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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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269 wir in dem Schicksal jenes Mannes die speziale Vorsehung, die den Einzelnen zu dem hohen Berufe erhebt, für die Gesammtheit zu leiden. Er hat für den Erlöser Israels gelitten. Und seine Biographie bildet fortan ein wichtiges Blatt in der neueren Geschichte der Juden. Daher ist uns eine Ehrenpflicht diesem Glaubensgenossen gegenüber erstanden. Seine Befreiung sollen wir als eine Erlösung feiern. Er hat in seinem mit unermüdeter Geduld ertragenen schwersten und härtesten Leiden „das Joch des Himmelreiches" auf sich genommen, und er hat für die „Heiligung des göttlichen Namens" geduldet und gelitten. Er hat sich als ein echter „Knecht Gottes" erwiesen, als „ein Mann der Schmerzen, verachtet und verlassen von den Menschen... durch Drangsal und Strafgericht ward er hingenommen, aber fein Zeitalter, wer bedachte es, daß er geriflen ward aus dem Lande der Lebendigen ob der Missethat meines Volkes, als Strafe für sie?" Der Prophet tadelt das Zeitalter. Machen wir uns nicht deflelben Vorwurfs schuldig. Seien wir zunächst dankbar gegen die christlichen Männer beider Bekenntnisse, welche im Sinne der Erlösung die Befreiung des Unschuldigen erkämpft haben. Wenn es auch nicht ausdrücklich ausgesprochen wird von allen Seiten, so läßt die Gegnerschaft, die nachgerade einen pathologischen Eharakter angenommen zu haben scheint, und in der That eine Volkskrankheit, wie im Mittelalter, einheimisch und andauernd machen möchte, der kirchenpolitische Charakter dieser Gegnerschaft läßt keinen Zweifel darüber, daß die Intervention für Dreyfus zugleich eine energische und entschiedene Förderung der Gewiffensfreiheit und der religiösen Toleranz ist. Insbesondere geziemt es uns auch, der geheimen, aber gewiß am entscheidendsten wirkungsvollen Bemühungen dankbar zu gedenken, die unsere Regierung fortgesetzt dieser schwierigen Sache zugewendet hat. So haben wir vieles dem „Zeitalter" zu danken, und Jesaja würde dasselbe nicht durchaus nur tadeln müssen. Jndeffen schlimm stände es um uns, wenn wir nur auf die Toleranz angewiesen wären. Die Familie unseres Glaubensgenossen hat sich als eine edle Familie in Israel bewiesen, in der nicht allein zärtliche Liebe zum Gatten. Sohn und Bruder, wie es Sitte ist in Israel, waltet, sondern die auch die Ehre hoch hält, höher als alle Lebensgüter und als das Leben selbst. Auch dieser Familie sind wir für die unter den denkbar schwierigsten Vcrhältniffen durchgeführte Bewährung des altjüdischen Familiensinnes zum innigsten Ehrendauk verpflichtet. Aber wir können denselben nicht anders und nicht besser erstatten, als indem wir die Befreiung ihres Bruders und die Wiederherstellung seiner getödteten Ehre im Geiste der Erlösung auffasien und zu Herzen nehmen. Das ist der geschichtliche Sinn jener Affäre: daß die Verunglimpfung unseres Glaubens und die Rechtsverkürzung eines seiner Bekenner zur Erschütterung der Grundsäulen des modernen Staatswesens geführt hat, zur Verhöhnung und Vernichtung der Gerechtigkeit. Das ist das große historische Schauspiel, welches dieser Märtyrer unseres Glaubens dem „Zeitalter" der modernen Welt in seinem Schicksal geliefert hat: daß der Judenhaß nicht nur die Aufhebung der Humanität bedeutet, sondern schlechterdings den Verfall in die Barbarei. Denn die Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten. Aber der Geist der Erlösung, in dem wir das Ende dieser Sache fassen, fordert eine noch genauere Bestimmung über das Verhältniß des Zeitalters zu ihr. Es ist nicht damit abgethan, daß man aus dem Gesichtspunkt der Toleranz und der sogenannten Humanität die Verfolgung des Juden verwirft. Es ist aber auch nicht genug, daß man aus einer religiösen Auffassung, nach welcher das Christenthum allein und vornehmlich die Religion der Liebe sei, die Verfolgung Andersgläubiger ablehnt. In diesem Anspruch eben steckt schon der Keim des Menschenhasses. Wir denken, wir fühlen, wir erhoffen die Erlösung in dem tieferen Sinne, daß sie zugleich eine Versöhnung mit unserer Religion einschließt: die den Gott der Liebe offenbart hat, sehr lehrreicherweise in dem Moniente dem Mose offenbart. hat, als dieser die zweiten Tafeln schrieb. Die sogenannten dreizehn Eigenschaften Gottes, in dem Begriff der Liebe znsammengefaßt, sind somit gleichsam der andere Ausdruck für den Inhalt der zehn Gebote. Daher erhoffen wir die Erlösung in dem geschichtlichen Sinne, daß auch unsere Religion als eine Religion der Liebe, oder sagen wir es weniger mißverständlich, als eine Religion der Sittlichkeit anerkannt werde. So lange diese Erkenntniß. diese einfache geschichtliche Einsicht nicht in den allgemeinen Bildungsschatz der modernen Völker eingegangen ist, so lange wuchert die Saat des Judenhasses in den gläubigsten Gemüthern. Und da die Religion allezeit Politik gewesen, so werden politische Konjunkturen auch in der Folgezeit es zweckdienlich erscheinen lassen, an einem Juden wieder einmal das Exempel bloß zu stellen: daß dem Judenthum die Elemente der Sittlichkeit fehlen; daher sei Trug und Verrath dem Juden zuzutrauen, und die Liebe zu Hcimath und Vaterland ihm abzustreiten. In der Weltgeschichte werden die Lehren des Fortschritts nicht in Sentenzen ausgesprochen. Die Fabel des weltgeschichtlichen Prozesses lehrt aber, wenngleich nicht ausgesprochen deutlich, so doch nicht minder eindringlich. Und wenn jetzt unserem Glaubensgenossen seine Ehre wieder zuerkannt wird, so geht durch die ganze Welt das dunkle, aber machtvolle Bewußtsein: daß die Sittlichkeit des Judenthums allen Teufeln zum Trotz wieder anerkannt werden mußte. Aber auch in der Noth und Drangsal unserer eigenen Glaubensgenoffenschaft soll uns die Befreiung zur Erlösung werden. Was ist denn der tiefste Grund unseres Schmerzes und unserer Empörung über den Abfall, der in diesen traurigen Zeiten in unseren eigenen Reihen möglich geworden ist? Viele nehmen an diesem Schmerz und dieser Empörung wenigstens in dem Gefühl der Verlegenheit, der Befremdung und einer halb widerwilligen, stumpfen Ergebung in den gesellschaftlichen Zwang ihren Antheil. Die Religion sei ihnen gleichgiltig. Sie wollen es begreifen können, daß man wenigstens feine Kinder vor künftiger Verfehmung zu schützen sucht. Aber sie selbst thun es nicht und können es auch bei den Anderen, wenngleich nicht durchaus verdammen, so doch auch nicht schlechterdings billigen, noch nobel finden. Was ist denn selbst in dieser schwächlichen, auch politisch feigen Stimmung der Gleichgiltigkeit doch immer noch der Rest eines sittlichen Gefühls, der sie vom Abfall zurückhält? Es ist der Schimmer des Bewußtseins, daß in der Religion des Judenthums die Sittlichkeit des Judenthums und die sittliche Gleichberechtigung seiner Bekenner beschimpft und verschränkt wird. Es ist der sittliche Gedanke der Gemeinschaft, der sie nach ihrer sozialen Lage angehören, und das nicht zu ertödtende Gewissen von der unauslöschlichen Pflicht des Einzelnen gegen diese soziale Gemeinschaft, die in der Mitgliederliste der jüdischen Gemeinde zum sittlich-politischen Ausdruck gelangt. Möge der Fall Dreyfus solchen Schwachmüthigen as Gewissen stärken. Möge er ihnen zum Verständniß und zur Beherzigung bringen, daß der Hauptmann Dreyfus ihr Märtyrer ist. Er wäre dem Gift seiner Ankläger entgangen, wenn er seine Kinder hätte taufen kaffen. Die klerikale Partei hätte dann ihre Hand von der Sache gelassen, und s o w ä r e si e n i chfl e n t st a n d e n. Mögen sie die Bedeutung dieses Rechtsbruches im Sinne der Erlösung sich ins Herz schreiben: als Erlösung unseres Glaubens von dem Verdachte der Unsittlichkeit. Das unterscheidet den Abfall vom Jndenthum von jedem anderen Glaubensübertritt und vollends auch von der Ablehnung einer konfessionellen Religiosität überhaupt. Der Protestant, der ein solches

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