Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 Kurz nach dem Znslebentreten des Rezeptionsgesetzes für die Juden in Ungarn überreichte eine Abordnung der Distriktsrepräsentanten dem Kultusminister ein Memorandum, in welchem die Nothwendigkeit der Einberufung eines Landeskongresses behufs endgiltiger Regelung der sehr verwirrten jüdischen Angelegenheiten nachgewiesen wurde. Seither sind schon Jahre verstrichen, ohne daß die Einberufung des Kongreffes durch ein Landesgesetz angeordnet worden wäre. Sehr interessant ist mm die Rede, die der Kultusminister an eine Deputation, die ihn von Neuem um die Einberufung eines Kongreßes gebeten, gehalten hat. Wir geben die wichtigste Stelle in wortgetreuer Uebersetzung wieder: „Ich kann nichts anderes sagen, als daß die Einberufung eines Kongresses an sich die Gewähr des Erfolges noch nicht in sich trage. Ich gestehe aufrichtig, ich möchte, wenn wir einen Kongreß einberusen, daß derselbe auch aller Wahrscheinlichkeit nach die Garantie des Erfolges in sich berge. Sie wissen, daß ein Kongreß bereits stattgefunden hat; auch wissen Sie, daß die bindende Kraft des Kongreßstatuts durch Reichstagsbeschluß quasi aufgehoben wurde, mit der Begründung, daß, nachdem der Kongreß nicht mit vorheriger Einwilligung des Reichstags zusammengetreten ist, auch die Beschlüsse des Kongresses nicht vollkommen bindende Kraft besitzen. Ich habe Ihr Memorandum studirt und aus demselben ersehen, daß Sie Gewicht darauf legen, daß die Einberufung des Kongresses durch ein Landesgesetz angeordnet werde. Ich habe die Frage studirt und wiederholt erklärt, daß ich dieselbe für sehr ernst halte, und daß die Regierung sie zum Gegenstand eingehender Erwägungen machen werde. Eines indeß muß ich entschieden erklären: ich anerkenne voll und ganz das Streben und das Recht der israelitischen Konfession, als recipirte Religion ihre autonomen Angelegenheiten regeln zu wollen. Ich fühle es am besten, daß die gegenwärtigen Normen, die gegenwärtigen Rechtsquellen nicht geeignet sind, um die jüdischen Angelegenheiten so zu administriren, wie man sie administriren sollte. Sehr richtig hat Ihr Herr Redner hervorgehoben, daß, nachdem die Bedingungen der Gemeindeorganisation in erster Reihe an die Matrikelführer-Rabbinate gebunden sind, und das Matrikelwesen heute schon eine staatliche Angelegenheit ist, ohne Zweifel auch der Staat seine Schwierigkeiten hat bei der Bildung von neuen Gemeinden und Filialgemeinden, um so eher, als das Gesetz über die freie Religionsübung die auf die Bildung von Filialgemeinden bezüglichen Paragraphen auf die jüdische Religion nicht ausdehnt, und so halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß hinsichtlich der Regelung des Kultusgemeindewefens wahrscheinlich noch vor dem Kongreß gewisse provisorische Verfügungen nothwendig sein werden. Sie sehen hieraus, meine Herren, daß wir uns mit der Sache ernst befassen und alle jene Nachtheile empfinden, welche infolge der Ungeregeltheit der jüdischen Angelegenheiten uns sehr wohl bekannt find. Es ist kein Zweifel, daß eigentlich die jüdische Religion reeipirt ist, daß es also nicht mehrere jüdische Religionen giebt; wohl aber giebt es vom administrativen Gesichtspunkte mehrere Unterscheidungen, ja sogar rituelle Abweichungen: giebt es doch nebst den Kongreßgemeinden auch orthodoxe, Status quo ante- und Sephardimgemeinden. Auch betreffs der Gemeinde-Organisation sind Abweichungen vorhanden, besonders hinsichtlich der Gerichtsforen; auch finde ich es eigenthümlich, daß auch der Fall schon vorgekommen ist, wonach dieselbe Gemeinde einmal auf Kongreßbafls stand, dann orthodox und schließlich Status quo ante wurde, und das alles innerhalb kurzer Zeit. All diese mißlichen Verhältnisse kenne ich, und ich begreife den Wunsch der Herren, daß die heutige ungewisse Lage durch eine endgiltige Regelung abgelöst werde. Aber auch bis dahin dürfte eine provisorische Regelung nothwendig werden, denn eine große organische Regelung erheischt bekanntlich viel Zeit. Hinsichtlich des Verfahrens in der Administration erfahre ich mit Freuden, daß Sie mit vollem patriotischen Eifer bestrebt sind, die heimische Sprache zu verbreiten und — was ich natürlich nicht als Verdienst betrachte — die patriotischen Gefühle zu pflegen. Ich bitte Sie sehr, vollführen Sie mit demselben patriotischen Empfinden, mit demselben Eifer Ihre Arbeit auch weiterhin, und seien Sie bestrebt, mir meine schwierige Aufgabe zu erleichtern, welche um so schwieriger wird, je mehr ich erfahre, daß unsere gegenwärtigen Rechtsquellen sehr, mangelhaft und lückenhaft sind. Ich will auf dem Gebiete der jüdischen An- \ gelegenheiten mehr mit gutem Willen und Billigkeitsrückfichten als mit? in die starre Machtsphäre sich hüllenden Rechtsnormen erledigen. Die Regierung befaßt sich also mit dieser schwierigen Frage und ist nach Thunlichkeit bestrebt, sie derart zu lösen, daß die gesammte Judenschaft durch diese Lösung befriedigt werde." + Die französischen Antisemiten haben für die Nackenschläge, die ihnen der Verlauf der Dreyfus-Angelegenheit je länger je mehr versetzt, einen kleinen Trost erhalten. Das Schwurgericht in Grenoble hat nämlich den früheren Maire von Algier Max Rögis von der Anklage wegen Anfreizung zum Mord und zur Plünderung freigesprochen. Der treffliche Vorkämpfer des Nationalismus kann also sein Werk der Verhetzung ruhig fortsetzen. Schon seine Freisprechung hat in Algier neue Versuche zu Unruhen hervorgerufen. Als die Nachricht von ihr dort bekannt geworden war, sammelte sich eine "i j zahlreiche Menge auf der Place de la Ropublique und zog unter!.! Hochrufen auf Regis und Schmährufen auf die Juden durch die! j Stadt. Die Polizei verhinderte die Ausführung von Ausschreitungen,! j die gegen die Juden versucht wurden. Einige Verhaftungen wurden! j vorgenommen; ernste Zwischenfälle ereigneten sich — heißt cs — nicht. jj Dagegen kam es in Grenoble selbst zu einer entgegengesetzten j j Kundgebung. Die Herren Drumont, Guvrin, Boisandro, Lionne j'j und Andere waren bereits vor einigen Tagen mit ihrer Leibgarde, i einer Bande von Pariser Kamelots, in der Hauptstadt der Dauphins i erschienen, um durch allerlei Kundgebungen und Skandale die Bej völkerung und die Geschworenen einznschüchtern. Drumont und seine j Acolythen haben sich aber über die wahren Gesinnungen der Grcnobler j j getäuscht, denn die Emiffäre des Raffen- und Religionskrieges stießen bei denselben auf eine offen feindselige Haltung. Es kam daher zu verschiedenen Zusammenstößen zwischen der antisemitischen Leibgarde, welche die Straßen mit ihren wilden Rufen erfüllte, und den darüber empörten Bewohnern der Stadt. Wie aus Algier weiter berichtet wird, ist auch der gegenwärtige!; Maire durch den Präfekten vom Amte suspendirt worden infolge s mehrerer Zwischenfälle, welche ihre Beranlaffung in einer Etikette- - frage anläßlich der dortigen landwirthschaftlichen Ausstellung hatten. > Ein antisemitisches Mitglied des Generalraths wurde wegen Bel schimpfung des Präfekten verhaftet. Die Regierung erntet jetzt in Algier, was sie selbst dort in den letzten Jahren ausgesäet hat, indem sie den Anschein erweckte, als wollte sie. das Edikt Cremieux aufheben. Gleichwohl dürften gerade in Algier die Antisemiten kaum ihre Wünsche durchsetzen. Mehr Aussicht auf Erfolg dürften die Anjj träge im Parlament haben, wonach die Ausübung des allgemeinen jj Stimmrechtes in Algerien auf eine gewiffe Zeit ganz eingestellt jj werden soll, doch nicht sowohl wegen der Ueberzahl der Juden als wegen der naturalisirten Fremden. Neben 225 000 Kolonisten franlj zösischen Ursprungs leben in Algerien nach der letzten Zählung nur 49 000 Juden, während die Zahl der Fremden 207 000 beträgt.! Davon sind 55 000 naturalisirt, und die anderen werden bald ebenfalls französische Staatsangehörige sein, dank einem Nntionalisirnngsl. gesetze, das vielfach getadelt wird. Es sind also vielfach die Gründe für die Unzufriedenheit in Algier in Paris zu suchen, nicht aber bei den dort heimischen Juden, die häufig genug die Fehler der Gesetz- . gebung büßen müssen. i * i Jetzt erst darf die russische Presse Berichte über die Judenj Verfolgungen bringen, die am griechischen Ostermontag in Südrutzj land stattgefunden haben. Wenn aber auch die russischen Censurverhältnisse die Blätter hinderten, die volle Wahrheit über die