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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-26 · Heft 21 (26.5.1899) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 21 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 Rabbinen war wie früher den Propheten die Religion das Erste und Hauptsächliche, dasVolksthum das Nebensächliche. Nicht der Zusammenbruch des Staates — allein die Zerstörung des Tempels wird beweint. In der Partei, welche für die ganze Folgezeit die Richtung gebende geworden ist, wird ein neuer Dualismus festgestellt. Wie früher Israeliten und Nichtisraeliten — so stellt nian jetzt den Chaber dein Arnhaarez entgegen. Es genügt nicht, daß inan zum Volke gehört und die hergebrachten Uebungen .mitmacht, soweit es beliebt und nicht belastet. Die Chaberim bilden einen Bund, dem man mit der Verpflichtung beilritt, die Gesetze der Zehnten und der Taharoh streng zu befolgen, d. h. das sorgfältig zu bethätigen, was jener Zeit als die Quintessenz der Religion erschien. Inzwischen halte der nationale Gedanke noch einen letzten Sieg errungen. Der Kampf um die Religionsfreiheit hatte unter Führung der Hasmonäer die Unabhängigkeit des Staates gebracht und den priesterlichen Siegern zu dein Diadem des Hohenpriesters auch die Köuigskrone aufs Haupt gesetzt. Doch eben das Königthum mit seiner Machlfülle und seinem Machtstreben, die hohe Politik, welche das Bündniß mit Rom gesucht und geschlossen hatte, führten den Untergang herbei. Judaea devicta — das besiegte Judäa ward zur Sklavin Roms, das mit dem bewunderungswürdigen Scharfblick, der seine Staatskunst auszeichnet, den Tempel und nicht den Königspalast als den Stütz- und Haltepunkt des Jndeuthums erkannt und vernichtet hatte. Aber über dem Klugen erhob sich ein Klügerer. Nach Zerstörung des Tempels hat Gott in seiner Welt nur die vier Ellen der Halacha, lehren die Rabbinen. Das Eigenartige des Judenthums erstand reiner aus den entstellenden Umhüllungen herausgeschält, aus dem Feuer des zehnten Ab. Die Kraft dieser Gesammtheit ist in ihrem Munde, denn die Stimme ist Jakobs Stimme. Gebet und Studium, Läuterung und Weihe des Empfindens, Erkenntniß und Vertiefung des Geistes, das wurde Israels Gottesdienst. Was Herz und Hirn als gut und groß erfaßt, das bethäligt der Mensch, das erfüllt und gestaltet sein Leben. Jabnes Hochschule hat den Tempel ersetzt. Dort wurde in der von R. Jochanan den Saccai angeregten Weise mit kühner Hand all das losgelöst, was dem Volksthum, dem Staate der Juden zugehört hat. Die an den Besitz des Landes und das Bestehen des Tempels geknüpften biblischen Vorschriften sollten nicht mehr geübt werden. Einen weiteren Aufschwung dieser Richtung bringt dann die Gesetz gewordene Lehrmeinung des Babyloniers Samuel: „Das Gesetz des Staates ist Gesetz." Dem sittlichen Bedürfen blieben übrig Thora und Wohlthun. Die Avoda, der Tempeldicnst, ward ersetzt durch Studium und Gemeindegebet.. Und ihr Gott kam den Heimathlosen nicht abhanden, denn überall, wohin sie vertrieben wurden, ging die Gottheit mit ihnen. Wie das besiegte Griechenland, hat auch das besiegte Judäa seinen Sieger besiegt, dort durch Sprache und Kunst — hier durch Gottesglauben und Moral! Wohl haben die Lehrer des Judeuthums nicht Bekehrungen erjagt — (die Stelle des Mathäusevangeliums gewinnt durch das „einen" Proselyten die Bedeutung eines Berichtes über einen bestimmten Fall) — und doch fand das Judenthum in der Zeit bald nach Vernichtung des Reiches zahlreiche Bekenner und Genossen in allen Völkern und bis in die höchsten Schichten Roms. Da gab es Halb- und Ganzbekehrte. Asfiliirte, welche sich nur mit dem Herzen der Lehre von dem einen Gotte zugewendet hatten, und solche, die einzelne Theile der Religionsübung bevorzugten, wirkten für die Juden, und ihre Nachkommen wurden Juden. Im Christenthum wie im Mohamedanismus haben die Gotteserfassung, die Sittenlehre und die Messiasidee des Judenthums die Welt erobert. Die letztere Idee spiegelt in ihrer Entwickelung den Verlauf des Kampfes zwischen Volksthum und Religion. Zuerst war der Messias der gottgesandte König aus dein Hause Davids, welcher irn Kampf Israels Bedränger vernichten und seinem Volke Freiheit und Macht geben soll. Schon der Talmud (Succa 52 a) weiß, daß dieser kämpfende Messias der Messias ben Josef ist, der getödtet wird. Nach den späteren Midraschim sammelt dieser Messias, nachdem er Gog und Magog vernichtet hat, Israel aus allen Ländern, zieht mit ihm nach Jerusalem, erbaut den Tempel und gründet sein Reich. Aber Armilos giebt sich als den wahren Messias aus, wird von allen Völkern, außer von Israel, anerkannt, und siegreich tödtet er den Messias und zersprengt Israel in die Wüste. Dort erscheint der Messias ben David, welcher der Sünden wegen so lange verborgen gehalten wurde. Er tödtet den Armilos, befreit Israel und gründet das wahre Messiasreich mit einem neuen Jerusalem und einem neuen Tempel, die beide vom Himmel zur Erde kommen. Das lV. Buch der Sibyllinen schildert diese Messiaszeit: Auch wird er dann ein Reich für ewige Zeiten errichten. Unter den Menschen zumal, wen» heilige Satzung den Frommen Er verlieh'», denen er insgesammt zu eröffnen versprochen Erde und Welt und der Seligen Thron und sämmtliche Freuden. Und von sämmtlicher Erde wird man Geschenke und Räucherwerk Tragen zum Hause des mächtigen Gottes; es wird auch kein anderes Haus zu erfragen sein bei den Menschen, die leben in Zukunft, Außer das Gott zu ehren verlieh'» den gläubigen Männern. — Das Mittelalter war ebenso wenig wie das Alterthum im Stande, fremde Bestandtheile in den Volkskörper einzugliedern. Eingekapselt nur wurden die Fremden, nicht ausgenommen. So blieben die Juden Fremde, obschon sie sich überall vollständig assiinilirten, weil sie nicht auch ihre Religion darangeben wollten, wie sie ihr Volksthum willig abgethan hatten. Die herrschend gewordene Kirche verstärkte dieses Fremdlingsbewußtsei». Sie, welche ihren Gläubigen das Weltbürgerthum brachte, stieß die Ungläubigen in die Enge des Volksthums zurück. Die auf fremdem Boden heimathlos Erklärten suchten nun eifrig nach einer Stätte, wo das Szepter noch bei Juda weilte, weil Juda sonst das Recht, fortzubestehen, verloren hätte. Eine Nachblüthe feierte das Nationalitätsbewußtsei». Aber es war selbst ein anderes, es war ein Theil der Religion geworden. Jehuda Ha-Levi ist der beste Interpret dieser Stimmung, der geeignetste Vertreter dieser Gesinnung, er, der die Lieder Zions sang ans fremdem Boden, der in Spanien Unsterbliches geleistet und in Palästina gefunden hat allein — ein frühes Grab! Auch zieht das Gesetz des Judenthums in seinem Beginn wie in seiner Entwickelung so mancherlei in sein Bereich, worüber wohl die Religion zu wachen, wofür jedoch der Staat nicht zu sorgen hat, jedenfalls im Alterthum sonst nirgends gesorgt hat. Die Fürsorge für die Sklaven heidnischer Herkunft, für Wittwen, Verwaiste und Fremde, der ganze Komplex der ethischen Lehren, ferner die über die gewöhnliche Sanitätspflege weit hinausgehenden Anordnungen — die bestimmen, wie man sich kleiden, baden, waschen, was man essen und berühren darf — bekunden, daß Israel stets gedacht war als ein „Reich von Priestern und ein heiliges Volk". Vielleicht aber war Volksthum und Religion so sehr mit einander verschmolzen, weil man, noch mehr als die andern Völker, sich wußte unter der Hut und Leitung seines eigenen Gottes? Vielleicht hat nicht der Glaube an den eineü, sondern an seinen einen Gott diesem Volke fälschlich das Gepräge einer Religionsgemeinde aufgedrückt? Daß von Henotheismus nicht die Rede sein kann, kündet das II. Buch Mose mit unwiderleglicher Klarheit. Alle jene Tüfteleien versinken vor dem Worte: Ihr sollt mir sein ein erlesenes Gut von allen .Völkern, denn inir gehört die ganze Erde! Diesen seinen Erlesenen i 1 4 \ 5. I

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