Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 von Optimismus. Sein Bruder hatte hierauf bedenklich den Kopf geschüttelt. „So, wie es jetzt ist, kann es noch Jahre lang bleiben. Wenn sie sich einmal selbst ins Gespräch mischt oder auch nur auf eine von uns gestellte Frage, wenn wir sie hineinziehen wollen, antwortet, dann wollen wir uns wieder sprechen. Einstweilen überhört sie ja gefliffentlich jeden dahinzielenden Versuch." Allein im Ganzen war doch etwas gewonnen; der auf dem Hause seit Reginas Hochzeit lastende Bann war entschieden leichter, die Mutter gesprächiger und, soweit sich das Wort auf Simonette da Silva überhaupt anwenden ließ, lebensfroher geworden. Wenn sie am Sonnabend zwischen ihren Söhnen zur Synagoge schritt oder am Freitag Abend, wieder so, wie es früher gewesen, die entfernteren Verwandten als Gäste bei sich empfing, dann war sie äußerlich so ganz das Bild einer glücklichen Familienmutter, daß die Feruerstehenden meinten, sie müfle jenen Schlag vollkommen überwunden haben. Die Söhne wußten es freilich besser. Sie wußten auch, ihr eifriges Zureden, die Beiden möchten sich vermählen, entsprang nicht einzig und allein dem Wunsch, Schwiegertöchter und Enkel um sich zu sehen. Es sprach auch dabei, trotz des danials von ihnen geleisteten Schwures, eine unbestimmte Furcht vor der Zukunft, der Wunsch, zu wissen, was ihr in Bezug darauf beschieden war, vor allein aber das Gefühl nagender Leere, vielleicht uneingestandener, innerlicher Unzufriedenheit mit sich selbst, das sie auf diese Weise zum Schweigen zu bringen hoffte, mit. „Ist es denn nicht hübsch genug so, Mutter?" hatte Raphael dann einmal scherzend gefragt. „Sieh, Du hast uns derart mit Liebe und Fürsorge verwöhnt, daß wir so bald Keine finden werden, die es darin mit Dir aufnimmt. Zeig' uns zwei Mädchen, die Dir gleichen, und wir halten sofort um fie an." Sie blieb völlig ernst, wie sie überhaupt nur selten auf scherzhafte Bemerkungen einging. Dergleichen war nie sonderlich ihre Art gewesen und wurde es mit den Jahren immer weniger. „Das ist keine ordentliche Antwort, mein lieber Sohn. Und Dein Ledigbleiben ganz besonders widerspricht durchaus den Gepflogenheiten unserer Familie. Das Oberhaupt der da Silvas —" „Das bist doch Du, liebe Königin Mutter!" Jetzt glitt doch ein halbes Lächeln über ihre regelmäßigen Züge. Sie wandte sich zu Alphons, von dem die letzte Bemerkung herrührte. „Du hast mich selbst soeben richtig bezeichnet. Die Königin Mutter hat nichts mehr zu sagen. Sie kann nur noch für die nächste Generation sorgen und rathen," — ein tiefer Seufzer entfuhr ihr, „gleichviel, ob auf ihre Reden gehört wird oder nicht. In diesem Fall hatte ich indeffen nur sagen wollen, das Oberhaupt unserer Familie hat stets sehr jung geheirathet." „Ja, wenn sich die Rechte so früh fand. Vorläufig suchen wir Zwei noch," scherzte Alphons weiter, „aber, wer weiß, vielleicht wirst Du eines schöllen Tages mit einer oder gar zwei jungen, zukünftigen Frauen da Silva überrascht, — eher noch, als Du heute glaubst!" Zur Hälfte wenigstens traf seine Voraussagung alsbald ein. Kurz nach jener Unterhaltung war's, als Raphael, der in der letzten Zeit seine bisherige Häuslichkeit sehr abgelegt und fast jeden Abend gesellige Zusammenkünfte bei befreundeten Familien aufgesucht hatte, eines Mittags zu ungewohnter Stunde nach Hause kam und mit den Worten: „Mutter, ich habe Deine erste Schwiegertochter gefunden!" in ihr Zimmer trat. Sie hatte sich wie elektrisirt von ihrem Fensterplatz erhoben. In ihrem Antlitz malte sich Ueberraschung, Freude, vielleicht auch halb unbewußtes, schmerzliches Erinnern an jenen anderen Tag, da sie hier, an der gleichen Stelle wie heute, eine ähnliche Mittheilung empfing, vor allem aber eine gewaltige Unruhe. Eine Unruhe, die sie unfähig machte, nach dem ersten: „Mein guter Raphael!" etwas anderes hervorzubringen als ein kurzes: „Wer?"- Er verstand sie. „Beruhige Dich. Mutter," versetzte er zärtlich, „glaubst Du, ich habe mein Wort vergeffen? Die Braut, die ich Dir zuführe, wirst Du willkommen heißen. Es ist die älteste Tochter des Sanitätsraths Magnus, der unseren Alphons so sehr protegirt." Sie athmete wie erlöst auf. Hierauf aber sagte sie, offenbar wußte sie in dem Widerstreit der sie bedrängenden Gefühle und Erinnerungen selbst noch kaum, was sie sagte: „Weshalb heirathet sie dann indeß nicht lieber Alphons?" „Weil er sie nicht darum ersucht hat!" lachte der glückliche Bräutigam. „Außerdem hätte sie ihn, ernsthaft gesprochen, wohl kaum genommen. Sie hat den-schlechten Geschmack, Deinen alten ältesten Sohn sehr gern zu haben. Wenn Du, böse Frau, Dich nicht so von allem fern hieltest, würdest Du das lange wissen. Alle unsere Freunde haben es kommen sehen. Aber, Mutter, weißt Du' daß Du mir noch nicht einmal Glück gewünscht hast?" „Verzeih', mein Kind, verzeih', ich weiß überhaupt nicht, was ich rede. Nur Eins laß mich nochmals von Dir hören, trotz Deiner Versicherung von vordem." Sie zögerte eine Sekunde, dann fuhr sie fort: „So viel ich weiß, gehört der Sanitätsrath Magnus nicht mehr zu den wirklich ganz Strenggläubigen. Wird Deine Braut —" „Ja, Mutter," unterbrach er sie rasch, „sie will alles halten, wie Du es wünschest. Wohl ist es ein großes Opfer, das sie bringt —" „Sie kehrt doch nur auf den rechten Weg zurück!" warf die Mutter ein. Er beachtete die Zwischenrede nicht, „aber sie bringt es freudigen Herzens, denn", seine milden Augen leuchteten auf, „sie liebt mich." „Gottes reichster Segen über Euch beide, mein Raphael. Führe sie mir zu, sobald wie möglich, gleich nachher, Deine, ja, ich weiß noch nicht einmal, wie sie mit Vornamen heißt!" Er stockte einen Moment. „Sie heißt Ina, Mutter." „Ina? Das ist doch wohl nur eine von den modernen Abkürzungen. Das ist doch kein richtiger Name." „Ihr voller Name ist Regina." Was hätte er in diesem Augenblick um die sichere Bestimmtheit, die Alphons mit den Jahren mehr und mehr entwickelte, gegeben! Er fühlte es selbst, wie verlegen und zaghaft er sprach. Im Zimmer war es sehr still geworden. Da war sie wieder, die Vergangenheit, die erst vier Jahre hinter ihnen lag und doch schon fast um ein Menschenalter von ihnen entfernt zu sein schien. So würde es wieder eine Regina da Silva geben. Die Mutter hatte sich rasch gefaßt. „Wir werden sie natürlich auch Ina nennen," sagte sie ruhig, „nun hole Deine Braut, damit ich sie als meine Schwiegertochter umarmen kann." Als nach kurzer Zeit das glückstrahlende Paar hierauf zusammen vor ihr erschien, um ihren Segen zu empfangen, und sie die zierlichanmuthige, schüchterne Braut, die äußerlich in ihrem ein wenig puppenhaften, blonden Liebreiz der anderen Regina so unähnlich wie möglich war, mit vornehm gewinnender Freundlichkeit als Tochter begrüßte, da hätte Keiner geahnt, daß sie den Zeitraum zwischen Raphaels Forteilen und Wiederkehr damit verbracht hatte, in ihrem Zimmer eingeschlossen, unaufhörlich auf- und abzuwandern, während ihre Seele nach jener Anderen, für immer Fortgewiesenen in heißer unbezwinglicher Sehnsucht schrie. Und dann kam wieder ein Brautstand, fröhlicher, friedlicherlals jener erste, in den aber doch zuweilen leicht verdüsternd der Schatten dessen, was gewesen, die Erinnerung an sie, die nicht mehr unter