Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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273 oft zu einander sagten: „Welch ein Jammer, daß Regina kein Kind hat! Dem würde die Mutter nicht widerstehen können." Denn auch in jenem Verhältniß hatte sich nichts gewandelt. Die Mutter hörte aus gelegentlichen Gesprächen ihrer Söhne, daß ihre Tochter lebte und gesund war. Das war aber auch alles. Und allmälig wurde der schriftliche Verkehr zwischen den Geschwistern doch weniger rege, in dem Maß, wie Jeder von ihnen durch eigene neue Jntereffen, an denen die Getrennten keinen Antheil mehr haben konnten, in Anspruch genommen wurde, umsomehr, als die gelegentlichen Besuche der Brüder und Schwägerin bei der Schwester oder Zusammenkünfte am dritten Ort die einzigen Mittel des Beisammenseins boten. Regina hatte seit ihrer Hochzeit nie wieder in ihrer Vaterstadt'geweilt. Es war an einem Sonntag Nachmittag im Herbst. Wie meist an Sonn- und Festtagen, waren auch heute Raphael und Ina mit ihren Kindern die Tischgäste der Mutter gewesen. Das Mahl war beendet, und die vier Kleinen tollten mit ihrer anmuthigen, mädchenhaften Mutter im Garten umher. Bei der noch fast sommerlich milden Luft hatte man die in denselben leitenden Thüren und Fenster weit geöffnet. An einem der letzteren saß die Matrone in Gesellschaft ihres ältesten Sohnes und schaute mit einem bei ihr nicht häufigen Ausdruck heiteren Friedens auf das sich ihren Blicken darbietende, beständig wechselnde Bild der lichtgekleideten, zwischen den schon in herbstlicher Buntheit prangenden Sträuchern einherhuschenden Kindergestalten. Da trat Alphons zu ihr und legte einen Brief vor sie hin. „Es thut mir leid, Mutter, daß ich Dich in Deiner Ruhe stören muß," sagte er sehr ernst, „aber, bitte, lies dies Schreiben." Ein wenig erstaunt ergriff sie es. Die Handschrift auf dem Couvert war ihr völlig unbekannt. Dann aber ein Blick auf den Poststempel, ein zweiter auf die Anrede und die ersten Zeilen des mit fliegenden Händen herausgeriffenen Briefbogens, und das Couvert und sein Inhalt fielen zur Erde. „Sie ist todtl" schrie sie auf. Beide Männer waren emporgesprungen. Alphons legte beruhigend den Arm lim ihre Schultern. „Mutter, wie kannst Du glauben, ich würde Dir in solchem Fall diese Blätter ohne alle Vorbereitung in die Hände geben? Nein, Regina ist Gottlob soweit wohlauf, aber lies den Brief. Er ist von Emanuels Freund, Profeffor Lindenberg." Sie suchte sich mühsam zu sammeln. „Lies ihn vor!" sagte sie matt und lehnte sich mit halbgeschloffenen Augen in ihren Sitz zurück. „Ich bin noch nicht dazu im Stande." Er gehorchte ohne Weiteres und begann, dicht neben ihrem Platz am Fenster stehend, mit der Vorlesung der engbeschriebenen Seiten: „Geehrter Herr Kollege! Zwar weiß ich kaum, ob Sie sich meiner erinnern, allein der lebhafte Antheil, den ich, einer der ältesten Freunde Ihres Herrn Schwagers, an seinem und seiner, von uns allen so hochverehrten Frau Gemahlin, Ihrer Frau Schwester, Geschick nehme, läßt mich, auf die Gefahr hin, zudringlich zu erscheinen, heute die Feder ergreifen. „Ich fürchte nämlich, Sie sind letzthin über das Ergehen der Ihrigen aus Rücksicht, falschem Stolz, — wie soll ich es nennen? — nicht zur Genüge auf dem Laufenden erhalten worden. Es giebt im Leben aber Zeitpunkte, wo solche Rücksichten fallen müssen und wo man mit falschem Stolz ein Verbrechen an sich selbst begeht. Und ein derartiger Zeitpunkt ist nach meiner unmaßgeblichen Meinung von Ihren Angehörigen schon seit längerer Zeit erreicht. Weiteres Schweigen meinerseits würde mich zum Mitschuldigen an etwaigen eintrettnden, unheilvollen Konsequenzen der jetzigen Sachlage machen. Wie Ihnen voraussichtlich bekannt sein wird, nahm Ihr Herr Schwager vor nunmehr acht Monaten zwecks Herstellung seiner seit Jahren durch eine schwere Nervenkrankheit arg zerrütteten Gesundheit auf ein Vierteljahr Urlaub. Was Sie aber nach meiner Ansicht nicht wissen, ist, daß er in jener Zeit, statt sich zu erholen, immer kränker wurde, speziell sein Augenleiden sich in einer Weise verschlimmerte, daß er sich schließlich, nach Ablauf des Urlaubs, gezwungen sah, vorläufig sein Amt ganz niederzulegen. Eine vollkommene Wiederherstellung, auch von der Augenerkrankung — ein Staarleiden — ist zum Glück durchaus nicht ausgeschloffen. Auch hat sich sein Allgemeinbefinden entschieden in den letzten zwei Monaten bedeutend gebessert. Was jedoch die Augen anbetrifft, so läßt es sich bei der erwähnten Krankheit bekanntlich nicht Voraussagen, ob und wann der Staar operationsreif sein wird. Und in diesem besonderen Fall scheint leider der Linsentrübungsprozeß seit einiger Zeit stillzustehen. Daß Steinhardts Pflege in den besten Händen ist, brauche ich Ihnen, der Sie Ihre Frau Schwester kennen, nicht erst zu versichern. Daß ihr dieselbe aber unendlich erschwert wird, ist die Folge des zweiten Unglücks, das den beklagenswerthen Mann getroffen hat, von dem Sie offenbar ebenso wenig etwas ahnen wie von der eben berichteten ersten Heimsuchung, und von dem auch er selbst übrigens, dank seiner bewundernswerthen, hochherzigen Frau, bis zur Stunde keine Idee hat. Er hat wenige Tage vor Niederlegung seiner Profeffur durch den Bankerott seines Vetters, des Bankiers Rudolf Steinhardt, der seine Kapitalien verwaltete, den größten Theil seines Vermögens verloren. Dem fast ganz blinden Mann den Brief, der diese Nachricht brachte, zu verheimlichen, dazu bedurfte es keiner sonderlich großen Kunst. Aber ein Meisterwerk war es, wie Frau Regina sich beherrschte, wie sie es fertig brachte und bringt bis auf den heutigen Tag, durch keine Bewegung, durch keine Silbe zu verrathen, welch tief einschneidender Glückswandel sie getroffen hat. Die Uebersiedelung nach dem kleinen, in unserer Nachbarschaft gelegenen Städtchen Crmatingen, war schon vorher für das Ehepaar beschloffene Sache gewesen. Mit seiner geschützten, freundlichen Lage inmitten unserer schwäbischen Berge schien es für den Aufenthalt des Kranken, der selbst die unerschütterliche Hoffnung auf baldige gänzliche Genesung hegt, vortrefflich geeignet. Da der kleine Ort sich außerdem durch große Billigkeit auszeichnet, so änderte ihre Schwester nichts an den bisherigen Dispositionen und siedelte mit ihrem Patienten baldmöglichst dorthin über. Ich für mein Theil glaube freilich, wäre es für seine Gesundheit wünschenswerth gewesen, sie würde dies auch gethan haben, wenn die Ermatinger Preise dieselbe Höhe wie die etwa von Baden-Baden gehabt hätten. Denn für sie giebt es nur Eins: das Wohl ihres Gatten; dafür ist ihr kein Opfer zu groß, keine Anstrengung zu schwer. Und jetzt komme ich zu einem Punkt, den ich gar nicht genügend hervorzuheben vermag, der mich die seltene Frau mit immer neuer Bewunderung anstaunen läßt, und dem es zu danken ist, daß Steinhardt wenigstens über jenen letzten Schlag in glücklicher Unwissenheit verharrt. Sie hat natürlich, durch die Verhältnisse gezwungen, ihren Haushalt auf den denkbar einfachsten Fuß bringen und, um über Baarmittel zu verfügen, ohne das ihnen gebliebene winzige Kapital anzugreifen, den größten Theil ihrer reichen Einrichtung verkaufen müffen. Alle hieraus resultirenden Beschwerden aber fallen ihr allein zur Last. Sie hat ihren langjährigen Diener entlassen und Steinhardts persönliche Aufwartung und Pflege allein übernommen, unter dem Vorwand, kein anderer Mensch sei ihr darin gewissenhaft genug. In allem, was seine persönliche Lebensführung anbetrifft,