Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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270 souveränes Verhältniß zu seiner Religion annimmt, will sich damit nur vom Kirchenthum losgesagt haben. Umsomehr aber nimmt er das wahre, das echte Christenthum für sich in Anspruch, das er sich in einem ursprünglichen Christenthum, in einer Lehre Jesu konstruirt. Dieses Christenthum enthalte die wahre Sittlichkeit. Und so ist die wahre Sittlichkeit wieder nur das wahre Christenthum. Der Jude aber, der in seiner Person oder in seinen Kindern das Judenthuni verläßt, erkennt damit die verhängnißvolle Unwahrheit an: daß bent Judenthum die wahre Sittlichkeit fehle. Das ist die große Unwahrheit, welche alle Zeit für die Judenverfolgungen den moralischen Hintergrund gebildet oder den politischen Vorwand abgegeben hat. Man taffe sich nicht durch den sogenannten Rassenhaß täuschen. Der ist selbst nur wieder ein Vorwand für den Religionshaß. Er ist der verschämte Ausdruck, der das nationale Zeitalter vom Mittelalter der Glaubenskriege unterscheiden soll. In dieser Schaan wenigstens wird jene Unwahrheit gefühlt. Und so ist und bleibt sie der tiefste Grund für die Behinderung der Humanität in der gesammten Geschichte des christlichen Weltalters. Und deshalb ist der Abfall unter uns die schmerzlichste Kränkung, die wir in diesen Zeitläuften erleiden müssen. Möge die Theilnahme, welche die ganze sittliche, von dem Religionshaß nicht verderbte Welt in einer so anhaltenden Spannung der Gemüther dem Manne auf der Teufelsinsel geschenkt hat, auch die Treuen unter uns mit der Hoffnung trösten: der alte Gott, der Erlöser Israels, der Hüter Israels, er schläft und schlummert nicht. Unser Gott, der Gott unserer Väter, ist der Gott der Propheten, welche die erhabenste, die umfassendste Sittlichkeit der Welt geschaffen haben: die Sittlichkeit der Weltgeschichte, die Sittlichkeit der Menschheit, die Sittlichkeit einer Weltreligion, die Sittlichkeit der Erlösung. Verband der Kynagogengemeinden Ostpreußens. f er Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens hielt am 23. d. Mts. seine sechzehnte ordentliche Generalversammlung in Allenstein ab. Am Vorabend fand eine gemeinsame Sitzung des Verbandsausschusses und der Schulinspektion statt, in welcher die internen Angelegenheiten, im Besonderen auch die Berichte der Schulinspizienten des Verbandes, eingehend vorberathen wurden. Die Generalversammlung eröffnete der Verbandsvorsitzende, Stadtrath Isaak Eichelbaum-Jnsterburg. Es waren außer einer großen Zahl persönlicher Mitglieder und Freunde des Verbandes 24 Vertreter von 18 Verbandsgemeinden erschienen, welche Herr Dr. Kamnitzer-Allenstein Namens der Allensteiner Gemeinde begrüßte. Das Bureau wurde durch Wahl zusammengesetzt aus den Herren Stadtrath Eichelbaum, Vorsitzender, Rechtsanwalt Schey-Allenstein, Stellvertreter, Waisenhaus-Inspektor Peritz-Königsberg, Schriftführer, Landgerichtsrath Halle- und Dr. Kamnitzer-Allenstein sowie Elösser-Jnsterburg, Beisitzer. Herr Stadlrath Eichelbaum-Jnsterburg erstattete hierauf den Jahresbericht: Die Erfolge des Verbandes nach außen, in der Anerkennung seiner Bedeutung für das Gesammtwohl der jüdischen Gemeinschaft in der Provinz und in der Nachahmung seiner Organisation durch andere deutsche Landesbezirke, bieten ein ungetrübtes, befriedigendes Bildseiner Thätigkeit. Weniger befriedigend sei die Wirksamkeit im Inneren, wo der Verband noch vielfach vergebens gegen die Indolenz der Gemeinden anzukämpfen habe. Seine Macht reiche eben nur bis zur Schwelle des Gemeindehauses; hier walte und regiere der Vorstand einer jeden Gemeinde selbständig und könne nach eigenem Gutdünken beschließen, ob er, wie er sich der Interessen seiner engeren Gemeinschaft annehmen wolle. Diese unbeschränkte Freiheit der Gemeinde, die uns einerseits den Frieden in der größeren Vereinigung fichere, habe aber andererseits die gewissenhafte Pflichterfüllung der Vorstände in Verfolg der Förderung der ihnen anvertrauten Gemeindeintereffen zur Voraussetzung. Leider zeige sich, daß gar viele Vorstände das vom Gesetzgeber in sie gesetzte Vertrauen täuschen, indem sie sich um ihre Gemeinde gar nicht oder in ungenügendem Maße kümmern oder ihre Macht in einseitigem Sinne mißbrauchen, indem sie bei ihren Maßnahmen nicht sowohl die Rücksichten auf die Gesammtgemeinde, sondern vielfach ihre persönlichen Anschauungen bestimmend sein lassen. Ein Jeder, der an solch verantwortungsvoller Stelle stehe, möge dafür sorgen, daß die Zukunft seiner Gemeinde ihm nicht dereinst zum Ankläger werde. Der Verband hat sich auch im vergangenen Jahre vornehmlich die Pflege des Religionsunterrichts zur Aufgabe gemacht. Es sind 27 Religionsschulen der Provinz inspizirt worden. Der Verband hat ferner 7 Gemeinden sowie eine große Zahl von jüdischen Wohlthätigkeits- und Wohlfahrts-. Instituten der Provinz und des Reiches unterstützt, in einzelnen Fällen auch Mittel aufgewendet, um Kindern auf dem Lande die Möglichkeit des Religionsunterrichts zu schaffen, und endlich auch an junge Leute aus Ostpreußen, die sich dem Lehrerstande widmen, zu ihrer Ausbildung Stipendien gewährt. Das alles sei ein erfreulicher Erfolg der Wirksamkeit des Verbandes, doch könnte bei allgemeinerem Interesse sowie bei ausgiebigerer materieller Unterstützung desselben noch viel mehr geschehen. Ein Jeder möge nach seiner Kraft dazu helfen, daß sich die Segenswirkungen des Verbandes von Jahr zu Jahr mehren. Den Kassenbericht erstattete in Vertretung des behinderten Kassenkurators des Verbandes Sekretär Klein-Königsberg. Die Einnahmen des Jahres 1898/99 beliefen sich insgesammt auf 2311,50 Mk., die Gesammtausgaben auf 2117,50 Mk., das Verbandsvermögen ist dadurch von 12048 auf 12242 Mk. angewachsen. Zur Unterstützung von Berbandsgemeinden wurden im letzten Jahre aufgewendet 675 Mk., für Schulzwecke 540 Mk., zur Subvention von jüdischen Wohlthätigkeits- und Wohlfahrtsinstituten 310 Mk. Die Generalversammlung wählte die Herren Wittenberg und Jacobus-Osterode zu Kassenrevisoren, auf deren Antrag dem Ausschüsse später Decharge ertheilt wurde. Das Referat über den wichtigsten Punkt der Tagesordnung, nämlich über die Gründung einer eigenen Bersorgungskasse für die jüdischen Lehrer Ostpreußens bezw. über den Anschluß an die umzuwandelnde Hilfskasse zu Danzig, erstattete Rechtsanwalt Schey-Allenstein. Redner gab zunächst ein kurzes, zusammenfassendes Bild der ursprünglich beabsichtigten und im Prinzip bereits von der vorigen Generalversammlung beschlossenen eigenen Pensionskasse für Ostpreußen, berichtete dann von den Verhandlungen, welche zwischen dem Vertreter der Lehrerschaft Ostpreußens, Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg, und dem Vorstande der Hilfskasse zu Danzig behufs Ausgestaltung und Erweiterung dieser bereits bestehenden Kasse geführt wurden, und gab schließlich der Generalversammlung anheim, an dem alten Projekt einer eigenen Kasse festzuhalten oder sich für den ferneren Anschluß an die Hilfskasse zu Danzig auszusprechen. Nach einer ausgedehnten Debatte darüber wurde eine von den Herren Klein und Peritz eingebrachte Resolution einstimmig angenommen, wonach die Gründung einer eigenen Pensionskasse nach dem Entwurf derKommission vorgenommen werden sollte, sofern die eingeleiteten Verhandlungen mit dem Vorstand der Danziger Hilfskasse nicht binnen sechs Monaten zu einem befriedigenden Abschluß geführt haben. Die Generalversammlung beschloß ferner die Subventionirung dieser Kasse mit 300 Mk. pro Jahr. Bon Herrn Sekretär Klein wurde Namens des Vorstandes der Gemeinde Königsberg gleichfalls eine Subvention von 300 Mark pro Jahr in Aussicht gestellt. Andere Gemeindevertreter sagten ihre persönliche Bemühung für die Unterstützung der neuen Kasse seitens ihrer Gemeinden zu. Ein Antrag des Herrn Elösser-Jnsterburg auf Versuche behufs Selbstversorgung der Beamten von Seiten ihrer Gemeinden nach den Grundsätzen der staatlichen Versorgung wurde als aussichtslos abgelehnt. Es folgte der Bericht der Schulinspektion, erstattet Namens des Ausschusses von Rabbiner Dr Ehrlich-Tilsit, mit lheils erfreulichen, theils betrübenden Bildern. Auf Antrag des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein- Königsberg wurde die Abhaltung von häufigeren gemeinsamen Sitzungen der Schulinspizienten beschlossen, desgleichen wurde der Antrag des Herrn Dr. Kamnitzer-Allenstein angenommen, eine gemischte Kommission von Schulmännern und Gemeindevertretern mit der Revision des Lehrplans für Ostpreußen zum Religions-Schulunterricht zu beauftragen. In diese Kommission wurden als Vertreter der Gemeinden gewählt: die Herren Stadtrath Eichelbaum - Insterburg, Jacoby - Osterode, Dr. Kamnitzer-Allenstein und Lubinski-Johannisburg.