Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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11 "■«!' .«Uli.U»V^M^^W«MMMBWWWWWWWWWWWWWWW 246 daß Geld manches verdeckt, hat Israel als Sonderheit, daß . Wissen adelt. Ein Gelehrter von unsauberer Herkunft geht dem unwissenden Hohepriester voran. Reiches Wißen, das man mit reinem Wesen untrennbar verbunden glaubte, adelt. Am Ausgange, des Versühnungstages begleitete alles Volk den Hohenpriester aus dem Tempel nach Hause. Als man bemerkte, daß Schamaja und Abtaljon ebenfalls heimgehend abbiegen wollten, blieb der Hohepriester allein, denn Jeder wollte den Lehrern das Ehrengeleit geben. Der dadurch gereizte Priester rief: Lasset die Abkömmlinge der Heiden in Frieden dahin gehen. Doch die Erwiederung blieb nicht aus: Die Abkömmlinge der Heiden gehen in Frieden dahin, die thun wie Aharon, und nicht gehe der Sohn Ahrons in Frieden, der nicht Ahron gleich thnt. — In Judäa tobte der Kampf weiter fort. Das Königthum lind die Politiker wollen die Religion als ein Mittel der Staatskunst ausnützen. Die Religion fordert dagegen, daß das Volk den idealen Anforderungen der Gesittung entspreche, sich bilde und läutere und dem Kämpfe» und Ringen um Bedeutung auf dem Welttheater entsage. Schon der Tempelerbauer Salomo hatte im Staatsinteresse sich mit den Herrscherhäusern von Aegypten, Ammon. Moab, Edom, Sidon und dem der Chittiter verschwägert und für diese Frauen Kapellen und Tempel den Gottheiten dieser Länder errichtet. König Ahas läßt einen Altar nach dem Muster eines solchen in Damaskus im Tenipel bauen und bringt in eigener Person auf ihn: Opfer dar. Das ist das Königspriesterthum — das Obsiegen der Nationalität über die Religion. Aber schon war der Heros erstanden, der die Niederlage in Sieg verwandelte dadurch, daß er den Horizont erweiterte und die idealeil Ziele der Menschheit den kleinen Bestrebungen des Volksthumes entgegenstellte — das jüdische Prophetenthum. Jener unbekannte Prophet hatte in den Sätzen, welche Jesaias und Micha ihm entlehnt haben, mit dem Jdealbilde des jüdischen Königs die Jdealgestalt des gottgesandten Messias vereint, der die Zeit herbeiführt, in welcher der Säugling auf den: Otternloch spielt, und das Kind seine Hand in die Schlangenhöhle steckt, ohne daß sie geschädigt werden. Völker streben hin zur Wurzel Jsais, die zum Banner den Völkern wird. Diese sprechen: „Auf, wir wollen ziehen zum Berge des Ewigen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen, damit wir gehen in seinen Pfaden, denn von Zijon geht die Lehre aus und das Wort des Ewigen von Jerusalem. Dieses Gotteswort soll richten zwischen vielen Völkern, es soll zurechtweisen mächtige Nationen bis in die Ferne, daß sie umschmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Spieße zu Winzermessern!" Dies ist das Erlösungswort, das Ziel des religiösen Strebens für alle Zukunft geworden. In dem Eifer, es zu beleben, es durchzuführen, steigen die Propheten von der einsamen Höhe der Ideen nieder in die belebte Welt der Wirklichkeit, werden sie Lehrer und Leiter der Menschheit. Es folgt die unscheinbare und undankbare, aber so bedeutsame Arbeit, das große Wort in den kleinsten Dingen des Lebens auszuprägen. Jesaias und mit ihm viele Gleichstrebende fielen als Märtyrer ihrer religiösen Ueberzeugung, da Manaffe „gar sehr viel unschuldiges Blut vergossen hat" (II. Kg. 21, 16). Das war die blutige Reaktion der Regentschaft und Manaffes gegen die Regierungsweise Chiskijahus, die Forderungen der Religion dem nationalen Machtstreben voranzustellen. „Wir wollen sein gleich allen Völkern ringsumher," ist das Wahlwort dieser Zeit (695—621) bis auf Josia gewesen. Durch 70 Jahre fristete die Partei der Propheten im Dunkel, in den niederen Schichten der Bevölkerung ihr Dasein, bis endlich in den letzten Jahrzehnten des Staatslebens der religiöse Gedanke wieder offen hervortreten durfte. Freilich umkleidete die Auflösung des Staates den Staatsgedanken mit einem neuen Nimbus und stellte der Alleinherrschaft des Religionsgedankens neue Hindernisse entgegen. Doch dem „Wie soll ich Zions, des Ewigen Lied singen, im Lande der Fremde?" stellt sich Jeremias' Aufforderung entgegen: „Suchet das Wohl der Stadt, in die ihr verbannt worden, und betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Frieden wird euch Frieden sein." In dem fremden Lande bleiben sie Judäer, wenn auch Sprache und Sitte sich ihnen wandelt —, wenn auch ihre Volkszugehörigkeit sich geändert hat. Es ist ein Volk, noch immer ein Volk, aber ausgestreut zwischen den Völkern. Die über verschiedene Länder wahllos hingeworfenen Glieder des Volkskörpers werden belebt und verbunden durch den Geist — den Gottesglauben und die Lehre. Das ist Israel im Exil unter der persischen Herrschaft. Nur eine Minderheit kehrt heim und ringt auf dem alten Heimathsboden den alten Kampf von Neuem. Die Volkssprache war den Heimkehrenden verloren gegangen. Nicht nur die Kinder der fremden Frauen sprechen die Sprache ihrer Mütter. Alle sprechen chaldäisch und nicht mehr hebräisch. Die Sprache der Thora verstehen sie nicht mehr. Der Text muß ihnen erst übersetzt und dann erklärt werden. Wohl tritt der nationalste aller Propheten — Ezechiel — im Auslande auf, in Palästina der religiöseste, wenn man so sagen darf — Maleachi — er, der die Summe aller Prophetie zusammengefaßt hat in den Worten: „Ihr werdet den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Frevler, da euch, die ihr meinen Namen fürchtet, die Sonne des Rechts erstrahlt und Heilung in ihren Flügeln. Gedenket der Lehre Mosis, meines Knechtes, dem ich am Horeb für ganz Israel entboten habe Satzungen und Rechte." Und doch tritt in Palästina das Volk, im Auslande mehr die Religionsgemeinde hervor. Wenn ein Heide in Judäa Jude wird, so heißt es nicht nur: Dein Gott ist mein Gott, sondern auch dein Volk ist mein Volk; er scheidet aus seinem Volke und wird im Volke der Juden ausgenommen. Dagegen die zur Zeit Esthers in den Landschaften Persiens Juden wurden (D'TPflö), sind nicht ausgewandert in das Land, haben nicht angenommen die Sprache der Juden. Sie lebten fort wie bisher unter persischem Szepter in dem Lande ihrer Väter, sprachen weiter die Sprache ihres Volkes, aber sie beugten sich dem Gotte der Juden, beteten ihn an, bückten sich nicht mehr ihren Göttern und, wie es Römer und Griechen später bezeichnen: sie neigen sich den Sitten der Juden zu. Nichts von Jerusalem, nichts vom Vaterland und dem Volksthum weiß die Estherrolle. Und Daniel betet dreimal täglich. Er gehorcht Gott, hält sich vom Götzendienste frei und befolgt die Vorschriften der Thora. Das ist das Judenthum der hohen Beamten am Hofe der babylonischen und persischen Könige. Das lehrt uns auch das Judenthum der im Reiche Alexanders und später in den Ländern der Diadochen lebenden Juden verstehen. Man rechnet sie wohl zu dein Volke der in Palästina wohnenden Juden. Aber sie sprechen und schreiben, sie denken und dichten in griechischer Sprache. Was allein sie von ihren heidnischen Mitbürgern unterscheidet, ist, daß sie der Thora folgen und das Götzenthum ablehnen. Das Wort des Jona wird immer zutreffender: Ein Hebräer ist, wer den einigen Gott des Himmels fürchtet, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Die zu den Festen nach Jerusalem Wallfahrenden mußten sich nach Landschaften in besonderen Gebethäusern vereinen, weil sonst die babylonische Sprachen- und Dialektverwirrung selbst den gemeinsamen Gebetsgottesdienst unmöglich gemacht hätte. Noch fanden Alle in dein Tempel den Einigungs- Punkt, sowohl die, welche Königthum, Priesterthum, Volk und Land Palästina dem Gottesglauben und der Gottesverehrung gleich hoch bewerteten, wie die, welche in dem Gesetze und der Lehre allein das Heil erblickten, das zum Lichte der Völker aufgegangen ist. Doch den