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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-02 · Heft 22 (2.6.1899) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 22 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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—. 259 - Ueber jüdische Krankenhäuser. Bon LouiS Sachs.y (7^ n dem Maße, als sich infolge der antisemitischen Bewegung, tÄ welche sich von Deutschland aus über die Welt verbreitet hat, (unsere Glaubensgenossen, soweit solche überhaupt noch dem angestammten Glauben anhangen, fester an einander geschlossen haben, haben sich sowohl in Berlin als auch an vielen anderen Orten Vereine und Anstalten verschiedenster Art gebildet. Religionsvereine zur Veranstaltung gottesdienstlicher Uebungen, Religionsschulen zur Unterweisung bet Jugend in den Lehren unserer Religion, Litteraturvereine, bestimmt, auch die Erwachsenen mit der großen geschichtlichen Vergangenheit und den bedeutenden Männern unseres Volkes bekannt zu machen, haben sich in vielen Gemeinden gebildet und mit Erfolg entwickelt, als wollte man gleichsam in gewisser Hast Versäumtes nachholen, zum Mindesten aber heute dafür Sorge tragen, daß durch Weckung des Interesses für die Geschichte unserer erhabenen Vergangenheit zukünftigen Geschlechtern der Weg gebahnt werde zum Verständniß für die ewigen Aufgaben des Judenthums, und unsere Nachkommen vor dem Treubruch, vor dem Abfall zu bewahren. Neben diesen, mehr auf religiösem und geistigem Gebiet aufgebauten Bestrebungen hat sich auch eine eifrige Thätigkeit in der Schaffung von Wohlfahrtseinrichtungen innerhalb unserer Gemeinden entwickelt, welche kaum ein Gebiet unberücksichtigt gelaffen hat, an welchen Tausende unserer Glaubensgenossen und Glaubensgenosstnnen mit rührendem Eifer thätig sind. Wenn wir bisher auf der einen Seite wünschen mußten, unsere Kinder nicht abzuschließen von den Kindern unsererandersgläubigen Mitbürger, wenn wir bisher—und mit allem Recht—von einer Errichtung konfessioneller, spezifisch jüdischer Anstalten, soweit dies zulässig war, möglichst abzusehen trachteten, so ist es andererseits nicht wunderbar und die naturgemäße Folge der antisemitischen Strömung wie ihrer bedauerlichen Rückschläge, wenn in den davon hart betroffenen jüdischen Kreisen der Wunsch erwacht und immer stärker in die Erscheinung getreten ist, unsere Kinder den Unbilden nicht auszusetzen, welche jene traurige Bewegung bis in die Lehrstätten hineingetragen hat. Man fürchtet, und mit Recht, daß nicht nur den Kindern in der Schule, den Lehrlingen im Handwerk und Kaufmannsstand, sondern auch unseren Kranken und Siechen, unseren Altersschwachen, unseren Waisen bei ihren Leiden, bei ihrem Kummer noch Kränkungen zustoßen könnten wegen ihres Glaubens. Das ist das wichtige Moment, welches die Errichtung so vieler Wohlthätigkeitsanstalten in den letzten Jahren veranlaßte, das Bedürfniß, unsere schwachen, hilflosen Glaubensbrüder und Glaubensschwestern vor den Auswüchsen lind Abscheulichkeiten antisemitischen Hasses zu schützen, und wenn heute Männer, welche treu zum Judenthum stehen, aber sich gegen konfessionelle Anstalten erklären, uns fragen: „Ist denn die Einrichtung der von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl neuer Wohlfahrtseinrichtungen innerhalb unserer Gemeinde nothwendig, entfremden wir uns nicht dadurch immer mehr und mehr auch unseren uns wohlgesinnten andersgläubigen Mitbürgern?" so antworten wir darauf mit einem deutlichen: „Ja, es ist nothwendig, denn das Gift dieser unglückseligen Bewegung ist leider so weit hineingedrungen in die Volksseele, daß die Wohlhabenden und Unabhängigen einen Schutzwall für unsere armen und verlassenen *) Die obigen Ausführungen des verdienstvollen Vorsitzenden der Berliner Repräsentantenversammlung, der zugleich seit Jahren an der Spitze des jüdischen Krankenhauses steht, werden sicher allgemeines Interest, erregen. (Die Red.) Glaubensgenossen aufführen müssen gegen den Feind, der ihnen offen und geheim zur Plage und zur Qual wird, der sie beleidigt in dem Theuersten, was sie besitzen, in dem Glauben unserer Väter, in der heiligen Erinnerung an unser Elternhaus." So hat der Antisemitismus, so hat die böse That doch viel Gutes gewirkt; das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit ist mächtig erwacht, es bemüht sich der Eine, für den Anderen einzutreten, und weil der Fehler des Einzelnen der Allgemeinheit zur Last gelegt wird, bemüht sich ein Jeder mehr als vorher, Fehler zu vermeiden. So sind sie entstanden, die Anstalten für die Unterbringung der Lehrlinge und für deren Ausbildung, die Mädchenstifte, um den Kindern unserer ärmeren Glaubensgenossen den Weg zur Arbeit vorzuzeichnen; so hat die Gemeinde selbst Fürsorge getroffen für unsere Strafgefangenen und deren Familien, um dieselben vor dem Rückfall zu schützen; ja selbst der Prostituirten hat man sich in dem edlen Bestreben zugewendet, einem gefallenen Mädchen möglichst den Weg zur ehrlichen Arbeit wieder frei zu geben; auch die Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen, welche wie in Berlin in vielen größeren Städten gepflegt wird und als eine segensreiche That bezeichnet werden muß, wäre vielleicht nicht ins Werk gesetzt worden, wenn unseren jüdischen Mädchen der oft begehrte Zutritt zus anderen Schwesternvereinen gewährt worden wäre. Allerdings kann nicht geleugnet werden, daß unseren Gemeinden hierdurch große Opfer zugemuthet werden, daß neben der auf unseren Mittelstand schon oft schwer drückenden Steuerlast noch große Geldspenden zur Erhaltung aller dieser Einrichtungen gefordert werden müssen; aber daß dies geschieht, daß unsere Glaubensgenoffen vor diesen Aufwendungen nicht zurückschrecken, gereicht ihnen zur höchsten Ehre. Die Allgemeinheit erkennt hierfür das Bedürfniß an und sucht es im Vertrauen auf Gott und ihre Kraft thunlichst zu befriedigen. Ich sagte, das Bedürfniß! Hik stehen wir vor einer Frage, bei deren Beurtheilung in Bezug auf jüdische Wohlfahrtseinrichtungen die Ansichten oft recht weit aus einander gehen. Die Frage des Bedürfnisses zur Unterbringung von Kranken, von Altersschwachen und Siechen, von Waisen und dgl. mehr in geschloffene Anstalten wird hauptsächlich durch die rituelle Verpflegung in erster Reihe bedingt. Könnte man z. B. unsere altersschwachen Glaubensgenossen, auch unsere Waisenkinder, wie es schon heute teilweise geschieht, in angemessener Weise bei Familien unterbringen, welche einen jüdischen Haushalt haben und gegeil Entgeld die Sorge für die Pfleglinge übernehmen — man könnte vielleicht solche Anstalten, wenn auch schwer, entbehren. Ganz ausgeschlossen aber ist diese Voraussetzung bei einem Krankenhause, weil hier allein alle Bedingungen für eine sachgemäße Unterbringung des Erkrankten vorhanden sind, welche nirgends anderswo, auch nicht in der sorgsamsten Familienpflege, unseren armen Kranken zu Theil werden kann, und so stellt sich das Vorhandensein eines jüdischen Krankenhauses zweifellos in allererster Reihe als ein dringendes Bedürfniß dar. Dies wird auch von Niemandem geleugnet, nur über das Bedürfniß einer, wie man meint, nothwendigen Erweiterung des heutigen Hauses gehen die Ansichten aus einander. ■ Seit langen Jahren beschäftigt sich der Vorstand des hiesigen Krankenhauses mit diesen von ihm als dringend anerkannten Erweiterungsplänen; die Anstalt ist vor 35 Jahren erbaut, damals als eine Musteranstalt anerkannt, aber die Zahl der Kranken und der Beamten, des Warte- und Dienstpersonals hat sich in einer damals nicht geahnten Weise vermehrt, und die Ansprüche, welche die wissenschaftliche Forschung und die Hygiene an eine solche Anstalt stellen, geht naturgemäß weit über alles Dasjenige hinaus, was man vor 35 Jahren beanspruchen konnte. Man erkennt dies alles an, man giebi

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