Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- »r-iwjr *. V» w w .V ^^'^M^MWW^MWWWM^^M4A^MWW^M^WWWWM - 248 - DWWWWW verkündet der Gott, der die Aegypter nicht bekämpft, sondern bestraft und gezwungen hat, seinem Willen sich zu beugen, daß er Israel zu seinem Priestervolke erkoren hat. Dieses Priesterthum erfordert Gehorsam und Treue, Heiligung des Wesens. Aber ungleich dem des Priesterstammes in Israel, ist es nicht an die Abstammung geknüpft, denn nur Wenigen ist es versagt, zu kommen in die Gemeinde des Ewigen. Diese Gottesgemeinde zehntet, giebt die Abgaben, welche nach dem Einkommen sich abstufen und so dem Wesen der Staatsgemeinschaft entsprechen. Freilich die Verwendung — für Priester, Tempeldiener, Wallfahrten und Arme — erhebt auch sie zu einer religiösen Institution. Neben ihr aber wird der halbe Schekel gefordert, die Gabe, zu welcher Arm und Reich genau dieselbe Münze spenden. Eine solche Leistung kann nur auf rein religiösem Boden erstehen, um der Gleichheit Aller und jedes Einzelnen Ausdruck zu geben. Von der Schrift als eine einmalige Abgabe für den Bau des Wüstentempels gefordert, wurde sie zur Erhaltung des Tempels in der Königszeit wiederbelebt und lieferte während des zweiten Tempels die Mittel dazu, daß die täglichen Opfer aus den Gaben Aller für Alle und im Namen Aller dargebracht werden konnten. Doch nicht ohne Kampf und Widerstreben ließen die nationalen Ideen und Forderungen den religiösen den Vorrang. Finden wir doch selbst im biblischen Gesetz Spuren davon, daß hier und da das Nationale über das Religiöse den Sieg davongetragen hat. Jibbum deutet auf einen solchen Sieg hin. Das Religionsgesetz verbietet die Ehe zwischen einer Wittwe und dem Bruder ihres verstorbenen Mannes. Die Staatsraison dagegen fordert, daß die Familienzahl nicht verringert, das Familiengut nicht vermindert, sondern das Haus des Hingeschiedenen erbaut werde. Und für diesen Fall — der Kinderlosigkeit des Verstorbenen — weicht das Religionsgesetz zurück und hat erst später wieder zögernd die ihm zustehende Stelle zurückgewonnen. Auch die Institution des Königthums ist — wie Samuel es besonders lebhaft empfunden hat — eine Konzession an die Staatsraison, bei welcher die Idee des himmlischen Königs beeinträchtigt wurde. Immer, schroffer treten in dem Geschichtsleben Israels Volksthum und Religion einander entgegen. Was dem Volksthum unbedingt Erforderniß ist — Bündniffe mit den Nachbarvölkern, Nachgebeu und Nachahmen ihrer Sitten und Gebräuche, Verschmelzen mit den im Lande gebliebenen Resten der Kanaaniter —, das kann die Religion nicht zulassen, und deshalb herrscht mit kurzen Pausen beständiger Kriegszustand zwischen beiden. Die Erbauung des Tempels in Jerusalem nimmt den vielen lokalen und Stammeskultstätten die Berechtigung, zu sein, und zeigt auch dadurch das Ueberwiegen der Religion über den Staat. Die Theilung des Reiches dagegen giebt in dem Entstehen des Nordreiches Israel dem Volksthum den Sieg auf Kosten der Religion. Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Aegypten geführt haben, so lautet das Leitmotiv. Diese Volksordnung führt zur Verehrung der Nationalgottheit auf dem nationale» Boden. An der Nord- und an der Südgrenze thront fortan der Volksgott in der Gestalt eines goldenen Kalbes. Damit geht Israel dem Judenthum verloren. Dem ernsten Geschichtskenner erscheint es da als kein großer Verlust, daß dieses Israel unter der Dynastie des Omri von der Kälberverehrung zum Dienst des Baal und der Astarte vor oder zurück (wie man's eben nimmt) geht. Dagegen ist es eine nicht schwer genug zu nehmende Schädigung geworden, daß man in späteren Zeiten alles, was im Dienst der Kälber gethan, gesprochen und gedacht worden ist, als im Dienste Gottes vollzogen ansieht, daß man das nationale Jsraelitenthum ohne Bedenken mit dem religiösen Judenthum zusammenwirft und beide unter einander mischt. Die um Zion Trauernden waren, je länger, je mehr, geworden nur Trauernde um ihr eigenes herbes Geschick. Die Worte und die Töne blieben, der Herzenswunsch schwand und veränderte sich. Immer weniger dachte man an die Heimkehr nach der Volksheimath, immer mehr ward man inne, daß das Judenthum an kein Land, an keine Abstammung geknüpft ist. Jeder, der den einen Gott bekennt, ihn den seinen nennt, ist Jude. Denn sein Glauben und Fühlen wird genährt aus dem Born der Gotteslehre, sein Leben wird durchströmt von diesem Gottesquell! Könige und Sklaven, Semiten und Arier, Slaven und Germanen, weiße, schwarze, gelbe Menschen gehörten und gehören dem Judenthum an. Trotz scheinbarer Rückfälle (die seltsamen Utopien vom Judenstaat, Zionismus, unreligiöse Vereine jüdischer Studenten zählen hierzu), schreitet diese Entwickelung voran: Das Judenthum enthüllt sich immer deutlicher als der Baum des Lebens seinen Bekennern. Im Schatten dieses Baumes sammeln sich ohne Rücksicht auf ihre Herkunft die Gotterlösten. Die Verheißung erfüllt sich: Auch von ihnen nehme ich zu Priestern, zu Leviten, ist der Spruch des Ewigen. Abgesehen von den Kohanim und Leviten, wiffen wir nicht, ob wir aus Israel stammen, nicht, welcher Raffe, welchem Lande unsere Väter zugehört haben. Und die Lehrer und die Belehrten macht allein zu Juden, daß wir zu Gott stehen und zu seinem Gesetze. Deshalb darf eS uns nicht genügen, daß wir hier und da Hinblicken auf die gewaltigen und ergreifenden, die anmuthigen und lieblichen Bilder, welche die Geschichte Israels zeichnet. Wir sind nicht nur Bewunderer der Vergangenheit, sondern Glieder eines lebensvollen Organismus. Unser Streben und unser Erschlaffen, unser Irren wie unser Vorschreiten werden dereinst sich verdichten zu einem Blatt in der Geschichte Israels. Möge es künden, daß der Sieg geblieben ist dem Glauben über das Volksthum, daß stets stärker geworden ist die Erkenntniß: Auch in unserer Zeit lebt Israel nur in Gott und durch Gott, lebt, um das Gotteslicht auf Erden zu erhalten, zu lernen, zu leben, zu lehren das Wort des Ewigen, unter dem Banner des Einen-Einzigen Alle zu sammeln, die ein Höhersteigen der menschlichen Gesittung erhoffen! Jacques Frsmental Salevy. Zum hundertsten Geburtstage des Komponisten. Bon Dr. Adolph Kohut. m 17. März 1862 starb zu N izza im Dufte der Rosen, umgeben von seiner Frau und seinen Töchtern, einer der größten Komponisten Frankreichs, Jacques Fromental Halevy der Schöpfer zahlreicher Opern, von denen namentlich die „Jüdin" ihm die Unsterblichkeit gesichert hat. Die Nachricht von seinem Tode ließ alle Herzen in seinem Vaterlande erbeben, und die Trauer war eine allgemeine. Zu jener Zeit gab es noch keinen Antisemitismus in Frankreich, und das Schlagwort vom „Judenthum in der Musik" war noch nicht ausgegeben. So kam es denn, daß seine Leichenfeier, die kurze Zeit nach seinem Ableben in Paris stattfand, sich gleichsam zu einer Nationaltrauer gestaltete. Von Nizza, wohin sich der fleißige und rastlose Tonkünstler, der sich nie Ruhe gönnte, begeben halte, um unter einem milderen Himmelsstrich Erleichterung von der ihn verzehrenden Krankheit zu suchen, wurden seine sterblichen Ueberreste nach Paris gebracht, um dort in der Familiengruft beerdigt zu werden. Halevy lebte und starb wie ein frommer Jude. Alle Trauerceremonien wurden nach dem traditionellen