Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228334--55530-3291742- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I WWW WWW WWWWWWWWMWMWWWMNS« - 263' - pekuniäre Erwägungen beeinflussen zu lassen gebraucht. Und so sah sie die wachsende Neigung der Beiden mit inniger Freüde. Dann aber war plötzlich alles zu Ende. Adele kam nicht wieder und sandte Madame da Silva vor dem Antritt einer größeren Reise einige abschiednehmende Zeilen, deren höfliche Kälte seltsam gegen den warmen Herzenston, der zwischen ihnen geherrscht hatte, abstach. Alphons aber ging umher mit einem Gesicht und einem Gebaren von wahrhaft eherner Undurchdringlichkeit. Er war der Sohn seiner Mutter. Keine Bewegung, kein Wort ließen errathen, ob und wie sehr er litt. Nur sein verfallenes Aussehen und seine Schweigsamkeit wiesen darauf hin, daß er bis in den innersten Kern seines Seins getroffen war. Seine Mutter belästigte ihn zuerst nicht durch Fragen, von der Hoffnung beseelt, er werde sich schließlich aus eigener Initiative die Seele durch eine Aussprache mit ihr erleichtern. Als aber Woche auf Woche verstrich, ohne daß solches geschah, da ertrug sie eines Abends den Anblick seiner stummen Qual nicht länger. Wie zufällig brachte sie Adelens Namen ins Gespräch. Er fuhr zusammen und gab keine Antwort. Da erhob sie sich, trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. „Was ist, mein Junge?" Er ergriff ihre Hand und lehnte einen Augenblick müde seine Stirn dagegen. „Es ist nichts, Mutter," sagte er tonlos in seiner kurzen, knappen Art. „Alphons, Alphons, habe ich Dich richtig verstanden?" Er nickte stumm. „Mein Gott, weshalb denn?" fuhr sie erschreckt fort, sie schien Dir doch so herzlich zugethan zu sein! So hat sie einfach mit Dir gespielt, in müßigem Zeitvertreib? Das hätte ich von ihr nicht erwartet, gerade von ihr nicht." Er war aufgestanden und während ihrer Rede langsam in schwerem inneren Kampf auf- und niedergeschritten. Jetzt blieb er stehen. „Nein, Mutter," sagte er ernst, „den Vorwurf frivolen Tändelns darf ich nicht auf ihr sitzen lassen. Sie ist ein Prachtwesen, grundehrlich, an ihr ist alles aus einem Stück. Gerade mit uns hat sie im Charakter manche Aehnlichkeit, wir am ersten sollten sie in ihrer strengen Unentivegtheit verstehen, wenn wir auch am meisten darunter zu leiden haben. Denn auch sie hat ihre festen Ansichten-" Sie war leichenblaß geworden. „So!" sagte sie langsam, „also das ist's!" Er trat wieder auf sie zu. Mit Gefühlsdemonstrationen pflegte er im Allgemeinen karg zu sein; jetzt aber streichelte er liebkosend ihre Hand und behielt sie daun in der seinen. „Du wirst keiner weiteren Erklärung mehr bedürfen. Laß es gut sein, Mutter, viel Reden hilft dabei nichts. Ich werde es schon überwinden. Adele hat mir offen und ehrlich erklärt, freisinnig, wie sie erzogen ist, würde es ihr unmöglich sein, sich in den Zwang orthodoxester Satzungen zurückzubegeben. „Dann hat sie Dich nicht wahrhaft geliebt, wenn sie Dir nicht die geringste ihrer Ueberzeugungen zum Opfer bringen kann. Jede Frau, die ihren Mann wirklich gern hat, wird sich ihm in solchen Sachen fügen." Er sah sie in all seinem Leid eindringlich an. „Das sagst Du, Mutter? Und dabei verlangtest Du, daß —, doch davon ein anderes Mal. Um mit diesem Thema ein für allemal abzuschließen, Adele hat mir geradeheraus gesagt, sie wäre, beider Zuneigung, die sie für mich, für uns alle empfände, wohl ini Stande, gewisse Konzessionen zu machen. Ein thatsächliches Beobachten aller Vorschriften, eine wirkliche Rückkehr, mit anderen Worten, sei für sie i aber geradezu undenkbar. Und sie stelle uns alle zu hoch, um uns in dieser Hinsicht blauen Dunst vorzumachen. Im günstigste» Falle! würde in unserer Ehe solch widerwilliges Sichfügen, solch halbes Versuchen herrschen wie bei Raphael und Ina. Dafür jedoch sei ich ihr sowohl als auch sie sich selbst zu gut." Sie hatte den letzten Satz überhört. „Wie bei Raphael und Ina?" wiederholte sie betroffen. „Was heißt das?" Allerhand in ihres ältesten Sohnes Haushalt flüchtig Gesehenes, wie anr Sonnabend beschickte Arbeiten, Uebertretungen der Speisegesetze, tauchte in ihrem Gedächtniß auf. Erst vor Kurzem hatte sie die Schwiegertochter mit einer Handarbeit beschäftigt angetroffen, die diese auf ihr mahnendes: „Ina, es ist Sonnabend!" mit einer gemurmelten Ausflucht schnell und verlegen bei Seite gelegt hatte. Alphons hätte sich am liebsten wegen seiner unbedachten Aeußernng selbst strafen mögen. „Was Raphael und Ina thu», kümmert uns nicht!" versetzte er kurz. „Sei gerecht, Mutter; Ina thut viel mehr, als Adele je gethan haben würde. Diese ist älter als Jene, hat, wie gesagt, ihre bestimmten Grundsätze, und kurz und gut, es geht nicht!" Die Frau stand in hartem Kampf mit sich selbst. Zweimal setzte sie zum Sprechen an, ohne die versagende Stiinme zum Gehorchen zu bringen. „Und Du meinst," — begann sie schließlich heiser, „wenn ich", — sie brach ab, „nein, ich vermag'S nicht." Wieder fiel er ihr in die Rede. „Du sollst auch nicht, Mutter. Ich halte Dir mein Versprechen. Vielleicht hast Du Recht, die währe Liebe hat sie doch wohl nicht für mich gefühlt. Aber darauf kommt es im Augenblick nicht an. Ich, ich habe sie unbeschreiblich lieb gehabt." Die letzten Worte waren fast unhörbar gewesen. Er warf sich auf einen Sessel und legte den Kopf auf die verschränkten Arme. Sie eilte zu ihm und strich zärtlich über sein Haar. „Alphons, mein Junge, mein armer, lieber Junge!" Es war, als sei er wieder der kleine Knabe geworden, der bei der schönen, stolzen Mutter Trost für jegliches Leid und Weh zu finden gewußt hatte, so fest schmiegte er den dunklen Kopf in ihren Arm. Dann richtete er sich straff empor. „Nun ist's genug, Mutter; es ist vorbei. Wir werden nie mehr davon sprechen, nicht wahr?" Sie hatte ihr innerliches Gleichgewicht noch nicht ganz wieder. „Mein liebes Kind, wer weiß, ich hoffe, Du wirst eine Andere finden, die Dich all dies Herzeleid vergeffen macht." (Forts, folgt.) Fitterarische Mitteilungen.1 Das im vorigen Jahre erschienene Buch,Kayserlings „Ludwig Philippson. Eine Biographie" (Leipzig, H. Mendelssohn), hat in einer der jüngsten Nummern der „Deutschen Literaturzeitung" eine Besprechung gefunden, welche „Moritz Steinschneider" unterzeichnet ist. Es ist das weniger eine Besprechung des Buches selbst, als der Ausdruck eines langgenährten Hasses, ein ungerechtes Urtheil über Philippson, und erinnert sehr lebhaft an die Behauptung des bekannten Geschichtsschreibers, „daß die Juden mit der äußersten Rücksichtslostgkeit sich selbst verspotten und herabsetzen". Wir legen, offen gestanden, den Expeetorationen Steinschneiders nach dieser Richtung hin keinen sonder- *) Die — hoffentlich nur platonische — Abneigung Steinschneiders gegen die „Allgemeine Zeitung des Iudenthums", die Litleraturvereme und auch gegen die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums war un» seit langer Zeit bekannt. Aber wir legten ihr trotz der höchsten Achtung vor der immensen Gelehrsamkeit des großen Bibliographen kerne Bedeutung ber. Aber wo es sich um die Abwehr eines persönlichen Angriffes auf den unvergeßlichen Begründer unseres Blattes handelt, da glaubten nur nicht schwelgen zu dürfen, obwohl wir sonst jede persönliche Polemik vermelden. Dies rst der Anlaß zu dem obigen, uns ans hochachtbarer Quelle zukommenden Artikel. Die Red.