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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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271 Prediger Sturmann - Osterode berichtete hierauf über die letzte Lehrerversammlung in Tilsit. Den Etat pro 1899/1900 brachte Namens des Ausschusses Sekretär Klein-Königsberg zum Bortrag. Der Etat balancirt mit 2225 Mark und wurde mit geringen Aenderungen angenommen. Neu ausgenommen wurde eine Subvention der Erziehungsanstalt Ahlem bei Hannover. Das Stipendium aus der Dr. Bamberger- Stiftung für arme Gemeinden, die einen seminaristisch geprüften Lehrer unterhalten, wurde aus Mangel an geeigneten Bewerbern dem Ausschuß zur eventuellen nachträglichen Verwendung im Sinne des Stifters freigegeben. Bei der folgenden „Erörterung von Gemeindeinteressen" wurden mehrere Steuerfälle erwähnt bei Personen, die aus der Gemeinde oder aus dem Judenthum ausgetreten, deren Frauen aber noch Jüdinnen geblieben sind. Von den anwesenden Rechtsgelehrten wurde auf die Bestimmung bezüglich solcher Fälle hingewiesen, wo Personen christlichen Glaubens, die mit Frauen anderer christlicher Konfessionen verheirathet sind, die Steuern zur Hälfte an beide Kirchengemeinden zahlen müssen. Es wurde angeregt, durch gerichtlichen Beschluß feststellen zu lassen, ob diese Bestimmungen auch auf Eheverhältnisse Anwendung finden, wo der eine Theil Jude, der andere Christ ist. — Landgerichtsrath Halle- Allenstein empfahl den Gemeinden ferner eine Revision ihrer Gemeindestatuten nach den hierfür geltenden neueren Bestimmungen. — Dr. Kamnitzer brachte in Anregung, für den Verband die Rechte einer juristischen Person zu erlangen. — Herr David-Bischofsburg empfahl eine regelmäßige und fortlaufende Kontrole über die Schächter der ostpreußischen Gemeinden. — Herr Grumach-Wartenburg beleuchtete die inneren Verhältnisse vieler kleinen Gemeinden, die sich durch den Bau von neuen, prunkvollen Synagogen dauernd schwer belasten und für die Förderung des geistigen Lebens in ihrem Kreise nichts leisten. Den Schluß der Verhandlungen bildete die Wahl der Ausschußmitglieder und des Schiedsgerichts. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren: Stadtrath I. Eichelbaum, H. Elösser- und B. Holz- Insterburg, Rechtsanwalt Cohn-Tilsit, S. Davidsohn-Lyck, E. Jacoby-Rastenburg, D. M. Jaeoby-Bartenstein, I. Hertz-Gerdauen, Stadtrath S. Magnus-Königsberg, N. Lublinski-Johannisburg, I. Sandmann-Lötzen und Rechtsanwalt Schey-Allenstein. Das Schiedsgericht setzt sich zusammen aus den Herren: Rabbiner Dr. Olitzki- Allenstein, Stadtrath Eichelbaum-Insterburg, Rechtsanwalt Schey- Allenstein und als Stellvertreter Jacoby-Rastenburg. Damit war die Tagesordnung erledigt. Um 2% Uhr Nachmittags schloß der Vorsitzende die Versammlung. Es folgte um 3 Uhr ein gemeinsames Mittagessen aller Tbeilnehmer der Versammlung. Den liebenswürdigen Damen Allensteins, die alles mit so viel Geschick und Anmuth geleitet, sei auch an dieser Stelle noch herzlicher Dank ausgesprochen. Für den Verband ostpreußischer Synagogengemeinden möge auch die sechzehnte ordentliche Generalversammlung zu Allenstein dauernd zum Segen gereichen. Gin Besuch bei Gmilio Castelur. Von Dr. M. Levin. (2 giebt nur wenige Länder, in denen die Zeitläufte einen so JQg) geringen Einfluß geübt haben wie in dem „alten romantischen Lande",' das sich von den Säulen des Herkules dis zu den Pyrenäen erstreckt. Die Gegensätze, die. sich dem Reisenden überall bieten, dürfen ihn in dieser Wahrnehmung nicht beirren; ob ihm aus der Alhambra die ritterliche Lebenslust zurauscht und cut§ dem Eskurial eine unheimliche Menschenscheu entgegenstarrt; ob ihn in Sevilla der farbenstrahlende Alkazar anmuthig anzieht und in Toledo die gewaltige Schloßveste zurückdrängt — Spanien ist wohl das Land der Gegensätze, gleichwohl ist es noch heute das Land der Romantik. Die Verödung des Landes und der Rückstand in der Kultur vermochten nicht den romantischen Sinn zu zerstreuen; die Don Quixotes und die ihnen folgenden Sancho Pausas sind geblieben; man kämpft mit Windmühlen und zaubert Luftschlösser vor sich hin; das „Land des Weins und der Gesänge", der Volksspiele und Volkstänze, das Land, darin man noch heute ruft: pany toros! (Brod und Stierkämpfe), dieses Land wird trotz des Verfalles noch immer als „das beste Land der Welt" gerühmt. Selbst bie Autos de fe werden mit romantischer Poesie umwoben, und wenn die Kultur sich selbst auf den Don Juan und den Figaro erstreckt hat, der Geist Torquemadas ist geblieben. Was zog mich nach Jberien hin? Es war nicht die Sehnsucht nach der „blauen Blume", nicht nach dem romantischen Zauber, der das Land einhüllt — Jberien war für mich ein heiliger Boden, weil auf ihm ein Maimonides und Jbn Esra. ein Gabirol und Juda Halevi gewandelt sind. Allenfalls war es noch das Verlangen, an Ort und Stelle zu beobachten, ob und welche Wandlungen sich im Volke seit 1492 vollzogen haben?) Das erste Haus, in welchem mir ein freier Hauch entgegenwehte, war das Haus des Professors Machado in Sevilla. Hier wurde mir klar, warum der jüdische Volksgeist sich in Spanien so heimisch fühlen konnte; so lange die Spanier nicht von den Flammen des Fanatismus entzündet worden waren, mußten sie als Ritter des Menschenthums erscheinen. Von Machado und seinem Sohne, dem Litterarhistoriker Antonio, mit Empfehlungsschreiben versehen, begab ich mich nach Madrid. Die Persönlichkeiten, die ich dort aufsuchte: Echegaray, Perez Galdüs, Einer, brachten mich dem spanischen Volke immer näher. Aber mein ganzes Herz sollte erst in der Nähe Emilio Eastelars aufgehen. Bei meinem ersten Besuche traf ich ihn nicht zu Hause. Noch an demselben Tage machte er mir einen Gegenbesuch und hinterließ mir, da auch ich nicht anwesend war, eine Einladung zu einer Abendgesellschaft. Ich hatte mich wohl etwas zu früh eingefunden, denn ich mußte eine gute Weile allein bleiben. Dadurch hatte ich aber Gelegenheit, auf die Einrichtung mein Augenmerk zu richten; es schien, als ob hier die platonischen Ideale einen Ausdruck finden sollten. So war ich in die rechte Stimmung versetzt, als aus einem Nebenzimmer die mittelgroße Gestalt Eastelars eintrat. Ein kindlich freundliches Gesicht, dem man den stürmischen Volkstribunen nicht ansah, hieß mich willkommen. „Sie sind aus Deutschland?" „Zu dienen." „Das Land könnten wir uns in mancher Beziehung zum Muster nehmen, wenn wir weiterkommen wollten." „Arbeit ist bei uns das erste Gebot." „Aber sagen Sie mir, wie war es möglich, daß gerade in dem Lande der Denker und der allgemeinen Bildung eine solche Bewegung wie der Antisemitismus erstehen konnte?" „Das nach dem Kriege neu erwachte Nationalgefühl artete bei Vielen in Chauvinismus aus, und so wurde die Rassenfrage erzeugt, die man Antisemitismus nennt. „Haben denn nicht in dem Kriege auch Juden mitgefochten?" „Allerdings, und zwar als gute Deutsche." Sehen Sie, in unseren Adern rollt germanisches, maurisches und jüdisches Blut, trotzdem können wir von einer spanischen Nation sprechen. Ich gehe noch weiter, ich verlange nicht einmal die Vermischung des Blutes, mir genügt schon das völlige Aufgehen im Staats- und Volksleben, in Sprache und Sitten." „Das Volk im Allgemeinen ist in der That bei uns dem Antisemitismus abgeneigt, es sind nur gewiffe Stände, bei denen die Rafsenfrage zu einer nationalen Sache gemacht wird." 9 S. m. Jberia, ein Buch der Erinnerung an das Jahr 1492.

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