Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228334--55520-3291732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63. Jahrgang. Kr. 22. rne Kerlin. 2. Juni 1899. eitung öes Dudeichums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Vonn. Verlags-Grpedition: Lerlin, Zerusalemerstr. 48/49. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Sttijltlt« Leitartikel r Emilio Eastelar. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Ueber jüdische Krankenhäuser. — Protokoll der Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg. — Elia b. Joses de Nola in Bologna. Von Professor Dr. David Kaufmann. — »Feuilletonr Die Abtrünnige. IX. Von Paula Faber. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Bojanowo, Elbing, Hamburg, Hannover, Hildesheim, Barmen, Wesel, Frankfurt a. M., Soden, München, Wien. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. Emilio Eastelar. Berlin, 28. Mai. panien hat einen seiner besten Söhne, die Weltgemeinde der Humanität einen ihrer bedeutendsten Vorkämpfer verloren. Am 25. d. M. ist Emilio Eastelar einem Herzschlag erlegen. Er verdient es, daß auch wir Juden als solche seiner in Liebe und Dankbarkeit gedenken. Alle sympathischen Züge, die der spanischen Nation nachgerühmt werden können, waren ihm eigen: hochfliegender Idealismus, starker Schwung der Gedanken wie der Empfindungen, reichblühende Phantasie, edle Ritterlichkeit und selbstlose Hingabe an das Vaterland. Er war ein Kämpe für die Freiheit, für die Freiheit des Geistes und des Gewissens vor allem, wie einen gleich gewaltigen nur selten eine politische Partei ihr eigen nennen durfte. Manche nennen ihn einen hochherzigen Schwärmer — aber er warmehr als das. Denn er liebte die Menschen, und er kannte keinen Unterschied der Religion oder der Raffe. Seit dem Tage, wo er in die politische Arena eintrat, kämpfte er für Glaubens- und Gewiffensfreiheit in seinem Vaterlande, war es sein heißestes Bemühen, das Unrecht wieder gutzumachen, das Spanien einst an den Bekennern des Judenthums verübt, hatte. Und diesem Ideal blieb er treu in allen Wandlungen der Zeitgeschichte. Es war zu Anfang des Jahres 1869, zur Zeit der großen Umwälzung in' Spanien, als Emilio Eastelar mit seiner Propaganda für die föderative Republik zum ersten Wal in den Vordergrund trat. In .Saragossa und in Lerida wurde er zum Abgeordneten für die konstituirende Cortes gewählt, und sein Name ist mit der größten Errungenschaft des modernen Spanien, mit der Kultus- und Gewiffensfreiheit, eng verknüpft. Schon in der ersten Volksversammlung in den Elyseeischen Feldern bei Madrid stellte er hie Frage: „Sollen wir von der Regierung die Religionsfreiheit verlangen?" Md ein vieltausendstimmiges „Ja" schallte ihm entgegen. „Nein," rief er jedoch aus, „wir müssen dieselbe nehmen". Seinen glänzendsten Ehrentag feierte Eastelar und mit ihm das ganze Parlament am 12. April 1869, an dem Tage, dadie Kardinalfrage der Zukunft Spaniens, die Frage der Glaubensfreiheit, auf der Tagesordnung stand. Der Wortführer der Ultramontanen, Kanonikus Manterola, hatte den Verfaffungsentwnrf angegriffen und neben einer Fülle geschichtlicher Unwahrheiten einen Judenhaß an den Tag gelegt, wie er kaum in den frühesten Tagendes Mittelalters bestand. Die Juden, so sagte er, hätten nie etwas für die allgemeine Gesittung und Bildung geleistet, die früheren Judenverfolgungen seien nur die gerechte Strafe für die von den Juden ausgeübten Greuel und Bedrückungen gewesen; der Talmud befehle den Juden, dreimal des Tages die Christen zu verfluchen, ihnen durch List oder Gewalt Güter und Leben zu nehmen; viele Christenkinder seien von den Juden auf barbarische Weise geopfert worden und dergleichen Albernheiten mehr. Drei Stunden lang hatte diese Rede gedauert. Die liberale Mehrheit war immer ungeduldiger geworden, und doch wagte es keines ihrer Mitglieder, dem Dunkelmann entgegen zu treten. Da trat Emilio Eastelar auf und hielt die glänzendste Rede seines Lebens. Mit steigender Aufmerksamkeit, mit immer mächtiger wachsendem Beifall folgte die Kammer dem großen Redner, der einen Beweis des Gegners nach dem andern zerstörte, seine geschichtlichen Fälschungen widerlegte und in glänzender Improvisation den Grundsatz der Glaubensfreiheit vertheidigte. Unterstützt von seinem merkwürdigen Gedächtniß, berief er sich bald auf die Bibel, bald auf die Kirchenväter und auf moderne Philosophen, um alle Citate Manterolas aus dem Felde zu schlagen. Cs war eine wahrhaft dramatische Szene, als Eastelar gegenüber der Behauptung des Gegners, daß die Kirche zuerst und immer den Grundsatz der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit aufgestellt hat, aus dem amtlichen Gemeindeblatt von Madrid eine Mittheilung vorlas, die von der Auffindung des alten Verbrennungsplatzes der Inquisition in der Straße Ancha de San-Bernardo berichtete. Dort hatte man mit einem Worte das geologische Archiv der Verbrennungen der Inquisition gefunden. Dann las Eastelar das Jnventarium des Klosters von San-Damiano vor, in welchem als Besitz zuerst 50 Stute», 30. Juden, 20 Maurinnen und Jüdinnen genannt waren. Zu wahrhaft ethischer Höhe erhob sich die Rede Castelars in seiner Vertheidigung der Juden. „Die semitische Raffe", so sagte er, „hat erhabene, auf sittliche Ueberzeugung gegründete Religionen hervorgebracht, ihr ist Moses, Christus, Muhämmed entsprossen; sie dient dem Menschengeschlecht noch heute als Vermittlerin, um jedei> Seite des menschlichen Lebens eine religiöse Weihe zu geben, eine sittliche Auffassung abzugewinnen. Wenn der Athener der Künstler, der Römer der Politiker, der Phönizier dir Handelsmann, der Assyrer der Astronom, der Aegypter der Astrolog und der Perser der Soldat ist, so ist der Jude der Priester des Alterthums. Die Hauptidee unserer Theologie, die Idee des absoluten und ewigen Seins, ist seine Idee, das Moralgesetz, das uns noch jetzt mit seinen unzerstörbaren Oe^oien beherrscht, ist geschrieben worden - in der Gluth des Dorn»