine Gattin hat ihm nur erklärt, sie hätten einen müßigen Vermögensverlust erlitten, um ihr eigenes Sichzurückzuziehen von aller Geselligkeit, selbst solcher Geselligkeit, wie sie das just nicht elegante Ermatingen sich leistet, zu rechtfertigen. Er hat sich mit dieser Auskunft begnügt, überzeugt davon, daß sein geliebtes Weib stets und in allem das Rechte thut. In Wirklichkeit aber würde sie sich, abgesehen von den, unbedeutend wie sie sind, doch für sie jetzt immerhin ins Gewicht fallenden Kosten, an Vergnügungen u. s. w. nicht bethciligen können, aus dem einfachen Grunde, weil sie keine Zeit dafür hat. Denn um Einnahmen und Ausgaben im Einklang zu halten, muß eben Frau Regina ihre ganze Kraft, ihre ganze Persönlichkeit einsetzen. Um mich deutlicher auszudrücken, sie arbeitet von früh bis spät, um dem Hausstande jene Atmosphäre von Wohlbehagen, von Sorgenfreiheit zu erhalten, die zur Wiederherstellung des Kranken unumgänglich nothwendig ist. Beistand hierin giebt es für sie so gut wie gar nicht, denn von dem für die gröbsten Handreichungen direkt vom Lande ins Haus genommenen jungen Bauernmädchen hat sie, wie ich fürchte, ebenso viel Mühe wie Hilfe. Zur Krankenpflege gehört bekanntlich dasselbe, was Montecuculi zur Kriegsführung begehrte, Geld, Geld und nochmals Geld. Gute Kost, stärkende Weine, alles will besorgt und bezahlt sein. Ihnen als Arzt, der Sie so manches Elend, so manchen Kummer gesehen haben, brauche ich nicht auseinanderzusetzen, wie furchtbar schwer es bei beschränkten Mitteln fällt, alles Erforderliche zu beschaffen. Nun, Ihre Frau Schwester schafft das alles, wie, das weiß Gott und sie allein. Und wie viel dabei für sie selbst übrig bleibt, das wage ich nicht auch nur zu muthmaßen. Sie ist keine von den Frauen, die mit ihrer eigenen Person sehr sanft und behutsam umgehen. Daß sie mit keinem Menschen über diese Angelegenheiten spricht, daß ich heute ohne ihr Vorwissen an Sie, geehrter Herr, schreibe, das bedarf für Sic, der Sie Frau Regina in ihrer vornehmen Zurückhaltung noch besser kennen als ich, keiner ausdrücklichen Versicherung. Es geht Steinhardt fraglos besser, aber wann und ob er überhaupt wieder erwerbsfähig sein wird, das steht einstweilen in Gottes Hand. Und so lange ruht fast die ganze Last der Erhaltung dieser beiden Menschen einzig auf den zarten Schultern seiner Frau, die auf die Dauer dieser Aufgabe unmöglich gewachsen sein kann. Ich war am vergangenen Sonntag in Ermatingen und entsetzt über ihr elendes, abgearbeitetes Aussehen. Wenn sie zusammenbricht, was wird aus ihr, was wird aus dem kranken, hilflosen Mann? Selbstverständlich sind wir, die Kollegen und Freunde Ihres Herrn Schwagers, mit Freuden bereit, zu thun, was irgend in unseren Kräften steht. Aber ich meine, Sie würden es uns mit Recht verargen, gingen wir vor, ohne Sie, die nächsten Verwandten, überhaupt zu benachrichtigen. Und ich denke, diese Erwägung wird das, was in meinem jetzigen Vorgehen rücksichtslos oder ungeschickt erscheinen mag, entschuldigen. Denn ich wiederhole es, geschehen muß etwas. Ich füge unten Steinhardts wie meine eigene Adresse bei und bemerke noch, daß, falls diese Zeilen Sie veranlassen sollten, in nächster Zeit vielleicht einmal Ihre Schritte hierher in unser schönes Schwabenland zu lenken, ich selbstverständlich gänzlich zu ihrer Verfügung stehe, wenn Sie selbst bei den Ihren nach dem Rechten sehen wollen. Mit der Versicherung vorzüglicher Hochachtung Professor Dr. Georg Lindenberg. Alphons ließ das letzte Blatt sinken. „Ich reise heute Abend," sagte er mit seiner gewöhnlichen knappen Bestimmtheit, „ich habe an Lindenberg schon telegraphirt und bei ihm angefragt, ob ich ihn auf der Durchreise durch Reginas alten Wohnort sprechen kann. Mein Zug hat dort etwa eine Stunde Aufenthalt. Morgen Nachmittag bin ich in Ermatingen." (Forts, folgt.) Der Herr Pfarrer hat das letzte Wort. Eine Geschichte aus dem badischen Landleben. Von Hermine V i Hing er-Karlsruhe. er Postillon, der vor dem Adlerwirthshaus die Pferde vor die Postkutsche spannte, sah plötzlich auf; unter dem lichten Geäst der bereiften Bäume kam eine Frau des Weges daher in einem weißen Umschlagetuch, einem blauen Rock und einem rothleuchtenden Kopftuch. „Gottsdunner," verwunderte sich der Mann, ,,s' Thildche Loeb, und so im Wichs! Will Sie am End' Hochzeit mache mit Ihrem weiße Fittig?" Sie schüttelte den Kopf: „Wär e bische spät mit achtzig; in Ruhstand will ich mich setze; mei hohe Kundschaft in der Stadt zahlt mer die Pension für e schön Stübche mit zwei Fenster im jüdische Altersheim. Gelle, Herr Sepp, Sie lasse mich einsteige, 's is wege mei'm schöne weiße Tuch; ich sitz' nit gern zwische die Leut, ich möcht' am End sitze." „Sie bleibt drauß," knurrte der Postillon, „Sie sitzt hin, wo ich's sag'." „Hm, hm," seufzte die Alte,. ,,s' war mei redlich Bemühe, Ihne in den vierzig Jahre, daß mer mit'nander fahre, e bische Lebensart beizubringen, und 's is mer nit gelunge. Zu Ihrem Schade, Herr Sepp, denn ich Hab' immer mei Zwanzigpfennig bei der Hand, seit Jahr und Tag Hab' ich sie bei der Hand, aber für Grobheite zahlt kei Mensch was." „Was glaubt Sie denn," fuhr er sie an, „für zwanzig Pfennig schluck' ich noch lang kei Flucher —" „Sie sind e Verschwender," warf sie ihm vor. Der Gottesdienst war zu Ende, und der kleine Platz vor dem Wirthshaus füllte sich mit Menschen. Thildche Loeb in ihrem Staat wurde sofort von einer Anzahl Bäuerinnen umringt, die sie in ihrem Putz bewunderten und ihr Bedauern aussprachen, Thildche aus ihrer Mitte scheiden zu sehen. Man hatte es so bequem gehabt bisher, Thildche vermittelte den Gänsehandel zwischen dem Ort und der Stadt; von den guten Rathschlägen, die die alte Kundin noch umsonst mit drein gab, gar nicht zu reden. Das Gesicht der Achtzigjährigen wurde vor Stolz und Freude ganz rosig: „Wo hält' ich mer eingebild', daß mich die Leut' so ungern gehe seh'n," meinte sie einmal um das andere. Plötzlich wich sie zur Seite; eine ansehnliche Gesellschaft kam einhergestampft — der Oberbauer und die Oberbäuerin voraus,

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