Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWW NWWWWWWWWWWW 249 Gesetze in Nizza erfüllt, wohin sich mehrere seiner Verwandten begeben hatten, in der Vorahnung des Dahinscheidens des geliebten Meisters, und seine irdische Hülle wurde in Paris in der Akademie der schönen Künste, deren Vizepräsident der Verblichene war, aufgebahrt, und seine Freunde wurden zugelassen, um ihm eine letzte rührende Huldigung darzubringen. Der Zudraug war während der drei Tage, die der Bestattung vorausgingen, sehr groß. Am Tage der Leichenfeier, die um 12 Uhr stattfinden sollte, war das Zusammenströmen der Menge ein derartiges, daß man nicht eine Beerdigung, sondern einen Triumphzug zu sehen wähnte. Das Begräbniß hatte einen durchaus jüdischen Charakter. Der Großrabbincr des Centralkonsistoriums und der Großrabbiner von Paris waren gekommen, um die religiöse Ceremonie zu leiten; sie waren von drei Rabbinatsassefforen, den Kultusbeamten, den Vorbetern und den Mitgliedern des Chores der beiden Tempel der Rue Notre Dame de Nazareth und der Rue Lamartine begleitet, die Verwaltungsbeamten der beiden Tempel hatten sich ihnen angeschlossen. Genau um 12 Uhr wurde ein Trauergesang von erschütterndem Eindruck von den Chören des Konsistorial-Tempels unter Leitung des Oberkantors Naumburg ausgeführt. Die Wirkung, die diese schöne, getragene hebräische Melodie, welcher die heilige Sprache einen noch vornehmeren Charakter verlieh, ausübte, ist nicht zu beschreiben. Sodann erhob man die körperliche Hülle des großen Mannes, und das riesige Gefolge setzte sich in Bewegung, das ganze aristokratische Viertel in Paris bis zum Kirchhof Mont-Martre, wo der Verblichene beerdigt werden sollte, durchschneidend. Auf dem Sarge war das akademische Gewand Halvvys ausgebreitet, auf einem Kissen von Sammet ruhten seine Insignien als Kommandeur des Ordens der Ehrenlegion. Abtheilungen der kaiserlichen Gendarmerie und die Nationalgarde mit eigener Musik geleiteten die Hülle des Würdenträgers des Ordens, und von Zeit zu Zeit unterbrachen vortrefflich ausgeführte Trauermärsche der Militärmusik über Motive aus der „Jüdin" und „Der Königin von Cypern", von Emil Jonas — einem damals lebenden bedeutenden israelitischen Komponisten — gesetzt, die feierliche Stille, die den Leichenzug auf dem ganzen Wege umfing. Die Enden des Bahrtuches wurden gehalten von den Herrn Cerf-Beer. Präsidenten des Centralkonsistoriums, dem Präsidenten der Akademie der schönen Künste und von den berühmten Komponisten Auber und Ambroise Thomas. Der Trauerzug wurde angeführt von den Herren Leon Halevy und Ludovic Halevy — Elfterer Bruder, Letzterer Neffe des Verstorbenen —, die beide in der Litteratur einen klangvollen Namen haben; die vollzählige Akademie der schönen Künste, das Centralkonsistorium, das Pariser Konsistorium und zahlreiche andere Korporationen folgten dem Leichenwagen in Trauerkutschen; in, den ersteren saßen die Großrabbiner, die Rabbinatsaffefforen, die Kultusbeamten, die Abgeordneten des Seminars und die Beamten der Tempelverwaltung. In der ungezählten Menge bemerkte man fast alle Berühmtheiten von Paris, man sah u. A. den Staatsminister Grafen Walewski, den Finanzminister Fould, den Präsidenten des gesetzgebenden Körpers Grafen Morny, den Halbbruder Napoleons III., den Seinepräfekten Baron Hausmann und unzählige Komponisten, Schriftsteller und dramatische Künstler. Prinz Napoleon und die Prinzessin Mathilde ließen sich gleichfalls vertreten. Daß Halvvys Glaubensgenossen in großer Anzahl erschienen waren, versteht sich von selbst. Wir nennen aus ihrer Reihe nur die Herren Emil und Isaak Pereire, Königswarter, Bischoffsheim und Ratisbonne. Die ungeheure Menge wuchs auf dem Wege derartig, daß, als der Zug auf dem jüdischen Friedhof anlangte, man die Zahl auf mehr als 20 000 Personen schätzen konnte. Der Friedhof war zu klein, um die ungeheure Schaar Derjenige», die gekommen waren, um dem Komponisten, dem sie jo viele genußreiche Stunden zu verdanken hatten, die letzte Ehre zu erweisen, zu fasten. Um den Friedhof und dicht am Grabe hätten sich mehr als 200 Sänger von der großen, der komischen Oper, dem Theater Lyrique und dem Konservatorium vereinigt, um vor der Einsenkung Tranerlieder zu singen, die eigens dazu verfaßt waren. Alle bedeutenden Musiker hatten sich's zur Ehre geschätzt, diese letzte Huldigung auf das Grab .des verewigten Meisters zu legen. Die vier bedeutendsten Schüler Halevys: Gunow, Maffow, Bazaine und Jules Cohen, welch Letzterer gleichfalls ein Jude war, hatten zusammen die Musik einiger ergreifender Strophen gesetzt. Unter den Sängern bemerkte man u. A. die großen Künstler: Roger, Faure und Levasseur. Hierauf hielt im Namen des Instituts Herr Couder, im Namen des Central- Konsistoriums Herr Cers-Beer, im Namen des Vereins der Schriftsteller und dramatischen Komponisten Ambroise Thomas und viele Andere glänzende Reden. Uns intereffirt am meisten an dieser Stelle die Rede, die der Präsident des Konsistoriums hielt, und welche in trefflicher Weise das jüdische Denken und Empfinden Halevys kennzeichnet, er sagte u. a.: „Nach den soeben gehörten beredten Worten erlauben Sie dem Centralkonststorium der französischen Israeliten, das Haldvq mit Stolz zu den Seiuigen gezählt, daß dasselbe den Tribut des Bedauerns, welches ein so vorzeitiges Ende in ihm erweckt, auf seine Gruft niederlege. Wir waren glücklich, ihn zu den Unsrigen zu zählen, nicht allein, weil er eine Zierde seines Landes gewesen, sondern noch mehr, weil er die Fahne seines Glaubens hochgetragen, und er inmitten dieser traurigen Epoche der Gleichgiltigkeit in Sachen der Religion den gesunden Sinn bewahrt, den Glauben seiner Väter nicht zu verleugnen, vielmehr den frommen Gedanken genährt hat, daß die Kinder dem Andenken ihrer Väter Rechenschaft über den Glauben abzulegen haben, und daß, geboren in derselben Wiege, das Grab sie nicht trennen soll. Er hatte das feinste religiöse Gefühl; dieses poetische und begeisterte Gefühl findet sich in den Lobgesängen wieder, mit denen er unsere Tempel bereichert hat, und so fremd ich auch allen Angelegenheiten des Theaters bin, so sei es mir doch erlaubt, daß es der fast religiösen Dichtung der schöne Gegenstand „Die Jüdin" war, die ihn zu den süßesten Melodien, den hinreißendsten Gesängen begeistert hat. Halövy besaß alle jene Eigenschaften, die den wahren Familienvater ausmachen. In feinem Heim war er ein Patriarch, fortwährend bemüht für Andere, denen er mit seinem Rath und seiner Börse ausgeholfen. Er war nie glücklicher, als wenn er unter seinen Schülern einen begabten Jünger fand; sodann folgte er demselben mit dem lebhaftesten Interesse, und es war seine größte Freude, ihm die unvermeidlichen Schwierigkeiten auf dem ersten Wege, die bei jeder Karriere find, zu ebnen. Eines Abends begegnete ich ihm in dem Augenblick, als er aus der Oper kam, wo er einer Vorstellung des Moses beigewohnt hatte, er war davon lebhaft ergriffen und redete mich mit folgenden Worten an: „Was ist das herrlich! Wie leuchtet das Genie aus diesem Werk hervor, nicht wahr, meine Herren? Das ist ein Ausbruch einer Seele, der die Reinheit ohne Schwäche bekundet." Ich könnte noch viele andere Züge ansühren, sie würden Ihnen alle sagen, wie sehr wir Ursache haben, den berühmten Mann zu beweinen, der viel zu früh den Seinigen und dem Ruhme des Vaterlandes entrissen ist." Der Großrabbincr des Centralkonsistoriums Isidor sprach darauf einige würdige, tief empfundene Worte über den Verblichenen und hielt in französischer und hebräischer Sprache die Weihgebete. Die Vorsänger der Tempelchöre sangen alsdann ein „Min.aamakim karaticka Jak“ in einem sehr schön getragenen Stil. Die Leiche wurde dann in die Gruft gesenkt, und die von der kaiserlichen Gendarmerie und der Nationalgarde angestimmten Gesänge beschlossen diese glänzende Feierlichkeit und vervollständigten die letzte von den Bekenner» aller Konfessionen ohne Unterschied und ohne Rückhalt dainals so reichlich lind sv einmnthig dem Gedächtnis; unseres berühmte» Glaubensgenossen dargebcnchte Huldigung.