Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228334--55531-3291743- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S^W^MGMMMP Q ' . ■ 264 lichen Werth bei. Steinschneider, der viele Handschriften durchstöbert, viele Druckschriften gelesen, viele und dicke Kataloge und in den verschiedensten Zeitschriften eine Unmasse von gelehrten Artikeln veröffentlicht, aber während seines ganzen langen Lebens keine einziges lesbares Buch geschrieben hat, ist von dem einseitigen Standpunkte aus, welchen er in der Wissenschaft einnimmt, überhaupt nicht in der Lage, über eine Persönlichkeit von der Bedeutung Philippsons ein gerechtes Urtheil zu fällen. Der gelehrte Bibliograph kann sich auch von einmal gefaßter Voreingenommenheit nicht frei machen. Wir könnten dem ebenso unberechtigten wie absprechenden Urtheil Steinschneiders viele andere entgegenhalten. So beginnt eine Besprechung der Philippson-Biographie in der „Frankfurter Zeitung" vom 4. September 1898: „Unter den geistig bedeutendsten Männern aus der neueren Geschichte der Juden muß der am 29. Dezember 1889 verstorbene Dr. Ludwig Philippson als einer der ersten, wenn nicht als der erste, genannt werden, und es ist ein verdienstvolles Werk des Biographen Moses Mendelssohns, daß er sich der Aufgabe unterzogen hat, auch den Werdegang dieses tiefgründenden Geistes . . . eingehend zu schildern. ... An der Gestaltung des neueren Judenthums hat Philippson den Hauptantheil, er steht nicht nur vor feinen Glaubensgenossen, sondern vor allen, die an dem Fortschritt der Menschheit nach ihren bescheidenen Kräften Mitarbeiten wollen, als ein leuchtendes Vorbild der Thatkraft, der Unerschrockenheit und unermüdlichen Arbeitsamkeit. Daß diese geistesgewaltige Persönlichkeit in greifbarer Anschaulichkeit uns beim Lesen vor die Seele tritt, ist ein Verdienst des Verfassers. . . Der gelehrte Bibliograph macht dem Verfasser der Biographie besonders zum Borwurf, „daß er um Philippson die Erscheinungen eines halben Jahrhunderts im modernen Judenthum gruppirt"; weiß er denn nicht oder will er es nicht wissen, daß Philippson mit seinem Wirken während eines halben Jahrhunderts mitten in den Bewegungen der Zeit und der Wissenschaft stand? Vor nahezu zehn Jahren schrieb der als vielseitiger Gelehrter und hervorragender Kanzelredner weithin bekannte Dr. AdolfJellinek: „Philippson war die rührigste, thatkräftigste, auf den verschiedenen Gebieten des praktischen und wissenschaftlichen wie des öffentlichen Wirkens hervorragendste Persönlichkeit unter den Männern dieses Jahrhunderts, welche eine segens- und erfolgreiche Thätigkeit für die Juden entfalteten. Von der Natur mit den mannigfachsten Geistesgaben ausgestattet, vereinigte er in sich den Denker, Politiker, Publizisten, Gelehrten, Poeten und Lehrer seiner Glaubensgenossen. In ihm durchdrangen sich Orient und Occident, eine eminent klassische Bildung, die Vertrautheit mit den Griechen und Römern und die Erforschung des biblischen Alterthums. Sein vielseitiger Geist beschäftigte sich mit dem alexandrinischen Tragiker, dem holländischen Philosophen, den erhabenen Gestalten der Bibel, dichtete in Versen und in Prosa, behandelte die Religion Israels in lehrhafter Form, beleuchtete die religiösen Bewegungen innerhalb der Judenheit, die großen Zeitereignisse, insofern sie in irgend einer Beziehung zum Judenthum standen, und seine thatkrästige Hand griff praktisch in die Zeit ein. Das alles darzustellen, erfordert ein starkes Buch. Man müßte, wie dies bei geschichtlichen Persönlichkeiten geschieht, ihn zum Mittelpunkt der Zeit machen, innerhalb welcher er gelebt und gewirkt hat, ein großes Gemälde derselben ausführen und ihn in die Mitte des Gemäldes versetzen." (Die Neuzeit, 30, 12.) Trotz des abfälligen Urtheils Steinschneiders, das der Eine oder Andere, um gelehrt zu sch einen, vielleicht auch nachbetet, wird Philippson, um mit den Worten Jellineks zu schließen, „immer zu den hervorragendsten, unsterblichen Führern, Lehrern und Kämpfern in der Geschichte des Judenthums zählen." B. Z. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Dr.! - ^E^rotzdem auch ich durchaus der Meinung bin, daß es fast kleinlich ist, wegen des einen Wortes in dem Rückert'schen Gedichte „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" ein so großes Zetermordio anzustellen, möchte ich mich doch in Folgendem über die Sache noch kurz äußern. Meiner Ansicht nach kommt man sehr schnell über die ganze Angelegenheit hinweg, wenn man auf den Ursprung des Gedichtchens zurückgeht. Wir würden einem Rückert wahrlich Unrecht thun, wollten wir ihm auf Grund dieses einen Ausdrucks den Vorwurf machen, daß auch er von Vorurtheilen nicht ganz frei war. Meines Wissens erschien das Gedichtchen zuerst mit noch vier anderen gleichen Stils unter dem Titel „Fünf Märlein zum Einschläfern fürs Schwesterlein". Wär's nicht möglich, daß Rückert, während er vielleicht als ganz junger Mensch zuweilen des Abends am Bettchen des Schwesterleins saß, bis dieses eingeschlafen war, die Märlein sozusagen im Erzählen gedichtet hat? — So können wir uns den Ausdruck . geht der Jude ..." sofort und leicht erklären. Es ist eine auch in unseren Tagen noch beliebte, wiewohl nicht zu rechtfertigende Thalsache, Kindern, die nicht alsbald einfchlasen wollen, eine Erscheinung vorzuspiegeln, vor der sie Angst empfinden; damit sie die Augen alsbald zum Schlummer schließen. Ein solcher Furchterreger wird in der Regel als ein Wesen „mit großem Sack und großem Bart" dargestellt. Der „Wanderer" oder „Bettler" hätte wahrscheinlich diesen Eindruck (des Fürchtens) nicht hervorgerufen, wohl aber allerdings der „Räuber"; aber dieser Ausdruck ist für das Kind ein vollständig abstrakter Begriff, wie alles, was es nicht aus der Anschauung kennt. Rückert wollte dem wißbegierigen Schwesterchen im zarten Alter gewiß ein konkretes Beispiel bieten und nannte deshalb den Juden, als mit langem Bart und großem Sack ausgestattet, wie er Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts in den Straßen Schweinfurts (wo Rückert bekanntlich geboren ist) gewiß keine seltene Erscheinung war, möglich auch, daß der so geschilderte Jude damals und in jener Gegend das Schreckgespenst für die Kleinen war, durch das man ste zur Raison brachte, wenn andere Zuchtmittel einmal nicht verfangen wollten. Man hat ja bekanntlich noch heute fast allenthalben solche sogenannte „Fürchtemänner", als z. B. der Schornsteinfeger, der Polizist, der Nachtwächter u. a. Danach dürfte wohl der beregte Ausdruck als ein vollständig harmloser erscheinen, was er gewiß auch ursprünglich sein sollte. Brakel, 19. Mai. Em. Goldschmidt. * Sehr geehrter Herr Redakteur! Su meinem größten Erstaunen fand ich in dem Haupttheil der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes einen Artikel des Herrn Grünewald-Siegen, der sich mit meiner Person beschäftigt. Wenn die Rücksicht auf die Wichtigkeit unserer Sache dies veranlaßt haben sollte, dann muß ich meiner Meinung Ausdruck geben, daß jetzt mit Polemik unserer Sache wahrlich nicht gedient ist. Jetzt ist die Zeit der That gekommen, jetzt gilt es, Beschlüsse zu fassen, die das Werk, von dem die Zukunft des jüdischen Lehrerstandes abhängt, fördern sollen. Wenn der Herr Kollege Grünewald wahrhaftes Interesse für unseren Stand hat, dann muß er sich dasselbe sagen. Zudem weiß ich überhaupt nicht, was Herr Grünewald will. Ich habe auch keine Veranlassung, dies näher zu untersuchen. Eine Logik, die auf der einen Seite zugie.bt, was sie auf der anderen bestreitet, geht über mein Begriffsvermögen hinaus. Fünf Monate nach Veröffentlichung meiner Arbeit kommt nun diese Polemik gegen mich, ohne daß mir, selbst wenn ich es gewollt hätte, Zeit zur Vertheidigung vor der vorläufigen Entscheidung unserer Angelegenheit in den Einzelvereinen gelassen wäre. Der Sache, der ich diene, glaubte ich, unbeschadet meines eben bezeichneten Standpunktes, schuldig zu sein, mich dagegen zu verwahren. Ich habe darum ein Schreiben an den Vorsitzenden der Konferenz der Lehrer Rheinlands und Westfalens, Herrn Hauptlehrer Graf in Essen, mit der Bitte um Bekanntgabe in der Versammlung gerichtet. Hamburg, 21. Mai. Ihr ergebener Jos. Feiner. * Geehrter Herr Dr.! c^n Nr. 21 ist eine sehr störende „Versetzung". S. 247, Kolumne II: Auch zieht das Gesetz bis S. 248 Kolumne I Ende — gehört zu Seite 246, Kolumne I vor: „In Judäa tobte der Kampf" re. Hochachtungsvoll Lew in. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.