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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-02 · Heft 22 (2.6.1899) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 22 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 Hier scheint das Blatt falsch verstanden zu haben. Ausländische Juden, wie z. B. französische und englische oder amerikanische, haben die östlichen Landestheile ja wohl nie ausgesucht. Die Abwehr galt nur den russischen und polnischen oder galizischen, dagegen fast niemals den andern österreichischen, den mährischen oder tschechischen Juden, sofern letztere überhaupt existiren. * Das interessanteste Ereigniß der Woche ist die Debatte über Algier in der französischen Kammer. Wer nur in den telegraphischen Berichten der deutschen Blätter darüber gelesen, der würde auch nicht das blässeste Bild der wirklichen Vorgänge haben, in deren Mittelpunkt die meisterhafte Rede des Deputirten Gustave Rouanet stand. Seine unerbittliche Entlarvung der algerischen Antisemiten, deren Bankbrüche, Schwindeleien und Landwucher er unter genauer Angabe aller Namen, Daten und Thatsachen anführte, veranlaßte die wildesten Wuthausbrüche der Gebrandmarkten uub ihrer monarchistischen und klerikalen Genossen. Ein treffendes Expose dieser Meisterrede, die zwei Sitzungen in Anspruch nahm, giebt der folgende Bericht: Ich klage, sagte der Pariser Abgeordnete, die algerischen Antisemiten an, eine Schreckensherrschaft zu üben, die einen Theil der Bevölkerung wegen ihrer Abstammung aus dem gemeinen Recht und sogar aus der Menschlichkeit ausschließt. Ich fordere von der Regierung, von der Kammer, daß. ste ihre zuwartende Haltung endlich aufgeben, die den Fortschritt des Antisemitismus am meisten gefördert hat. Ihr verdanken wir die Beschämung, daß die antisemitischen Abgeordneten Marchal und Morinaud dem französischen Gewissen die Schmach ihrer Reden zufügen konnten. Sie fordern die Abschaffung der Crsmieux'fchen Verordnung (die den algerischen Juden Bürgerrechte verlieh) und begründeten ihr Verlangen mit unwahren Behauptungen, mit erfundenen oder gefälschten Thatsachen. Die Juden haben es nicht an Vaterlandsliebe fehlen lassen. Sie sind nicht gewohnheitsmäßige Bankbrüchige. Die gaunerischen Geschäftsleute und Bankbrüchigen findet man hauptsächlich unter den Antisemiten. Man spricht -von der Cr6mieux'schen Verordnung. Diese Verordnung hat langsam gereift. Sie wurde schon vom Julikönigthum und dem Kaiserreich vorbereitet. Die Regierung der Landesvertheidigung fand sie 1870 fertig vor und hatte blos ihre Unterschrift darunter zu setzen. Die christlichen französischen Kaufleute Algeriens waren es, die damals die gesetzliche Gleichstellung der algerischen Juden verlangten, und Rothschild wäre, im Gegensatz zu Morinauds Behauptung, sicherlich der Letzte gewesen, der auch nur das kleinste Wörtchen zu Gunsten seiner armen und rechtlosen Stammesgenosseu gesagt hätte. Denn die jüdischen Millionäre Frankreichs denken schwerlich an ihre armen Brüder in Algerien. Es giebt ja auch in dieser Kammer jüdische Abgeordnete. Durch drei Sitzungen hat man ihre Brüder auf der Schandkarre geschleift. Nicht einer von ihnen hat den Mund aufgethan, um ein Wort der Verwahrung für ihre Brüder in Nordafrika auszusprechen. Die berühmte jüdische Gemeinbürgschaft besteht nur unter den Kapitalisten. Zwischen Rothschild und den mit Schwären behafteten Juden, von denen Morinaud sprach, besteht sie nicht. Einem Sozialisten ist es Vorbehalten, im Namen des Rechtes und der Gerechtigkeit die Bertheidigung dieser Unterdrückten zu übernehmen. 1870 haben die algerischen Juden nicht erst die Gleichberechtigung abgewartet, um ihre Pflicht gegen Frankreich zu erfüllen. Ein französischer Offizier zählt in einem Buche „Les Etapes d’un Franctireur ornais“ die Namen von mehr als 60 oranischen Juden auf, die in einer oranischen Kompagnie freiwillig Kriegsdienst thaten, und von denen mehrere auf dem Schlachtfelde fielen. Marchal aber, der den Juden Mangel an Vaterlandsliebe vorwirft, blieb damals vorsichtig zu Hause und begnügte sich, in einer Zeitung zu schreiben: „Uns halten zu enge Bande in Algerien zurück. Unsere Mütter und Schwestern lieben uns zu sehr, wir haben nicht den Muth, ihnen den Schmerz der Trennung zu bereiten!" Während des Araberaufstandes 1871 waren die Juden die ersten, die die französischen Ansiedler gegen die Araber vertheidigten. Ich habe hier die Zeugnisse französischer Offiziere und des Bürgermeisters von Algier, Herrn Buillermoz. Die christlichen Offiziere schreiben: „Die jüdischen Milizsoldaten haben ihre Pflicht in tadelloser Weise gethan. Nicht einer von ihnen hat seinen Posten verlassen." Hier einige Proben von den Mitteln, mit denen der Antisemitismus gegenwärtig in Algerien arbeitet. Um die Stimmen der naturalisirten spanischen Wähler zu erlangen, schreibt Drumont in einem spanischen Wahlflugblatt: „Wir kennen und lieben Spanien, wo es keine Juden giebt, und das aus diesem Grunde an der Spitze der Jahrhunderte einherschreitet und sich einen Platz in der vordersten Reihe der Völker errungen hat. Ihr, Katholiken, Spanier, werdet nicht mit den Henkern Christi gehen wollen." Bor zwei Jahren stürzte in Fontainebleau ein junger jüdischer Reiteroffizier mit seinem Pferde und starb infolge der erlittenen Verletzungen. Darauf schrieb ein Kannibale im „Röveil Algerien": „Wir haben mit Jubel die Neuigkeit vernommen, daß ein jüdischer Leutnant sich durch den Sturz seines Pferdes den Schädel eingeschlagen hat. Wir haben bei dieser Nachricht einen Rundtanz ansgeführt. Jetzt aber denken wir an das edle judenfeindliche Thier. Was ist aus diesem ruhmreichen Rosse geworden?" Man redet den unwissenden, fanatischen Algeriern ein, die Juden hätten alle Aemter. In Constantine wurde 1896 die Stadtverwaltung antisemitisch. Sie schritt sofort zur Berjagung der Juden aus den Aemtern. Hier das Ergebniß dieser großen Reinigung des Augiasstalles. Die Stadt hat 149 Beamte im Rathhaus, die zusammen 300000 Fr. Gehalt beziehen. Unter diesen befanden sich genau drei Juden; ein Büreau- Souschef, Sohn eines alten dekorirten Soldaten des Kaiserreichs, und der seit zwölf Jahren wegen seines Judenthums bei der Beförderung übergangen worden war, ein Beamter von 150 Francs Monatsgehalt, der sechs Jahre vorher seine Stellung durch eine Wettprüfung erobert hatte, und ein kleiner Polizeibeamter mit 23 Dienstjahren. Diese drei Juden unter 149 Beamten wurden triumphirend hinausgeworfen. In Algerien giebt es zusammen 17 843 Beamte. Unter diesen sind 256 Juden, ein Siebzigstel, während die Juden ein Neuntel der französischen Bevölkerung ausmachen. Diese Ziffern hat mir auf mein Verlangen der Generalgouverneur geliefert. So nehmen die Juden den Franzosen alle Aemter vor der Nase weg! Diese Fabel wird aber trotzdem fort, während wiederholt, und selbst Herr Dupuy, dem doch dieselben amtlichen Ziffern zugänglich waren wie mir, konnte noch am 23. Dezember behaupten, die algerischen Juden machten sich dadurch verhaßt, daß ste Aemter an sich rissen!! Nun die Juden als Bankbrüchige- Bauernleger, Wucherer. Ich verlangte von der Bank von Algerien Auskunft, erhielt indeß keine Antwort. Dagegen antwortete die Zweiganstalt des Credit Lyonnais in Algier bereitwillig auf meine Anfrage, daß ihre Geschästsziffer mit algerischen Juden seit ihrer Gründung 350 Millionen Francs, ihre Verluste im Geschäft mit Juden 12 000 Francs betragen. Die Bank von Algerien aber hat 240 000 Francs bei einem einzigen Darlehen von 440 000 Francs verloren, das sie bewilligte — wissen Sie, wem? Herrn Morinaud, Bankiev^in Dschischelli! Die Juden sollen das Land der Araber an sich raf§n. Die Juden Jsak und Jakob Zermatti sollen allein in Setif 10 000 Hektar besitzen. Der Notar von Setif schreibt mir, daß die Zermattis nicht 10 000, sondern 2500 Hekrar eigenen, und daß ste das Land nicht Arabern abgewuchert, sondern bei einer öffentlichen Versteigerung gegen Baarzahlung erworben haben. Dagegen hat Herr Jules Morinaud von 70 Besitzungen, die die Regierung Arabern abnahm, 47 an sich gebracht. Bon 198 000 Hektar Landes, das die Negierung den Arabern nahm, haben die Juden im Ganzen 14 000 Hektar erworben. Alles Uebrige haben europäische Christen an sich gebracht. Die Juden sollen Wucher treiben. Daß es auch jüdische Wucherer in Algerien giebt, ist nicht zu leugnen. Aber die Hauptwucherer sind die Vorsitzenden der Antisemitenvereine. Einer von diesen, den ich dem Untersuchungsausschüsse nennen werde, hat vom Januar bis zum April dieses Jahres 14 Darlehen an Araber vergeben, deren Zinsfuß von 49 bis 292 v. H. geht!! Diese Darlehen waren überdies nicht Baargeld, sondern Saatkorn. Ein algerischer Christ erklärte mir, 100 v. H. seien in Algerien ein gewöhnlicher Zinsfuß, und selbst die Regierung lasse sich von den Arabern, denen ste in Nothjahren Getreide vorschieße zwei Säcke Weizen für je einen Sack zurückzahlen, also 100 v. H. Ein antisemitischer Ingenieur vermaß das Grundstück eines Arabers und ließ sich für den angeblichen Preis der Vermessung einen Schuldschein geben. Diesen klagte er dann ein und wurde für den angeblichen Preis einer Vermessung, die der Araber nicht verlangt und nicht gebraucht hatte, Eigenthümer des vermessenen Gutes. Nun die Bankbrüche. In f | s , |! i ,

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