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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-09 · Heft 23 (9.6.1899) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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zogen die Studenten, nachdem sie ihre ihnen von der Gendarmerie abgenommene Fahne wiedererobert hatten, in das Versammlungslokal des Studentenvereins „Solidaritatea" ab, während der sein Berwüstungswerk fortsetzende Pöbel erst durch berittene Gendarmerie auseinandcrgetrieben werden konnte. Doch sammelte er sich wieder in womöglich noch größerer Anzahl in der Nähe des ausschließlich von Juden bewohnten Tirgul Cucului (Kukuksmarkt), wo es zwischen ihm und den zur Räumung des Platzes aufgebotenen drei Kompagnien Fußtruppen zu blutigen Handgemengen kam. Erst um 9 Uhr Abends gelang es der bewaffneten Macht, den volle vier Stunden währenden Berwüstungs- und Plünderungsszenen ein Ende zu machen. Die Spitäler sind voll von Verwundeten, unter denen sich auch ein Hauptmann der Fußgendarmerie und ein Polizeikommissar befinden. Wie verlautet, sollen auch Todesfälle zu verzeichnen sein, ohne daß ich jedoch diese Meldung betreffs ihrer Richtigkeit kontroliren könnte. Die in größter Angst vor einer Wiederholung der Ausschreitungen lebende israelitische Bevölkerung von Jassy hat sich heute drahtlich an den in Piatra weilenden Distriktspräfekten um Verhaftung der studentischen Vertreter der Unruhen und um Bürgschaften für die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums gewendet. König Carol hat heute den Justizminister Disescu zur Berichterstattung über die traurigen Vorfälle in besonderer Audienz empfangen." Auch vou der neuen Regierung haben die rumänischen Juden' wie sich jetzt herausstellt, nichts Gutes zu erwarten. Diese geht »ach Berichten dortiger Blätter mit dem Gedanken um, einen Gesetzentwurf in der Kammer einzubringen, der strenge Maßregeln gegen fremde politische Verbrecher und — gegen Fremde überhaupt enthält. Was der Ausdruck „Fremder" in der krausen Terminologie der antisemitischen Rechtssprache bedeutet, das kann man ans dem heutigen Bericht über den Prozeß Pückler entnehmen. * Jeder Kenner der russischen Verhältnisie weiß, daß das Cheder leider noch immer die eigentliche Schule des russischen Juden ist. Noch immer herrscht dort der Melammed, und noch immer fehlt jegliche Methode im Unterricht. In den 10 Gouvernements, die das Departement von Wilna bilden, hat man 1897/98 das Vorhandensein von 3692 Chedarim mit 50 469 Schülern konstatirt. Im Departement von Kiew schätzte man 1890 die Zahl der Chedarim auf 2885 mit 39 452 Schülern. Diese Schulen entsprechen in keiner Weise den Bedürfnissen des Unterrichts. Das Cheder ist eine Schule der Unwissenheit. Und die Lehrer fordern von ihren Schülern, von denen die meisten den ärmsten Schichten der Bevölkerung angehören, ein höheres Schulgeld als die Direktoren der wirklich guten öffentlichen Schulen. Seit langer Zeit haben die aufgeklärten Inden dafür gekämpft, eine Reform dieses veralteten Systems herbeizuführen; sie hatten die Sympathie des Publikums und die Ermuthigungen von Seiten der Regierung für sich; aber seit 1880 läßt das Interesse der Regierung für den Ackerbau, den Unterricht der Juden nach, und sie scheint wenig geneigt, den Eintritt jüdischer Kinder in die öffentlichen Schulen zu befürworten. Jedenfalls find die Uebelstände so groß, daß selbst die Starrsinnigsten ihre Augen öffnen müssen. Nun soll die Regierung) beschlossen haben, in dem Cheder den obligatorischen Unterricht der russischen Sprache einzuführen. Diese Reform allein würde einen vollständigen Umschwung herbeisühren, und man kann versichert sein, daß sie ungeheure Erfolge erzielen würde. Eine von dem „Dniewnik" veröffentlichte Statistik berichtet, daß im Gouvernement von Suwalki von 11352 jüdischen Kindern 3848 eine Schule besuchten und 7504 keinen Unterricht haben. Im Gouvernement von Siedlze ist es noch schlimmer. Auf 15 000 Kinder kommen nur 2326, die in die Schule gehen, so daß 12 674 sich selbst überlassen bleiben. Das Komische an der recht ernsten Sache aber ist der Umstand, daß die Regierung auch die Absicht haben soll, zu verlangen, daß der Talmudunterricht in den Jeschiboth gleichfalls — in russischer Sprache abgehalten werden soll. Das Bild läßt sich kaum ausmalen. Unsere Ghrenpsticht gegen Areyfns. Bon Prof. Dr. Hermann Cohen. fie Verfolgungen, denen unsere Glaubensgenoffen in allen Jahrhunderten ausgesetzt waren, haben in unserem Gebetbuch in mannigfachen Formen ihren liturgischen Ausdruck gefunden. Besonders ergreifend ist das Gebet an de» beiden Wochentagen, an denen ein Thora-Abschnitt verlesen wird: „Unsere israelitischen Brüder, die in Roth und Gefangenschaft gegeben sind, der Unendliche erbarme sich ihrer, und führe sie heraus aus der Enge in die Freiheit, ans dem Dunkel in das Licht, aus der Vergewaltigung in die Erlösung." Erlösung, das ist der tiefe Ausdruck, mit dem das Gebet abschließt. Die Befreiung soll zur Erlösung führen. Und wie der Ausdruck „er führe sie heraus" an dasselbe Wort im ersten der zehn Gebote erinnert: „derichdich herausgeführt habe aus dem Lande Aegypten", so gemahnt das Wort Erlösung an den Grundbegriff unserer Religion, welche Gott und Gott allein als unfern Erlöser lieben lehrt. Erlöser ist Gott für den Einzelnen, wie für die Gesammtheit. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", sagt Hiob. Und „Erlöser Israels" ist der Ausdruck, mit dem die Propheten den messianischen Gott bezeichnen. Wie wir auf das messianische Zeitalter hoffen, und an den Gott der messianischen Weltgeschichte glauben, so hoffen wir auf Erlösung von der Schmach unseres weltgeschichtlichen Daseins, von der Verkennung und Verleumdung unserer Religion und ihrer glaubenstreuen Bekenner. Als Erlösung denken wir die Erfüllung der Zeit, in der, wie Gott einzig, auch sein Name einzig sein wird. Wir tragen unsere Schmach in dem messianischen Glauben an jene Erlösung, in der die Größe und die Würde unseres weltgeschichtlichen Berufes zti frommer Anerkennung gelangen wird. Die Befreiung unseres Glaubensgenossen Dreyfus soll uns als Erlösung gelten. Und wohl ihm und uns, daß sie als solche gelten darf. Als er nach seiner Verurtheilung in seinen Kerker kam, sagte er dem braven Forzinetti: „Mein Unrecht ist, daß ich als Jude geboren bin." Und in den Tagen, in denen Briffon die Revisions-Verhandlung durchsetzte, war in der Auroremit Namensunterschriftzu lesen: daß das stolze Selbstgefühl, mit dem Dreyfus seinen Peinigern gegenüber sich als Juden bekannte, den Haß gegen ihn bei seinen Richtern besonders gesteigert hätte. Er wollte also nicht blos als Jude geboren sein. Er wollte als Jude kämpfen und leiden. Noch in diesen Tagen hat Cornely im Figaro es ausgesprochen, daß Dreyfus ein Opfer jenes Haffes ist, mit dem die Menge sich hinter den dreieinigen Gott flüchtet. Und auch Mornard, sein Vertheidiger, hat nicht Unterlasten, diesen historisch springenden Punkt in seinem Schlußwort, wenn auch nicht in jener religionspolitischrn Anzüglichkeit, hervorzuheben. Endlich ist Zolas Größe nur aus diesem geschichtlichen Verständniß der Sache und aus dieser wahrhaft religiösen Begeisterung für sie zu verstehen. So ist unser Glaubensgenoffe Dreyfus ein Märtyrer unseres Glaubens geworden. Und ob er in früheren Tagen seiner militärischen Lauf- und Strebebahn dem Geist und den Traditionen seiner Familie nicht immer treu geblieben sein mag, wir wissen es nicht, und es entzieht sich unserem Jntereffe. Sein Schicksal hat ihn zum Märtyrer seines Glaubens bestimmt. Und wie wir in der Weltgeschichte keinen Zufall anerkennen, sondern eine göttliche Weltregieruug, eine Vorsehung, eine sittliche Weltordnung, so verehren

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