Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
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WWWWWW^WM «W 272 „Mir scheint es, daß es dieselben Gründe seien, die bei uns in Spanien z» so traurigen Katastrophen geführt haben: der Glaubenshaß und die neidische Habgier." „Nur die „Christlich-Sozialen" verquicken ihre Auslassungen mit Glaubens- und Rassenhaß; sie sprechen von „christlich-germanisch", um desto stärker die Juden als eine selbstsüchtige wirthschaftliche Macht angreifen zu köiiuen; dagegen wenden sich die freidenkerischen Sozialisten wegen der sozialen Nothlage nicht speziell gegen die Juden, sondern gegen den Gesellschaftszustand überhaupt." „Die Inden sind im Grunde ein erhaltendes und schaffendes Volk, und darum schädigt der Staat sich selber, wenn er ihre Kräfte lahm legt. Ein Stamm, der den Familiensinn so tiefinnig ausgeprägt hat, ist ein eminent konservativer zu nennen. Muß es uns nicht rühren, daß die Juden, die wir vertrieben haben, noch heute, nach vier Jahrhunderten, unsere Sprache als Muttersprache reden? Sehen Sie, ich bin ein guter Katholik, aber mich hat es stets nnt einem geheimen Schauer erfüllt, wenn ich mir das Martyrium dieses Stammes vor Augen führte. Zeugt es nicht von einer höchsten idealen Kraft, wenn man alle Arten der Demüthigung und Verfolgung über sich ergehen läßt, ohne in seinem Glauben wankend zu werden, mag dieser Glaube begründet oder eingebildet sein? Zeugt es nicht von einer seltenen religiösen Gewalt, wenn nian ohne Verbitterung auf die Peiniger blickt? Muß es nicht unsere Bewunderung erwecken, wenn sie bei halbwegs menschlicher Behandlnng sich gleich wieder der Kulturarbeit zuwenden und sich als Angehörige des Landes betrachten, das ihnen als Vaterland gilt. Die Lebenskraft und die Regsamkeit dieses Stammes, die Vielseitigkeit seines Wesens muß uns in Erstaunen setzen. Während die Mauren ihr Fatalismus bald zur Trägheit verdamnit, sehen wir die Juden mit der Ungunst der Verhältnisse ringen, bis ein neuer Tag ihre latenten Kräfte zur Entfaltung bringt." „Sie bestätigen die Worte unserer Propheten und Weisen." „Ich muß vor allem die Nützlichkeit der Juden betonen, und kein besseres Mittel wüßte ich, um unser Land zu heben, als den Juden wieder den Eintritt bei uns zu gewähren. Allerdings denke ich hier zunächst an die „Spaniolen", deren Rückberufung zugleich eine Sühne wäre für die Schuld, die wir auf uns geladen." *) „Würde sich die Geistlichkeit nicht widersetzen, die es noch heute duldet, daß in der Kathedrale in Toledo ein „Ritualmord" und in der in eine Kirche gewandelten Synagoge in Segovia eine „Hostienschändung" abgebildet ist?" „Wir haben gegen die Geistlichkeit wohl einen großen Kampf zu bestehen, aber keinen für uns aussichtslosen. Die Geistlichkeit ist leider noch immer von dem Wahn befangen, daß den Juden recht geschehen, weil alle die ihnen aufgebürdeten Vergehen begründet wären. Viel schwieriger ist es, sie von diesem Wahn abzubringen, als sie für die Zulassung der Juden zu gewinnen. Man glaubt nicht mehr, daß die Juden als Abkömmlinge des Satans „geschwänzt" seien; wir haben jetzt in unserer Mitte viele Juden, die sich als Ausländer niedergelassen; einige nehmen eine hohe soziale Stellung ein nnd erfreuen sich der allgemeinen Achtung.2) Für meine Reden gegen Manterola') wurden mir ausnahmslos von allen Parteien im ') Auf diese Bemerkung veröffentlichte ich damals in einem Sevillaner Blatte einen Artikel über die „Spaniolen". 2) Als zu Anfang dieses Jahrzehnts der Baron v. Weisweiller in Madrid verschied, feierten ihn die Blätter als einen „Spanier" (A pesar de haber nacido en Frankfort, solo exlame; un espaSol menos!“ ä) Discursos Pariamen tarios de Don Emilio Castelar en la asamblea constituyente, Madrid 1871. Auch in den achtziger Jahren, als die Wogen des Antisemitismus hoch gingen, hat Castelar wiederholt seine Stimme erhoben, um namentlich auch den Antheil der Juden an der Kultur zu zeigen. Kougreffe die aufrichtigsten Beifallsbezeigungen zu Theil. Im Uebrigen vertrauen wir dem Entwickelungsgange der Menschheit, es giebt auch in der Geschichte Zeiten, die Wunder vollbringen." Hier ergriff Castelar meine Hand und ging Arm in Arm mit mir durch die Räume. Bei diesem Gange kam über mich jenes Hochgefühl, das der Psalmist in die Worte kleidet: Die Edlen der Völker nehmen sich des Volkes an, das zu dem Gotte Abrahams schwört. Unser Gespräch war zu Ende, denn es traten jetzt in kurzen Zwischenräumen die Freunde des Hauses ein. Der Kreis wandelte sich in einen „Garten Epikurs", darin der Frohsinn mit dem Ernste der Wahrheit einherschritt. Nach dem Besuche bei Castelar war der Wunsch in mir rege geworden, auch eine der Geistlichkeit nahestehende Persönlichkeit kennen zu lernen. Man wies mich auf Menendez Pelayo, der als das erste Licht des heutigen Spaniens gefeiert wird. Er, der die Historirr äs los bleteroäoxos geschrieben, der von der Wiedereinführung der Inquisition alles Heil erwartet, ihm war kein unliebsames Wort gegen die heutigen Juden entschlüpft, und so fand ich auch bei hem wissenschaftlichen Vertreter des Klerus die Worte Castelars bestätigt, daß nur der alte Wahn unbesiegbar sei, vielleicht nur deshalb, weil man hohen Würdenträgern der Kirche nicht widerstreben will. Das Volk, das in dem Jahre, als es die neue Welt entdeckte, die Mauren und Juden vertrieb, ist nun selber aus der neuen Welt vertrieben worden. Müssen wir darin das Walten einer sittlichen Weltordnung erkennen, so bemächtigt sich unser doch keine Schadenfreude, ja ein gewiffes Mitleid erfüllt uns, und wir rufen uns das Gebot ins Gedächtniß: Verabscheue nicht den Edomiter, denn er ist dein Bruder; verabscheue nicht den Aegypter, denn du warst in seinem Lande. Wir kondoliren Spanien bei dem Verluste eines seiner besten Söhne; im Andenken an Castelar senden wir Jberien die freundlichsten Grüße und Segenswünsche. EUILLETON Are Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. X. M/A^lphons sagte, als das Gespräch noch einmal auf diese An- /jsM gelegenheit kam: „Nein, Mutter, dies war die Eine, die 0° Einzige, das weiß ich. Ich werde nie heirathen. Sieh von heute an in mir bereits einen würdigen alten Hagestolzen!" „Ach, Kind, das meinst Du jetzt. Warten wir ab, was die Zukunft noch bringt." „Nein, Mutter, ich weiß, was ich sage. Das ist aus für immer." Und so war es. Alphons da Silva blieb Junggeselle. Langsam ging die Zeit dahin, ohne eine hervorragende Aenderung zu bringen. Zehn Jahre waren verflossen, seit Regina da Silva das elterliche Haus verlassen, mehr denn sechs, seit Raphael sein junges Weib der Mutter zugeführt hatte. Um Simonette da Silva spielte schon eine ganze kleine Schaar lieblich erblühter Enkel. Wie es häufig vorkommt, war aus der mit Zärtlichkeit so sparsamen Mutter eine geradezu vergötternde Großmutter geworden, der nichts über die munteren Bürschchen und Dirnlein ging, die die I Kleinen in jeder Weise derart verzog, daß Raphael und Alphons