Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228334--55521-3291733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 254 - busches am Horeb und in der Nacht der Blitze des Sinai. Nur die Zähigkeit eines solchen Volkes konnte die eine Idee der Einheit Gottes unverletzt erhalten, als die Sphynxe auf ihren Piedestalen von Granit sich bewegten, und die Nymphen und Sirenen ebenso in den Wogen der Lüfte wie in dem Lauf der Bäche sangen, um die Welt heidnisch zu machen." Gegenüber der Behauptung Manterolas, Spanien habe an den Juden nichts verloren, berief sich Castelar auf Spinoza, Disraeli, Daniel Manin, Abköminlinge der spanischen Juden, um die iöefähigung dieses Stammes zu beweisen. „Indem also Spanien einst die Juden aus seinen Grenzen trieb," sagte er, „hat eS sich einer Reihe von Söhnen beraubt, die dem Vaterlande Ehre gebracht hätten." In Livorno habe er Juden gefunden, die heute noch spanisch sprächen und das undankbare Spanien nach vier Jahrhunderten der Ungerechtigkeit noch als ihr Vaterland ansähen. Castelar schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Groß ist die Religion der Macht, aber größer die Religion der Liebe; groß ist die Liebe zur unversöhnlichen Gerechtigkeit, aber noch größer ist die Religion des Mitleids und des Erbarmens, und ich komme im Namen dieser Religion, welche die Eurige sein sollte, im Namen Eures Evangeliums, um von Euch zu verlangen, daß Ihr an die Spitze Eueres Gesetzbuches die Religionsfreiheit schreibet, d. h. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit für alle Menschen." Ein unbeschreiblicher Auftritt folgte dieser Rede. Alte Männer brachen in lautes Weinen aus. Gegner Castelars umarmten ihn, fast alle Deputirten erhoben sich von ihren Sitzen, Manterola aber und drei andere Mitglieder seiner Partei verließen, die Hände faltend, gesenkten Hauptes den Saal. Posada Herren rief begeistert aus: „Seit 40 Jahren parlamentarischen Lebens habe ich einen solchen Triumph nicht gesehen." Der große Sieg Castelars fand am folgenden Tage seinen Widerhall in ganz Spanien. Mehr als 100 Städte ernannten ihn zu ihrem Ehrenbürger, und mit seinem Namen wird die Nachwelt für immer die Erinnerung an den Sturz der religiösen Unduldsamkeit in Spanien verknüpfen. Ein großes, warmes Herz für die Freiheit schlug in seiner Brust. Diesem Ideal ist er treu geblieben sein Leben lang. Als im letzten Jahrzehnt der Antisemitismus in einzelnen Ländern Europas wie eine Seuche sich ausbreitete, da trat Castelar wieder mit seiner glühenden Beredsamkeit gegen diese Volkskrankheit und für die alten Ideale auf. Er glaubte nicht mehr an den Stern der Freiheit, aber er blieb ihm treu, und er bekundete diese Treue, indem er dem politischen Leben entsagte und sich in die Einsamkeit zurückzog. Erst in den letzten Monaten, als die ultramontane Reaktion sich wieder anschickte, Spanien in ihre Fesseln zu schlagen, glaubte er die Zeit gekommen, da es seine Pflicht - sei, nochmals zu den Waffen zu greffen, um die bedrängte Freiheit retten zu helfen. Der Tod hat ihm die Erfüllung dieser Pflicht verwehrt. Castelars Hinscheideu hat in ganz Spanien tiefe Pewegung hervorgerufen. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß zugleich mit der Nachricht von dem Tode Castelars .die Nachricht kommt, daß die spanischen Ultramontanen die Anwesenheit mehrerer unnachgiebiger Gesinnungsgenoffen im Kabinet ausnutzen wollen, um den Artikel 11 der Verfassung, der die Gewissensfreiheit verbürgt, zu Fall zu bringen. Diese Bewegung richtet sich hauptsächlich gegen die Protestanten. Denn Juden sind in Spanien immer noch in sehr geringer Anzahl vorhanden. Es war einer der Herzenswünsche Castelars, daß das Vaterland seine vertriebenen Söhne wieder zurückrufe. „Bon welcher Nation wird noch berichtet," fragte er einmal, „daß sie durch einen Bürgerkrieg an einem einzigen Tage 300 000 Menschen verloren habe?" Dieser Herzenswunsch des großen Mannes ist wie so viele andere seiner Hoffnungen und Ideale unerfüllt geblieben. Aber die Geschichte des Judenthums wird seinen Namen immer unter den Vorkämpfern für unsere heiligen Rechte in Ehren nennen. Pit Woche. Berlin, 30. Mai. ✓IsjD onservative und Antisemiten schlagen sich noch immer, und erbitterter als zuvor. Die „Deutsche Wacht", das Hauptorgan der sächsischen Reformer, wirft dem Konservatismus vor, daß seine Nährväter getaufte Juden seien, und auch den Antisemiten macht sie ähnliche Vorwürfe. In dem Umstand aber, daß ein antisemitisches Blatt nach dem anderen eingeht, vermögen sie selbst keinen Beweis für den Rückgang der Partei zu erblicken. Die „Hannoversche Post", die noch vor nicht langer Zeit dem Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg nahe stand, tritt dieser Auffaffung wie folgt entgegen: „Daß die Gründung der deutsch-sozialen Reformpartei sich freilich mehr und mehr als überflüssig herausstellt, wird jeder nüchtern Denkende zugestehen. Darum aber von einem Rückgang des Antisemitismus zu reden, ist denn doch sehr verfrüht. So lange eine starke, vom Gouvernementalismus nnabhängige konservative Partei besteht, wird auch der antisemitische Gedanke bei ihr seine nachdrückliche Vertretung finden. Ein Unglück geradezu für den antisemitischen Gedanken war es, daß die deutsch-soziale Reformpartei denselben in Erbpacht genommen zu haben behauptete, denn diese Partei zeigte schon bald nach ihrem Entstehen deutliche Spuren des Perfalles. Sie war vor allem viel zu buntscheckig zusammengesetzt, als daß sie ein gedeihliches Wirken hätte entwickeln können. Die Judenfrage ist zwar ein starker Kitt, aber die im Uebrigen gänzlich entgegenstehenden Anschauungen eines Liebermann v. Sonnenberg oder Jskraut und eines Hirsche! oder Köhler zusammenzuschweißen, reicht auch sie nicht aus. Dazu kam, daß die Führer auch nicht vorfichtig genug waren, ihre Meinungsverschiedenheiten vor der Welt zu verbergen. In oft —gelinde gesagt — derber Weise wurden dieselben vielmehr in den den einzelnen Führern zu Gebote stehenden Blättern ausgetragen, so daß über die Zustände in der deutsch-sozialen Reformpartei die extra rnuros Befindlichen oft besser unterrichtet waren als die eigenen Anhänger der Partei. So hat die „Sachsenschau" allerdings durchaus recht, wenn sie die Schuld an dem Rückgänge den Führern beimißt. Aber nicht anders wie bei den Führern ist es bei den Soldaten. Man kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, bei sechs Mitgliedern der deutschsozialen Reformpartei auch sechs verschiedene Ansichten zu finden. Daraus kann an fich ein Borwurf nicht erhoben werden. Denn es ist naturgemäß, daß eine junge Partei ihre Anhänger von rechts und links aus bereits bestehenden Parteien gewinnt. Umsomehr aber thut eine stramme Parteierziehung noth. An dieser aber fehlt es in der deutsch-sozialen Reformpartei völlig, und muß es nach obigen Ausführungen nothwendig fehlen." Die „Kreuzzeitung" registrirt diese Aeußerungen natürlich mit innigem Behagen. * Eine etwas wunderliche Nachricht brachte dieser Tage die „Schlesische Zeitung". Sie lautet wörtlich: „Im Ministerium sollen Erörterungen darüber im Gange sein, ob nicht die grundsätzliche Abwehr ausländischer Juden von den östlichen Landestheilen aus die Zuzügler polnischer, mährischer und tschechischer „Abstammung" beschränkt werden kann. Man scheint demnach eine Milderung der betreffenden Vorschriften für angezeigt zu halten. Auf welche Thatsachen fich diese Auffaffung gründet, ist bisher nicht bekannt geworden."