Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'■< v w Algerien giebt eS 14440 christlich-französische und 8385 jüdische Handelsleute. Bon 1894 bis 1897, mährend der Antisemitismus am wildesten wüthete und zahlreiche Juden geschäftlich vollständig zu Grunde richtete, finden wir 347 jüdische Zahlungseinstellungen gegen 998 christliche. Die Die Juden zahlten schließlich ihren Gläubigern durchschnittlich 16,5 vom Hundert ihrer Forderungen, die Christen nur 13,5 vom Hundert. Ein Bankbrüchiger, eifriger Antisemit und Leiter eines antisemitischen Blattes, bezahlte seinen Gläubigern 1,75 vom Hundert. Die Gläubiger llagten auf Betrug, aber inzwischen war Verjährung eingetreten, ganz wie bei Panama, und der interessante Antisemitenführer erhielt von seinen Gönnern das Amt eines Sekretärs des Polizeikommissars in Nizza, wo er jetzt wirkt. Ich habe Ihnen gezeigt, daß keine der gegen die algerischen Juden geschleuderten Anklagen begründet ist. Die Antisemiten sind es, die die Banken beschwindeln, den Arabern den Grund und Boden wegnehmen und Wucher treiben. Die Ankläger der Juden beschuldigen diese aller Missethaten, die sie selbst begehen." Rouanet schilderte dann noch ausführlich alle Unmenschlichkeitcn, die in Algerien gegen die jüdischen Armen begangen werden: von der Ausschließung der Judenkinder aus den Volksschulen und der jüdischen Kranken aus den öffentlichen Krankenhäusern, von der Aussperrung der jüdischen Arbeiter und der Verjagung der jüdischen Höker vom Marktplatz bis zur Plünderung und Verwüstung jüdischer Läden, Mißhandlung kleiner Judenkinder und Ermordung von Juden auf offener Straße bei hellem Tage in Gegenwart einer großen Menschenmenge. Die Einzelheiten dieser Schilderung bleiben indeß bester verschwiegen, Pascal Grousset beantragte, wahrscheinlich ironisch, für die Rede des Genossen Rouanet die Ehren des Maueranschlages. Die Kammer verweigerte sie. Die Rede wäre auch nicht am Platze gewesen an derselben Stelle, wo Cavaignacs Rede mit der Fälschung Henrys als Glanzpunkt prangte. Gegen diese oratorische Glanzleistung sielen die Reden von Drumont und von deni Generalgouverneur Lafferrwre sehr bedeutend ab. Der Letztere wendete sich im ersten Theil seiner Rede gegen die Antisemiten, im zweiten Theil suchte er ihnen Konzessionen zu machen und beantragte eine Untersuchungskommission. Man spricht aber in Paris schon davon, daß er gar nicht mehr nach Algier zurückkehren werde. * Die Jewish Colonisation Association hat am 21, d. ihre ordentliche Generalversammlung in Paris abgehalten. Narciste Leven, der Präsident der Gesellschaft, eröffnete diese mit einer innigen Gedächtnißrede auf die Baronin Hirsch. Dann kam der Jahresbericht der Gesellschaft zur Verlesung, deren Thätigkeit auch in diesem Jahre eine weitverzweigte und von schönen Erfolgen getragene war. Das Kolonisationswerk in Argentinien scheint sich allmälig bester zu entwickeln. In den Kolonien Moisesville und Mauricio, die 29 Hektar Ackerland umfassen, leben 245 Kolonisten mit 379 Familien, zusammen 1870 Seelen. Die Schulen werden von 248 Kindern besucht. Die 19 Kolonien in Entre Rios werden von 924 Kolonisten und 4876 Seelen bevölkert. Sie umfaffen 154 500 Hektar Land, von dem 79136 Hektar kolonisirt sind. Die Schulen werden von 400 Kindern besucht. In Amerika hat der Baron Hirsch-Fonds das Hilfswerk auf verschiedenen ökonomischen Gebieten mit Erfolg in Angriff genommen. Die Kolonien Alliance, Carmel und Rosenhayn in New-Jersey, die 1882 gegründet wurden, gedeihen vortrefflich. Sie haben 3500 Einwohner mit 600 Familien. Auch isolirte Farmer wurden aus dem Fonds namhaft unterstützt. Ihre Zahl beträgt 85. Ebenso wurden aus dem Fonds Viele unterstützt, die sich verschiedenen Zweigen der Industrie zuwendeten. Die Kolonie Woodbine hat 250 Hektar Ackerland, und 100 Kinder erlernen dort die Agrikultur. Die Handwerkerschule in New-Aork unterrichtet 120 Kinder. Die Kolonie in Canada hat bis jetzt 12 Insassen mit 500 Hektar Acker- 25 6 -- land. Auch nach Palästina erstreckte sich die Thätigkeit der Jewish Colonisation Association; dort wurden die jüdischen Ackerbaukolonien Waad-El-Hanine, Rechobot, Gedera, Mischmar Hajarden, Katra thatkräftig unterstützt und in Jerusalem selbst die Schulen subventionirt. Die Kolonie in Cypern, die 1895 begründet wurde, hat 320 Hektar Ackerland, und 46 Kolonisten wohnen bis jetzt daselbst. Das Hilfswerk in Rußland, dessen Leistungen sich zum Theil leider der Oeffentlichkeit entziehen, erstreckt sich hauptsächlich auf Begründung und Subventionirung von Ackerbauschulen und auf die Hebung der Industrie unter den Juden, während es in Rumänien vor allem die Frage des Unterrichts und der Schulen im Allgemeinen ist, die die Sorge der Gesellschaft bildet. Der ganze Bericht giebt ein erfreuliches Zeugniß von der Thätigkeit der Männer, die an der Spitze des großen Werkes stehen, und ist ein schönes Denkmal der Erinnerung an das edle Philanthropenpaar. * In der französischen Kammer sitzen drei Juden, darunter der edle Klotz, der auf Grund der Erklärung gewählt wurde, daß er sich der Wiederaufnahme des Verfahrens widersetze, ganz gleich, ob Dreyfus schuldig oder unschuldig sei. Diese Drei schwiegen heldenniüthig, als die algerischen Antisemiten mit allen Juden auch sie auf das Roheste beschimpften. Sie überließen es tapfer einem Arier, dem sozialistischen Abgeordneten Rouanet, den Antisemiten eine vernichtende Abfertigung angedeihen zu lassen. Bei einer Stelle seiner Rede sah aber das ganze Haus auf den edlen Herrn Klotz hin, und dieser konnte wohl erkennen, daß es gerade nicht der Ausdruck der Hochachtung für sein Verhalten war, der ihm diese Aufmerksamkeit zugezogen. Man sieht, was es mit der vielgerühmten „Solidarität" der Juden auf sich hat! Interessant ist in dieser Beziehung auch das folgende Urtheil über das Verhalten der französischen Juden in der Dreyfus-Sache. In einem dieser Tage von der „Cloche" veröffentlichten Briefe Dr. Giberts an einen höheren israelitischen Offizier vom 16. Dezember 1897 heißt es: „Was Ihre Glaubensgenossen anbelangt, so sind sie ebenso feige, wenn nicht feiger gewesen als der ganze Rest der Nation." Dieser christliche Arzt ist also der Ansicht, daß die französischen Juden, obwohl es sich in der Affäre um einen Angriff gegen ihre Gesammtheit handelt, es an der erforderlichen intensiven Abwehr haben fehlen lassen. Er glaubt eben nicht an die Millionen des Syndikats und der deutschen Juden! Im klebrigen steht nunmehr die Revision des Dreyfus-Prozesses außer Frage. * In Rußland beschäftigt man sich jetzt mit der Idee, die Deportation nach Sibirien abzuschaffen. Die Verschickung dahin wird durch gerichtliches Urtheil in drei Formen ausgesprochen. Zunächst als Katorga-Strafe für die „schwersten und gemeinsten" Verbrechen. Zu diesen gehört u. a. Verleitung eines Rechtgläubigen zum Uebertritt in das Judenthum. Die mildere Form der gerichtlichen Verschickung ist die Zwangsansiedelung. Dieser verfallen u. a. Diejenigen, die selbst zum Judenthum übertreten. Die dritte Form der gerichtlichen Verschickung ist die einfache Verbannung nach Sibirien. Zu dieser dritten Kategorie wird das „Vergehen" der Mischehe eines Juden mit einer rechtgläubigen Christin gerechnet. Aber man darf sich nicht etwa dem Wahn hingeben, daß mit der Abschaffung der Deportation die hier aufgezählten Verbrechen aufhören werden, als solche im heiligen Rußland zu gelten.