Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 kleinen Vereine hinzuweisen, in denen die verschwindende Minorität aus einheimischen Kindern besieht. Es bleibt dann nur die Annahme übrig — und das wäre das Betrübendste —, daß in der Subventionskommission, die zunächst über die eingegangenen Vorlagen zu entscheiden hat, ein Geist einseitiger Prinzipienreiterei waltet, der der modernen Zeit durchaus nicht entspricht und in bedauernsweriher Kurzsichtigkeit die sozialen Aufgaben der Gegenwart verkennt. Es ist bereits in diesem Blatte ausgeführt worden, daß die Gemeindeverwaltung nicht nur aus Wohlwollen für ein junges gemeinnütziges Institut zur Bewilligung der Vorlage kommen müßte, sondern auch in der Ueberzeugung, „daß die Förderung des Handwerkes zu den Obliegenheiten und Pflichten einer Gemeinde gehört, und hauptsächlich in der weitschauenden Erwägung, daß die Unterstützung, die sie der arbeitenden Jugend zu Theil werden läßt, zur Hebung des ganzen späteren Wohlstandes der Gemeindemitglieder beiträgt, und daß diese Unterstützung zehnfach größer sein werde, wenn aus dieser Jugend anstatt gesunder, leistungsfähiger Handwerker — arme Hansirer und kränkliche Familienväter hervorgehen würden." Das ist auch der Gesichtspunkt, aus dem heraus man zur Beurtheilung dieser Angelegenheit kommen muß, gleichviel, ob die Ablehnung der Petition den Verein Lehrlingsheim oder irgend einen anderen Verein mit gleichem Ziele getroffen hätte. Wir halten deshalb eine Nachprüfung der Vorlage für durchaus erforderlich und sind der sicheren Ueberzeugung, daß diese Nachprüfung auch zu einer Aenderung des Beschlusies führen wird. Man sollte doch zu den welterfahrenen Männern des Kuratoriums des Lehrlingsheims das Vertrauen haben, daß sie sich nur in Ermangelung eines schnellen und sicheren anderen Weges zu der Petition an den Gemeindevorstand entschlossen haben, und daß sie sicherlich eine weit größere Genugthuung empfunden hätten, wenn sie auf anderem Wege die Kosten ihrer Anstalt hätten decken können. Ist der Vorstandsbeschluß, der ja doch kein ewiger ist, aber nicht rückgängig zu machen, so wird dem Verein ja nichts anderes übrig bleiben, als durch eine verstärkte Propaganda in privaten Kreisen die entstandene Lücke auszufüllen und sich die nöthigen Mittel für seine gute Sache zu schaffen, aber das Urtheil der Welt über die sozialpolitische Reife und das Verständniß für ein so weites Feld Humanitären Handelns bei Denen, die eine solche Subvention ablehnen, wird dann allerdings kein sonderlich günstiges sein. Israelitischer Lelirerverem des GroMerzogthnms Kessen. (Provinzialko nferenz.) ie zweite Provinzialkonferenz der rheinhessifchen Mitglieder des obengenannten Vereins fand am 30. April d. I. in Mainz statt. Die im Vorjahre durch den Vorsitzenden, Herrn Lehrer Marx- Alsheim, gegebene Anregung zu diesen Konferenzen fiel auf fruchtbaren Boden. Das bewies das zahlreiche Erscheinen der rheinhessischen Lehrer, von denen nur wenige, welche ihr Fernbleiben entschuldigt hatten, fehlten. In seiner Begrüßungsansprache kennzeichnete der Vorsitzende, Herr Marx, in der ihm eigenen beredten Weise den hohen Werth solcher Zusammenkünfte. Er bezeichnete dieselben als „Merksteine" im Lehrerleben, welche die durch berufliche und andere Mißhelligkeiten oft gedrückte Stimmung des Lehrers zu heben und aufzuheitern geeignet sind. Sie fördern den geselligen Verkehr und unterstützen die so notwendige Fortbildung des Lehrers, indem sie den gegenseitigen Meinungsaustausch über praktische Fragen der Lehr- und Erziehungsthätigkeit wesentlich erleichtern. Vor Eintritt in die Tagesordnung vollzog nun die Versammlung die Wiederwahl des Herrn Marx zum Vorsitzenden und des Unterzeichneten zum Schriftführer. Hierauf referirt der Vorsitzende zu Punkt 1 der Tagesordnung: „Mittheilungen über den am 26. und 27. Dezember 1898 stattgehabten Berbandstag der israelitischen Lehrervereine Deutschlands sowie über die Schul- und Lehrerverhältnisse unseres Landes." Er berichtet über die Beschlüsse der Delegirtenverfammlung betreffs Gründung einer Unterstützungs- und Reliktenversorgungskasse und der Lehrerbildung. Im Anschluß an dieses Referat giebt Herr Rabbiner Dr. Salfeld- Mainz interessante Mittheilungen über die hisher zwecks Erreichung einer Besserstellung der hessischen Lehrer unternommenen gemeinsamen Schritte der Vorstände beider hessischen Lehrervereine und über die erzielten Resultate. Die vor einigen Wochen von hoher großherzoglicher Regierung in Darwstadt empfangene Deputation nahm den Eindruck aus der Audienz mit, daß die großherzogliche Regierung unseren berechtigten Bitten jetzt mit großem Interesse gegenübersteht, und daß die Regelung unserer Verhältnisse durch die großherzogliche Regierung nur eine Frage der Zeit ist. Eine diesbezügliche Enquete ist bereits im Gange. Punkt 2 der Tagesordnung brachte ein Referat des Kollegen Scheuermann-Bingen über das Thema: „Wie muß ein gutes biblisches Geschichtsbuch beschaffen sein, und in welchem Maße find dies die Bücher von Müller, Plaut und Sondheimer?" Referent entledigte sich seiner Aufgabe in ganz vorzüglicher Weise. Wir müssen es uns versagen, im Rahmen dieses kurzen Berichtes auch nur eine dürftige Blumenlese aus der Fülle des Wissenswerthen, das dieser Vortrag enthielt, zu bringen. Redner kommt bei Besprechung der Mängel und Vorzüge der erwähnten drei Bücher zu dem Urtheil, daß dieselben nach der Skala: Sondheimer, Müller, Plaut zu bewerthen sein. Der Vorsitzende dankt dem Redner Namens der Versammlung für seinen mit großem Fleiß und Geschick bearbeiteten Vortrag. Die sehr rege Diskussion, die an das Scheuermannsche Referat sich knüpfte, förderte auch andere Meinungen zu Tage. Herr Dr. Levy-Alzey erblickt in der Würdigung der prophetischen Litteratur durch das Müller'sche Buch einen Vorzug desselben vor dem Sondheimer'schen und will es darum diesem vorangestellt wissen. An der Debatte betheiligen sich hauptsächlich noch die Herren Dr. Salfeld und Strauß-Odernheim. Zu Punkt 3 der Tagesordnung wird beschlossen, eine Gesangsabtheilung zu gründen. Die erste Probe findet Donnerstag, den 11. Mai, in der Wohnung des Kollegen Marx-Alsheim statt. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Der Vorsitzende theilt nun mit, daß der Vorstand der israelitischen Gemeinde Mainz auch in diesem Jahre eine Subvention zu den Reisespesen der Konferenztheilnehmer gewährt hat. Dafür wie für die Ueberlassung des Gemeindesaales bekundeten die Erschienenen ihren Dank durch Erheben von den Sitzen. Hierauf dankt Kollege Stern-Alzey dem Vorsitzenden für seine Mühewaltung, und die Anwesenden stimmen begeistert in das Hoch auf denselben ein. Ein gemeinschaftliches Mittagessen im Hotel Marx hielt die Kollegen noch beisammen, und erst gegen Abend kehrten sie in die Heimath zurück mit dem Bewußtsein, daß auch diese Konferenz einen hübschen und geistig anregenden Verlauf genommen. Der Schriftführer: Abr. Stern-Gimbsheim. Religion oder Nation. Bon Rabbiner Dr. A. Lew in in Freiburg. II. tT^mmer wieder empörte sich das nationale Empfinden gegen die Ty Weitherzigkeit der Religion. Das JichuS in seiner wandelnden Qö Bedeutung spiegelt dieses Ankämpfen nnd seine Niederlage wieder. Von Vornehmen abstammen heißt es zuerst — dann, wenigstens priesterbürtig sein — d. h. aus einer Familie stammen, welche die nationalen, aber ebenso die religiösen Eheverbote nie verletzt hat! Zuletzt aber bezeichnet Jichus die Achtung, welche Stellung, Vermögen, Wirken nnd besonders Wißen und Gelehrsamkeit der Vorfahren den Nachkommen sichern. Neben dem allgemein Menschlichen,