Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
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- 260 -- zu, daß die Räume unzureichend sind für die Zahl von durchschnittlich 160 Kranken und etwa noch 70 Angestellten, zusammen für 230 Personen. Gewiß ist der Garten zu klein, sind die WirthschaftSräume zu eng, die Räume zur Unterbringung des Personals zu ungenügend, es wird alles zugegeben, nur das Bedürfniß für eine Aenderung wird seltsamerweise nicht anerkannt, als ob nicht auch die Zahl der Juden in Berlin, und der armen Juden insbesondere. sich in dem langen Zeitraum mehr als verdoppelt hätte! Aber, so wird gesagt, für diejenigen unbemittelten Mitglieder unserer Gemeinde, welche auf rituelle Kost noch Werth legen, habt Ihr ja Platz in Hülle und Fülle; Personen, welche die Kosten zu zahlen im Stande sind, solche, die Euch von Krankenkaffen zugesandt werden, Dienstpersonal wohlhabender Glaubensgenoffen, ja selbst Andersgläubige bei Euch aufzunehmen und noch dazu für den üblichen Satz von zwei Mark pro Tag, welcher weit unter den Selbstkosten ist, dazu liegt ein Anlaß nicht vor, und so drängt sich uns die Frage auf, wie weit haben wir in heutiger Zeit dasBedürfniß für ein jüdisches Krankenhaus anzuerkennen? In erster Reihe muß gesagt werden, daß wir ein öffentliches, ein allgemeines Krankenhaus haben wollen, welches, für unsere Glaubensgenoflen aller Stände bestimmt, mit den Anstalten anderer Konfessionen zu konkurriren im Stande ist; gewiß soll die rituelle Verpflegung der Anstalt das Hauptzeichen eines jüdischen Instituts geben, auch sollen jüdische Beamte den Beistand der Erkrankten bilden, auch soll das jüdische Haus durch eine Haussynagoge sein Gepräge erhalten, auch möglichst jüdische Aerzte und jüdisches Pflegepersonal sollen daselbst thätig sein; — aber es hieße doch, uns in die Zeiten des Ghetto zurückversetzen, wollte man sich auf einen Standpunkt stellen wie denjenigen, welcher oben schon angedeutet worden ist. Nur diejenigen Kranken aufnehmen, welche der rituellen Verpflegung wegen das Krankenhaus aufsuchen, bemittelte jüdische Patienten zurückweisen, weil sie auch anderwärts Aufnahme finden können, jeden Andersgläubigen rücksichtslos abweisen, das würde das Krankenhaus der größten Gemeinde Deutschlands zu einem jüdischen Armen-Krankenhaus degradiren, an welchem zu wirken weder Vorstand noch Aerzte eine Befriedigung finden würden. Wenn ein Kranker, vielleicht ein dem Tode naher, den Wunsch hat, sein Leiden in dem jüdischen Krankenhause geheilt zu sehen, unter Glaubensgenoffen zu leben und, wenn es sein muß, zu sterben, so würde, diesen Wunsch ablehnen, als eine durchaus unjüdische Handlung zu betrachten sein. Jedem Hilfesuchenden die Hilfe möglichst gewähren, besonders dem Kranken, erscheint uns als das erste Erforderniß jüdischer Humanität. Also nicht in kleinlich ängstlicher Beschränkung — nein, in der höchsten Auffassung dieser Verhältniffe ist die Frage zu beantworten, ob das Bedürfniß für ein großes, den heutigen Ansprüchen genügendes jüdisches Krankenhaus bejaht werden soll. Wir wollen kein Armenhaus; die Anstalt soll ihren Segen allen jüdischen Mitbürgern zu Theil werden kaffen, dem Armen wie dem Reichen, dem Handwerker, Kaufmann und Gelehrten und, soweit es möglich, auch Andersgläubigen die Hilfe nicht versagen. Wollen wir anders handeln, soll unser Krankenhaus ausgeschlossen werden aus der Gesammtheit der übrigen ähnlichen Anstalten, den städtischen, staatlichen und Privatkrankenhäusern unserer Stadt, dann ist die Bedürfnißfrage auch entschieden, weil sie dann nicht mehr vorliegt. Will aber die jüdische Gemeinde in Berlin den guten Ruf ihrer Wohlfahrtseinrichtungen wahren, ihre Stellung unter den Gemeinden in Deutschland, ihr Ansehen unter unseren nichtjüdischen Mitbürgern erhalten wissen, wünscht sie, daß hervorragende Aerzte sich an der Leitung betheiligen, daß auch der Wissenschaft gedient werden und tüchtige jüngere Aerzte dort ausgebildet werden sollen, dann tritt mit zwingender Gewalt das Bedürfniß an die Gemeindebehörden heran, das Krankenhaus der so sehr gestiegenen Bevölkerungsziffer und den großen Errungenschaften der Wissenschaft entsprechend auch den gesteigerten Ansprüchen gegenüber widerstandsfähig zu machen, es so zu gestalten, daß es den Wettkampf mit allen anderen Krankenhäusern unserer Stadt würdig, wie sonst, aufnehmen kann. Man soll auch nicht vor den erforderlichen Geldmitteln zurückschrecken; diese werden vorhanden sein, sobald sie nothwendig sind, denn noch niemals ist in solchen Dingen vergeblich an die Opfer- Willigkeit unserer Glaubensgenoffen appellirt worden. In allen Städten, wo größere jüdische Gemeinden wirken, in Posen, Breslau, Hamburg sind neue, zeitgemäße Krankenhäuser entstanden resp. im Entstehen begriffen, und wir meinen, daß, nachdem über die Bedürfnißfrage ein Zweifel nicht herrschen kann, unsere Gemeinde in der Erweiterung und zeitgemäßen Ausstattung unseres Krankenhauses nicht länger zurückbleiben kann. Protokoll drr Generalversammlung des Vereins jüdischer Fehrer der Provinz Brandenburg. f ie diesjährige Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg fand am 11. Mai, Vormittags loy2 Uhr, im Hotel Stadt Königsberg zu Potsdam statt. Das überaus ungünstige Wetter hatte viele Kollegen aus der Provinz ferngehalten, während die Berliner Kollegen in großer Anzahl vertreten waren. Der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler, begrüßte die Versammlung und machte zunächst Mittheilung von dem Ableben des Kollegen Jaeobsohn-Berlin und von dem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des Kollegen Rawitscher-Eberswalde; bei beiden Gelegenheiten zeigte der Verein seine Theilnahme durch Abordnung von Deputationen. Dann ging der Redner auf die schwierige Stellung der jüdischen Lehrer ein und wies darauf hin, daß sie verschieden von ihren christlichen Kollegen behandelt werden, wie ihnen z. B. die Berechtigung zum einjährigfreiwilligen Militärdienst nicht zuerkannt sei; diese schwierige Stellung könne den Kollegen nur erleichtert werden durch das lebhafte Interesse, welches die Gemeinden für sie bekunden, wie dies in so hervorragendem Maße in der Gemeinde Potsdam der Fall sei. Die Wohlfahrt der Gemeinden stehe in innigem Zusammenhang mit der ihrer Beamten. Mit einem begeistert ausgenommenen Hoch auf den Kaiser, den erlauchten Schirmherrn aller auf Frieden und Wohlfahrt abzielenden Bestrebungen, schloß die Ansprache. Nach derselben ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Friedländer im Namen der Gemeinde Potsdam das Wortum das rege Interesse zum Ausdruck zu bringen, daß die Gemeinde für die jüdischen Lehrer hege, wie sie dies dadurch beweise, daß sie treffliche Lehrer angestellt, die sich mit Eifer und Hingebung der religiösen Unterweisung der Jugend unterziehen. Ihm schloß sich Herr Rabbiner Dr. Rieger an, der dem einträchtigen Wirken der Gemeindevertreter und der Jugendbildner das Wort redete. Nachdem der Vorsitzende noch einige geschäftliche Mittheilungen gemacht, wurde in die Tagesordnung eingetreten. Zunächst verlas der zweite Schriftführer, Herr Heidenfeld, den vom ersten Schriftführer, Herrn Remack, verfaßten Bericht über das abgelaufene Bereinsjahr. Nachdem Punkt 2 wegen Behinderung des Herrn Remack von der Tagesordnung abgefetzt war, erstattete der Schatzmeister, Herr Weber, Bericht über die Kassenverhältnisse des Vereins und wurde auf Antrag der Kassenrevisoren entlastet. Alsdann wurde zur Neuwahl des Vorstandes geschritten. Der bisherige zweite Vorsitzende, Herr Cohn-Küstrin, kann sich, da er seinen Wohnsitz nach Breslau verlegt hat, an den Arbeiten des Vereins nicht mehr beteiligen, an seiner Stelle wurde der bisherige zweite Schriftführer, Herr Heidenfeld, zum zweiten Vorsitzenden und Herr Kamerase- Kottbus zum zweiten Schriftführer gewählt; im Uebrigen bleibt die Zusammensetzung des Vorstandes die bisherige. Nunmehr ertheilte der Vorsitzende das Wort Herrn Kollegen Kolodzinski-Weißensee