Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Vorgänge in Nikolajew zu sagen, so genügten die censurirten Berichte dennoch, um zu erkennen, daß in der großen Handelsstadt am Bug Unruhen stattgefunden haben, welche an Ernst und Wildheit die Judenverfolgungen von 1882 in mancher Hinsicht übertrafen. Die Stadt bietet auch jetzt noch ein Bild arger Verwüstung. Die Juden, die den dritten Theil der Bevölkerung bilden, wagen es nicht, ihre Wohnhäuser zu verlassen und ihre Geschäfte zu öffnen. Auf den Straßen sieht man nur berittene Polizisten und Kosaken, welche jede Ansammlung mit Waffengewalt auseinandertreiben und für die Erhaltung der Ruhe sorgen. Alle Maßregeln haben jedoch, wie es scheint, nicht viel genutzt, denn einem Telegramm zufolge haben wieder neue Krawalle stattgefunden, wobei zahlreiche Häuser demolirt wurden. Die „Times" hat sich übrigens auch bei dieser Gelegenheit vorlügen laffen, daß die Exzesse von Sozialdemokraten veranstaltet worden seien, was absolut unwahr ist. Die tiefste Empörung müssen aber die letzten Nachrichten erregen, die von Exzeffen in den jüdischen Ackerbaukolonien Nahartow, Romanow und Droboje die schauerlichsten Details melden. Alle Maschinen wurden unbrauchbar gemacht, die Saaten zertreten, das Vieh weggetrieben, die Arbeiter verletzt oder getödtet. Zwar hat der Gouverneur von Cherson, Fürst Obolensky, den Juden seinen Schutz und vollen Schadenersatz zugesichert — aber diese wissen nur zu gut, daß sie solche Zusicherungen nach jedem Krawall erhalten haben, ohne daß sich ihre Lage dadurch auch nur im Geringsten verändert hätte. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 23. Mai. eit jeher ist der praktische Wohlthätigkeitssinn in Israel vorherrschend, der immer bereit ist, wo es die Begründung oder Erhaltung eines lebensfähigen Werkes gilt, große Opfer zu bringen/ und es hieße, hundertmal Gesagtes zum Ueberdruß wiederholen, wollten wir alle die Institute und Bestrebungen aufzählen, die sich der werkthätigen Fürsorge weitester Kreise erfreuen. Auch die Gemeindekorporationen haben, soweit das in ihren Kräften stand, sich diesen Verpflichtungen nicht entzogen, und am allerwenigsten ist man berechtigt, der jüdischen Gemeinde Berlin nach dieser Richtung hin begründete Vorwürfe zu machen. Ein Zweig der Wohlthätigkeitsbestrebungen, der noch nicht zu alt ist, hat sich allerdings noch nicht die Liebe und Theilnahme Aller zu erringen vermocht. Es ist dies die Zuführung der israelitischen Jugend zum Handwerk und zu den technischen Berufen. ES ist sicherlich eine Verkennung der sozialen Aufgaben der Gegenwart, wollte man die Wichtigkeit, Nothwendigkeit und Nützlichkeit dieser Bestrebungen bestreiten, und wohl kein Berufszweig hat für unsere Zeit einen begründeteren Anspruch auf Förderung als die genannten. Ein besonderes Verdienst um diese Aufgabe hat sich der „ V e r e i n Lehrlingsheim Pankow" bereits in der kurzen Zeit seiner dreijährigen Wirksamkeit erworben, die in vollkommener Weise den Erwartungen entsprochen hat, welche an die Gründung des Vereins geknüpft worden sind. Es sind dort die verschiedenartigsten Handwerke erlernt worden, und zur Zeit befinden sich in der Anstalt Lehrlinge des Buchbinder-, Gürtler-, Goldarbeiter-, Gärtner-, Klempner-, Schlosser-, Tischler-, Maurer-, Maler-, Mechaniker- und Maschinenbauerhandwerks, die dazu angehalten werden, neben der Erlernung ihres Berufes den Besuch von Fach- und Fortbildungsschulen zu pflegen, worin der Verein durch die städtische Handwerkerschule und Fortbildungsschulen eine recht dankenswerthe Unterstützung erfährt. Es konnte die erfreuliche Thatsache verzeichnet werden, daß nur mit ganz vereinzelten Ausnahmen alle nach beendeter Lehrzeit zur Entlassung gelangten Zöglinge dem erlernten Handwerke treu geblieben sind und durch dieses ihren Unterhalt erwerben» und dem Institut kann es nurjitr Ehre gereichen, wenn seine Zöglinge auch im Auslande durch ihre hervorragende Tüchtigkeit den deutschen Namen und das deutsche Handwerk zu Ehren bringen. Die Lektüre des Verwaltungsberichtes, der diese Thatsachen verzeichnet, und aus dem auch die wichtigsten Daten in Nummer 19 d. Bl. angeführt waren, würde somit eine erfreuliche sein, wenn nicht in demselben hätte betont werden müssen, daß zur Erreichung der Ziele, die sich der Verein gesteckt hat, ganz erheblich größere Mittel gehören, als ihm leider im Augenblick zur Verfügung stehen, wenn nicht darauf hätte hingewiesen werden müssen, daß 19 zum Theil sehr bedürftigen Gesuchsstellern die Aufnahme aus Mangel an zureichenden Mitteln nicht ermöglicht werden konnte in der Anstalt, die zur Zeit 26 Zöglinge beherbergt und reichlich Raum für 60 Zöglinge bietet! Auf Grund dieser überaus betrübenden Thatsache wird die dringende Bitte mehr als verständlich, die an die Spitze des Verwaltungsberichtes gestellt ist, daß die Wohlthäter, Gönner und Freunde des Vereins mit dem vollen ihnen zu Gebote stehenden Einfluß die Zahl der Mitglieder durch die auf dem Gebiete der Wohlfahrtseinrichtungen nur einzig erfolgreiche persönliche Agitation zu vermehren suchen mögen. Aus diesem Grunde wird es ferner verständlich, daß der Verein, wie es in der Generalversammlung bekannt gegeben wurde, nicht nur beschlossen hat, in den Provinzen, denen ein großer Theil der Zöglinge entstammt, bei Instituten und Privaten nach Kräften für den Verein zu werben, sondern auch an den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde mit einem Gesuch um eine Jahressubvention — für 3 Jahre je 6000 Mark — hcrangetreten ist. Bei der bisher üblichen Liberalität und Munificenz unserer Gemeindebehörden für die verschiedenartigsten Zwecke hätte man sich auch nicht dem leisesten Zweifel darüber hingeben dürfen, daß der erbetene Zuschuß nicht bereitwillig gewährt werden würde, und doch, das Wunderbare, hier ward's Ereigniß! Dem Kuratorium wurde am 7. d. Mts. mitgetheilt, daß der Gemeindevorstand „zu seinem Bedauern" die Subvention habe ablehnen müssen. Vom kulturellen wie vom Humanitären Standpunkte aus kann dieser Beschluß nur lebhaft bedauert werden, und zwar um so lebhafter, wenn man weiß, daß die Gemeinde zu weit weniger gemeinnützigen Zwecken viel größere Summen Jahr aus Jahr ein zur Verfügung stellt. Wir vermögen wenigstens nicht einen gemeinnützigen Zweck in der Unterstützung von Religionsschulen zu erblicken, in denen, wie es in den Jnspektionsberichten hieß, die Disziplin mangelhaft, die Leistungen sehr geringe sind, oder einer Schule, in der, was übrigens allgemein bekannt ist, die Schüler nur als Statisten figuriren, fast kein Unterricht ertheilt wird und somit die Subvention zu allen anderen Zwecken, nur nicht zu denen des Unterrichts verwendet wird. Auch die Subventionirung von Synagogenvereinen, die keinem anderen Zweck dienen, als etlichen Leuten Gelegenheit zu biete», „des Vorsteheramtes zu walten", vermögen wir keinen kulturellen Zweck zu erblicken. Wohl aber erscheint uns die Förderung eines Zweckes, wie der, dem das Lehrlingsheim dient, als eine eminent wichtige Kulturaufgabe. Wir können nicht glauben, daß der Grund der Ablehnung darin zu suchen sein sollte, daß in dem Institut nicht nur preußische Kinder Unterkunft und Ausbildung finden, denn es giebt auch andere Anstalten, bei denen man nicht eine so sorgfältige Prüfung des Materials vorgenommen und reichliche Zuschüsse bewilligt hat. Wir brauchen hier u. a. nur wieder auf die Religionsschulen der einzelnen